Ein leises Projekt gewinnt

Hintergrund, 3. Februar 2016
Von: Juho Nyberg, Inge Beckel, Jenny Keller

Klassenzimmer im Obergeschoss von Trakt C im Hebelschulhaus Riehen (MET Architects 2011 bis 2014). Bild: Ruedi Walti

Der Umbau des Hebelschulhauses in Riehen von MET Architects wurde zum Bau des Jahres 2015 gewählt.

Wir müssen es gleich zu Beginn noch einmal festhalten: Wir sind im Gegensatz zu anderen unbestechlich. Der Bau des Jahres ist die Wahl unserer Leserschaft. Zwar wählen wir die Bauten aus, die wöchentlich vorgestellt werden, doch einmal im Jahr lassen wir andere über das beste Projekt entscheiden. Das geschah auch dieses Mal mit guter Stimmbeteiligung, und der Sieger gewann deutlich: Das Hebelschulhaus von MET Architects erhielt eineinhalb Mal so viele Stimmen wie das zweitplatzierte, der Umbau eines Bauernhauses in Adliswil von Felippi Wyssen, und doppelt so viele Stimmen wie das drittplatzierte, das einzige Projekt im Ausland, der Hauptbahnhof in Wien von Theo Hotz Partner.
 

Nordostansicht Trakt C des Hebelschulhauses Riehen (MET Architects 2011 bis 2014). Bild: Ruedi Walti

Wir geben aber zu, wir sind froh, dass ein öffentlicher Bau das Rennen gemacht hat, der auch noch aus einem offenen Wettbewerb, genauer einem offenen Planerwahlverfahren, das der Kanton Basel-Stadt 2010 ausgeschrieben hat, resultiert. Dass eine Primarschule als gesellschaftlich relevante Bauaufgabe gewonnen hat, bestätigt für uns den Trend in der Architektur, dass gesellschaftliche, ja soziale Themen in der Architektur wichtig sind (man vergleiche Alejandro Aravenas Wahl zum Biennale-Kurator und seinen Pritzker-Preis Gewinn) und auch als wichtig erachtet werden.

Nordansicht Trakt C des Hebelschulhauses Riehen (MET Architects 2011 bis 2014). Bild: Ruedi Walti

Die Erneuerung eines bestehenden Schulhauses wurde auf den ersten Platz gewählt und damit kein Neubau auf der grünen Wiese – sofern es die noch gibt. Wir sind der Meinung, dass das Projekt sehr aktuell ist, denn weitere Baudenkmäler werden in die Jahre kommen und sanierungsbedürftig werden. Die zeitgenössische Architektur muss sich mit dem Bestand befassen, somit sind Umbauten nicht als minder wichtige Bauaufgaben zu verstehen, ganz im Gegenteil. Wir möchten Thomas Thalhofer, der zusammen mit Roula Moharram MET Architects bildet, zitieren, der diese Aufgabe so treffend zusammenfasst: «Die besondere Herausforderung der Bauaufgabe lag vor allem in der Frage, wie behördliche Auflagen und zeitgemässe technische Anforderungen konzeptionell in ein architektonisch herausragendes Gebäude integriert werden können – mit dem Ziel eine Konstellation von Alt und Neu zu suchen, die nicht den Kontrast von zwei unterschiedlichen Teilen sucht, sondern ein kohärentes architektonisches Objekt anstrebt.»
 

Foyer Trakt D, Hebelschulhaus in Riehen (MET Architects 2011 bis 2014). Bild: Ruedi Walti

Tibère Vadi gewann 1951 den Wettbewerb für die neue Real- und Sekundarschule Niederholz (heute Hebelschulhaus). Basierend auf diesem Erfolg gründete er im gleichen Jahr mit Max Rasser ein Architekturbüro in Basel. Wie Rasser und Vadi gründeten auch Thomas Thalhofer und Roula Moharram ihr Büro MET Architects nach dem Gewinn des offenen Wettbewerbs für die Gesamtsanierung des Hebelschulhauses. Eine grosse Wertschätzung des Bestands und viel Feingefühl zeichnet die Vorgehensweise von MET Architects in Riehen aus, die damit beweisen, sich hinten anstellen zu können, damit ein Projekt erfolgreich umgesetzt wird. So stellt das Hebelschulhaus einen Gegenpol zu den in letzter Zeit entstandenen Schulhaus-Neubauten dar, etwa Kerez’ Manifest in Oerlikon.

