Gegen die erstbeste Lösung
Bauherr sein heisst, Verantwortung übernehmen gegenüber der Allgemeinheit sowie den künftigen Generationen. Mit dem Maler-Unternehmer Theo Schaub sprach Inge Beckel.
Herr Schaub, was fasziniert Sie an der Architektur?
Nun, mich fasziniert, dass ein Bau eine öffentliche Wirkung hat. Er steht in der Landschaft oder einem gebauten Umfeld und prägt damit den spezifischen Ort, wo er steht. Gleichzeitig hat er einen konkreten Nutzen und muss im Alltag funktionieren. Ein Gebäude ist Ausdruck einer Kultur, die am Ort und in einer Region verankert ist. Nimmt ein Bau gar keinen oder wenig Bezug zu seinem Umfeld und seiner Kultur, orientiert er sich also eher an einer heute fast überall auf der Welt anzutreffenden, internationalen Architektur, handelt es sich für mich um etwas Austauschbares, Anonymes, um so genannte 0815-Architektur. In diesem Fall wird ein Haus zu einem reinen Zweckbau, der auf eine Zeitspanne von zwei bis drei Generationen angelegt ist, sein kultureller Wert ist gering. Diese Architektur interessiert mich nicht, ich meine, sie ist für einen Ort – und seine Nutzer und Nutzerinnen – auch wenig identitätsstiftend.
Was macht einen guten Bauherrn heute aus?
Es braucht einen gesamtheitlichen Blick. Ein guter und verantwortungsvoller Bauherr ergreift nicht die erstbeste Lösung. Es gilt etwa den bereits erwähnten Umstand zu berücksichtigen, dass ein Bau immer in den öffentlichen Raum hinaus wirkt, also Teil eines Ortbildes ist.
Hat ein Bauherr neben der privaten Verantwortung also auch eine Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit?
Ja, sicher. Man sollte ein Haus oder Gebäude gerne anschauen. Ich meine damit nicht unbedingt, dass es Kunst am Bau sein muss, die die Aufmerksamkeit auf sich zieht; ich spreche mehr von Baukunst. Ein guter, vernünftiger Bau ist auf einen längeren Zeithorizont ausgerichtet, auch künftige Generationen sollen ihre Freude daran haben können. Es gilt also keiner schnellen Mode nachzuleben, vielmehr soll ein Bau eine Wohn- und Lebensqualität haben, die in Zukunft noch immer begehrt ist. Altstadthäuser in Zürich, Chur oder Bern beispielsweise sind begehrt, obwohl ihre ursprünglichen Bauherren schon lange nicht mehr leben und entsprechend unsere Bedürfnisse heute nicht kennen konnten. Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit zu übernehmen heisst meines Erachtens auch, an künftige Generationen zu denken.
Sie sind KMU-Unternehmer. Gibt es Parallelen zwischen Ihrer Rolle als Unternehmer und als Bauherr?
Ja, auch hier gilt, dass es mein Ziel ist, dass ein Nachfolger – wenn es denn soweit sein wird – diesen Betrieb gerne übernehmen will. Ich selbst führe diesen Betrieb in der vierten Generation. Es gilt also sowohl als Unternehmer als auch als Bauherr in längerfristigen Zyklen zu denken. Dazu gehört die Kunden zu pflegen. Es ist nachhaltiger, einen Kunden zu pflegen und so zu arbeiten, dass er wieder kommt, als einen neuen Kunden zu bewerben. Unser ältester «Kunde» ist ein Haus, das wir seit seiner Erbauung vor 103 Jahren als Malerunternehmen betreuen. Die Besitzerfamilie ist immer wieder zu uns gekommen, zu meinen Vorgängern und nun zu mir. Vertrauen, Verlässlichkeit, Qualität, das sind Werte, die mir als Unternehmer sowie als Bauherr wichtig sind.
Worin werden Ihrer Meinung nach in Zukunft die Herausforderungen eines Bauherrn liegen?
Nun, es gibt Konstanten, die gelten auch in Zukunft, wie eben gesagt: Vertrauen, Verlässlichkeit, Qualität … Doch gleichzeitig müssen die Herausforderungen der Zeit mitgenommen und adaptiert werden. Was ich heute als eine besondere Herausforderung betrachte, ist das Wissensmanagement. Wie soll unsere kulturelle – auch handwerkliche – Identität in ihren wesentlichen Zügen erhalten werden bei der Flut an Informationen und Neuerungen, die wir verarbeiten müssen? Es geht hier um Werte, die es weiterzugeben gilt. Es geht darum, die Herausforderungen in Technik und Wissenschaft mit unseren überlieferten, bewährten Werten in gewissem Sinne in Einklang zu bringen und die Relevanz von Kultur mitsamt diesen Werten an die jüngeren Generationen weiterzugeben. Das betrachte ich als besondere Herausforderung, wir müssen es den Jüngeren vorleben.
Wo liegen heute die Schwierigkeiten beim Bauen?
Meine Erfahrung ist, dass heute besonders Einzelinteressen von Privatpersonen, von Anstössern, Probleme und Zeitverzögerungen bewirken. Die Gesetze erachte ich generell nicht als zu hart oder als zu einschränkend, mit Ausnahme der Ausnutzungsbeschränkungen im gebauten Raum. Ich denke da vor allem an den Aspekt des verdichteten Bauens im Ort als Antwort auf die fortschreitende Zersiedelung der Landschaft. Doch wenn ein Privater etwa den Bau von Genossenschaftswohnungen, dem zuvor gar der Volkssouverän zugestimmt hat, aus einem Einzelinteresse zu verhindern sucht, ist dies problematisch.
Wie haben Sie «Ihren» Architekten – Gion Caminada für Siat – gefunden?
Bauen ist bekanntlich ein Prozess. Ich verfolge das Architekturschaffen in Graubünden seit Ende der 1980er-Jahre. So war mir Gion A. Caminada – neben anderen bedeutenden Bündner Architekten – ein Begriff und sein Wirken in Vrin beste Referenz für die Weiterentwicklung des Ortes, wie wir es in Siat gemacht haben. Ich habe zahlreiche sich positiv abhebende Bauten im Kanton studiert – in der Surselva, im Val Lugnez, Safiental, Domleschg, Hinterrhein, Albulatal, Unterengadin und im Val Mustair. Dabei bin ich zur Erkenntnis gekommen, dass Caminada mein Wunscharchitekt ist. So bin ich direkt auf ihn zugegangen und habe ihm meine Vision vorgestellt. Diese hat er aufgenommen und selbst an der ETH mit seinen Studenten thematisiert: Bauen für die Gemeinschaft.
Und dass die Denk-, Diskussions- und Planungsphase bei guten Bauten in der Regel länger dauert als das eigentliche Bauen, ist ja kein Geheimnis sondern eine Grundlage des Erfolges!

Theo Schaub (*1961) führt ein grösseres Malerunternehmen in Zürich in der vierten Generation. In seiner Freizeit ist er oft im bündnerischen Siat anzutreffen, wo er u.a. – nachdem die letzte Beiz im Dorf geschlossen hatte – ein neues Gasthaus initiiert und zusammen mit dem Architekten Gion A. Caminada realisiert hat: die Ustria Steila.
Link: Schaub Maler AG







