Hoch hinaus

Hintergrund, 19. April 2017
Von: Jenny Keller

Theaterturm auf dem Julier. Bild: Origen Festival Cultural

«Sometimes it snows in April», auch im Unterland. Aber das ist hier nicht das Thema. Auf dem Julierpass, auf 2300 Meter über Meer, soll im Spätsommer 2017 ein temporärer Theaterturm eröffnet werden.

Schon wieder ein Turm im Graubünden! Dieser hier ist zum Glück anders als der in Vals und steht auf besseren ideologischen Fundamenten. Er soll für alle zugänglich sein und anstatt mit dem Helikopter mit dem öffentlichen Verkehr erreicht werden. Auf dem Julierpass soll ein Holzturm entstehen, ein temporäres Theaterhaus des Theaterfestivals Origen inmitten der urtümlichen Landschaft. Anfangs Mai erfolgt der Spatenstich, und Ende Juli soll das Bauwerk, das im Herbst 2020 wieder abgebaut wird, von Bundesrat Alain Berset eröffnet werden.
 

Der Julier als Bühnenbild im Wechsel des Jahres. Bild: Origen Festival Cultural

Graubünden müsse substanziell in andere Bereiche investieren, als in die beiden traditionell stärksten, aber nun wackeligen, Standbeine Wintertourismus und Wasserkraft. Diese anderen Bereiche seien die Natur und die Kultur, sagt Andrea Hämmerle, Präsident von Pro Origen bei der Präsentation des neuen Projekts, dem Theaterturm auf dem Julier. Das Festival Cultural Origen erreicht seit 12 Jahren nicht nur eine kulturelle Reichweite, sondern auch eine regionale Wertschöpfung und es spielt nicht nur in Riom, seiner «Hauptstadt», sondern auch an unterschiedlichsten Spielorten draussen, auf vielen vergänglichen Bühnen. Als das Festival gegründet worden sei, bemängelten die Skeptiker fehlende Spielorte, sagt Intendant Giovanni Netzer, aber genau das Fehlen solcher Orte, habe dem Origen spannende Inszenierungen beschert, denn der Alpenraum gebe andere Themen her als eine herkömmliche Theaterbühne in der Stadt. «In Graubünden gibt es praktisch keine klassischen Theaterhäuser. Die Not hat uns neue, weitaus stärkere Spielräume eröffnet, die wiederum ein anderes Spiel hervorbringen. Die Präsenz der Natur, die Tageszyklen, die mythischen Räume, die dünne Luft: all das kreiert ein anderes, armes, reduziertes Theater, das Konzentration aufs Wesentliche einfordert, Transzendenz ermöglicht. In den Bergen denkt man über die Ewigkeit nach, in den Städten hat man dafür keine Zeit», so Giovanni Netzer.

Die aufgehängte Bühne ist in der Vertikalen verschiebbar. Bild: Origen Festival Cultural

Der Theaterturm wird ein weiterer solcher Spielort sein, der den Julier als Bühnenbild im Wechsel des Jahres inszenieren wird. Der Entwurf stammt von Giovanni Netzer, inspiriert hat ihn der Julier als «Nadelöhr der Geschichte», als Ort, an dem vieles vorbeigezogen ist. Der Rote Turm verweist auf den zeitlosen Mythos Babylon, von der grossen Sprachverwirrung, die den biblischen Turmbau scheitern lässt. Am Julierpass, der grosse Sprachräume trennt und verbindet, spiegle sich der Mythos in der kulturellen Realität des Kantons Graubünden. Der Turm, der aus vielen Treppen bestehe wandle Transition in Transzendenz um. Und die Bühne, die in Origens Turm im Raum hängt, erlaube Himmelfahrt und Höllensturz. Der Raum sei keine Black Box, die kraftvolle Naturlandschaft bilde die Bühne, die untergehende Sonne das Bühnenlicht, und der Sternenhimmel entlasse die Besucher, die in Fensterlogen und hohen Rängen sitzen, in die Nacht.