Thomas Thalhofer freut es, dass mit dem Hebelschulhaus ein «leises Projekt» gewonnen habe, was für ihn wider Erwarten geschah, denn «wenn man die Übersicht aller Bau-der-Woche-Projekte ansieht, findet man lauter super Projekte», sagt er. Vielleicht waren die Leser einfach zu faul weiterzuscrollen und haben das Projekt mit der Nummer 1 gewählt, meint er. Wir bezweifeln es.
 

Korridor Trakt D, Hebelschulhaus in Riehen (MET Architects 2011 bis 2014). Bild: Ruedi Walti

Dabei galt es, viele Unbekannte in den Entwurf einzubringen, denn die Architekten mussten sich mit dem Thema HarmoS befassen (das HarmoS-Konkordat bezeichnet die interkantonale Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule), ein Konzept, das noch nicht ausgereift ist und bisher in den Köpfen und auf dem Papier existiert, für das es aber noch keine räumlichen Vorbilder gibt. Das hat die Architekten vor aussergewöhnliche Herausforderungen gestellt, und wir halten es für eine besondere Leistung, dass sie trotz eines behutsamen Umgangs mit bestehender Bausubstanz, den Ansprüchen der heutigen pädagogischen Lehren gerecht geworden sind.


MET Architects können ihre Erfahrung, die sie beim Hebelschulhaus gemacht haben, nun bei einer weiteren Schulhaussanierung, -erweiterung in Basel anwenden, denn neben zwei kleineren Projekten in Beirut und einem Theatersaal in Basel führen sie für den Kanton Basel-Stadt gerade einen Wettbewerbsgewinn aus dem Jahr 2013 aus. Bis zum Schuljahrbeginn im Sommer werden das Dachgeschoss im Schulhaus St. Johann (Heinrich Reese, 1888) ausgebaut und die übrigen Geschosse gesamtsaniert. Direkt im Anschluss werden bis Frühjahr 2017 die Schulhäuser Pestalozzi (Heinrich Reese, 1893) und Vogesen (Diener & Diener, 1993 – 96) umgebaut und ebenfalls saniert.
 
Als vorgezogene Massnahme zur Umsetzung von HarmoS haben sie im vergangenen Sommer bereits sechs Regelklassenzimmer im dritten Obergeschoss der Sekundarschule Vogesen zu zwei sogenannten Lernateliers umgebaut und die Oberflächen der Korridore saniert. «Neben dem engen Terminplan (Sommerferien) und dem extrem engen Kostenrahmen, hatten wir natürlich grossen Respekt vor dem Umbau eines Gebäudes von Diener & Diener.», sagt Thalhofer. Die Herausforderung habe darin bestanden, aus einer baulichen Minimalmassnahme – dem Entfernen von Raumtrennwänden – ein architektonisches Konzept zu erarbeiten. Er erklärt: «Das Projekt spielt sich ausschliesslich an Boden, Wand und Decke entlang der 15cm breiten Raumtrennwände ab, die wir beinahe chirurgisch entfernt haben, damit einerseits die alten Räume sichtbar bleiben und andererseits das ursprüngliche Farbkonzept (verschiedene Farben pro Raum) noch besser lesbar wurde. Besonders interessant fanden wir die Überlagerung zweier aus unterschiedlicher Zeit stammender räumlicher Konzepte, die miteinander eine neue Lesart bilden.»

Klassenzimmer wurden zu Lernateliers zusammengelegt. Schulhaus Vogesen in Basel (Bestand Diener & Diener, Umbau Met Architects). Bild: Ruedi Walti


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