Die Präsenz der Natur soll das Theater beeinflussen. Bild: Origen Festival Cultural

Der Holzbauingenieur Walter Bieler realisiert die konzeptionellen Höhenflüge des Theatermannes und meistert damit auch eine grosse technische Herausforderung: Die mächtigste Einwirkung auf einem Pass sei der Wind, sagt der Ingenieur. So muss der Turm, der aus zehn fünfeckigen Türmen besteht, die als «soziales Tragwerk» einander unterstützen, eine Windgeschwindigkeit von bis zu 250 Stundenkilometern aushalten. Das Tragwerk besteht aus Platten, 12 Zentimeter dünnen Platten, die eine Höhe von 30 Metern überwinden, und obwohl es sich um einen Turm handle, müsse man in Flächen denken, sagt der Ingenieur. Die Bauzeit beträgt wenige Wochen und ist ein logistischer Kraftakt, dessen gelingen viel Wetterglück und einen schneearmen Frühling voraussetzt. Die Turmteile werden bei der Firma Uffer AG in Savognin vormontiert und als Schwertransport auf den Julier gebracht.
 
Der Theaterturm wird im Spätsommer 2017 eröffnet und im Herbst 2020 wieder abgebaut.
Alle Bauelemente können wiederverwendet werden. Die Bauarbeiten enstprechen den
hohen Anforderungen des Naturschutzes, und im Zuge der Bauarbeiten wird ein Teil des überdimensionierten Parkplatzes am Pass renaturiert und die ursprüngliche Hügellandschaft wiederhergestellt. Energie- und Wasserversorgung erfolgen autark. Die Heizungstechnik wird von ewz geplant, für die Lichttechnik zeichnet sich Serge Schmuki von Tokyoblue verantwortlich, die Bühne wird von Martin Hübscher von der Firma exent entworfen. Die Aufführungen auf dem Pass können nur mit dem öffentlichen Verkehr besucht werden.

Die Natur soll in den Theaterturm hineingeholt werden. Bild: Origen Festival Cultural

Origen begleitet den Turmbau mit einer ganzen Reihe von Veranstaltungen. Der Bündner
Standespräsident Michael Pfäffli wird anfangs Mai den Grundstein legen, der Walter Bieler gibt bei einem Atelierbesuch Einblick in die grosse Rechenarbeit seines Büros. Die Schwertransporte der Turmbauteile durch die engen Gassen des Surses werden mit einer Lesung über Kafkas und Hofmannsthals Turmerzählungen begleitet. Zuvor können die vierzig Turmstümpfe bei der Firma Uffer in Savognin betrachtet werden. Auf dem Julier wird ein kleines temporäres Baumuseum mit integrierter Aussichtsplattform errichtet. Besucher erhalten Einblick in die Probenarbeit Während der Aufführungszeit im August gibt es tägliche «Tage der offenen Türme». Die erste Inszenierung im Turm, Gion Antoni Derungs Oper «Apocalypse», wird unter dem offenen Sternenhimmel am Julierpass aufgeführt, danach erhält der Theaterturm im Herbst sein Winterfestes Dach.
 
Die Baukosten belaufen sich auf rund 2,5 Millionen Franken und werden von der öffentlichen Hand sowie von Kulturstiftungen und Privaten getragen. 1,7 Millionen Franken seien bereits zugesichert, und die Baubewilligung sei auf guten Weg, so Giovanni Netzer. Wir hoffen, dass der jüngste Schnee im April der letzte war, damit die kühne Vision termingerecht Wirklichkeit wird.

Zehn kleine, fünfeckige Türme bilden den grossen Theaterturm. Bild: Origen Festival Cultural


Das Projekt kann mit mehreren Optionen unterstützt werden: dem Stiften von Sitzplätzen, dem Lösen von Förderabonnementen oder dem Stiften von Logenfenstern. Mehr Infos unter www.origen.ch


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