Gesund Wohnen

Simone Hübener | 29.03.2011
Wir Mitteleuropäer halten uns etwa neunzig Prozent der Zeit in Innenräumen auf. Deshalb legen immer mehr Menschen grossen Wert darauf, in einem Haus zu wohnen, dessen Innenraumluft nicht mit allen möglichen Chemikalien oder Giftstoffen, wie flüchtigen organischen Verbindungen (kurz VOC), Formaldehyd oder Weichmachern, belastet ist. Von Simone Hübener.
Um die angeblich so schlechte Luft in unseren Städten machen wir uns viele Gedanken. Doch die Luft in unseren Räumen schadet unserer Gesundheit meist viel mehr. (Grafik: Sentinel-Haus Institut)
Bei zu viel Feinstaub in der Aussenluft oder einer zu hohen Ozonkonzentration machen wir uns (berechtigte) Sorgen um unsere Gesundheit. Über die Schadstoffe, die wir uns mit Laminatböden, Tapeten, Farben, Klebern und Möbel in die Wohnung holen, wie Formaldehyd, Weichmacher und auch das radioaktive Radon, denken viele nicht oder nur bedingt nach – auch wenn das Thema an Bedeutung gewinnt. Verschärft wurde dieses Problem durch die immer luftdichter gebauten Häuser, in denen die Luftwechselrate um ein Vielfaches niedriger ist als in unsanierten Altbauten. Es sei denn, eine Lüftungsanlage sorgt dafür, dass der Raumluft konstant Frischluft zugeführt wird. Auf der anderen Seite sind auch die Anforderungen des Gesetzgebers an die Grenzwerte von Schadstoffen bei neu eingebauten Produkten oftmals zu lasch. Mieter haben es in dieser Hinsicht natürlich sehr schwer, denn sie können meist nur bei den Möbeln, vielleicht bei Tapeten oder Innenputzen, im äussersten Fall bei den Bodenbelägen mitreden. Bauherren und ihre Architekten bestimmen dagegen selbst, mit welchen Materialien ihr neues Haus entstehen soll. Doch wie kann man sich nun ein wohngesundes Haus – so der Fachbegriff – bauen (lassen)? Ist auf die bekannten und weniger bekannten Prüf- und Gütesiegel Verlass?
Prüf- und Gütesiegel gibt es mittlerweile wie Sand am mehr. Dabei den Durchblick zu behalten ist fast unmöglich (Logos: TÜV Rheinland, RAL Umwelt gemeinnützige GmbH und natureplus e.V.)
Leider nicht immer, denn das eine oder andere entpuppt sich als so wertlos, wie das Papier, auf dem es gedruckt worden ist. Als Beispiel sei das Toxproof-Siegel zu nennen, das vom TÜV Rheinland vergeben wird. "TÜV" klingt zunächst einmal seriös, es klingt nach einem Verein, auf den man sich verlassen kann. Doch weit gefehlt. Die exakten Prüfkriterien werden nicht bekanntgegeben, so dass das Label nicht aussagekräftig ist. Differenzierter betrachten muss man dagegen den "Blauen Engel", für den das RAL Deutsche Institut für Gütesicherung und Kennzeichnung zuständig ist. Mal sind die Vorgaben sehr streng (wie bei den emissionsarmen Wärmedämmstoffen und Unterdecken für die Anwendung in Gebäuden), mal beschränken sie sich nur auf wenige Aspekte, wie krebserzeugende, erbgutverändernde und fortpflanzungsgefährdende Stoffe (beispielsweise bei den emissionsarmen Wandfarben). Wieder ein anderes Mal sagt er über eine mögliche Schadstoffbelastung nur sehr wenig aus ("weil überwiegend aus Altpapier"). Deutlich zuverlässiger ist das Naturplus-Zeichen, hinter dem der gleichnamige internationale Verein für zukunftsfähiges Bauen und Wohnen steckt. Die Basiskriterien können im Internet als pdf-Datei heruntergeladen werden, so dass sich jeder darüber informieren kann. Darin werden verschiedene Stoffe ausgeschlossen, beispielsweise Stoffe mit Gefahrensymbol T+. "T+" bedeutet dabei, dass diese Substanzen sehr giftig sind und selbst sehr geringe eingeatmete, verschluckte oder über die Haut aufgenommene Mengen zum Tode führen oder akute oder chronische Gesundheitsschäden verursachen können. Wichtig ist zu wissen, dass bei allen Produkten, die dieses Siegel tragen, "der Anteil an nachwachsenden und/ oder mineralischen Rohstoffe(n) inklusive Wasser [...] mind. 85 M-%" betragen muss. Die hier erwähnten Labels sind nur eine kleine Auswahl dessen, was sich auf dem Markt tummelt. Wer sich einen kompletten Überblick verschaffen möchte, dem sei die Lektüre des "Kompass Gütesiegel" angeraten, der im Öko-Test-Verlag erschienen ist.
Wer ein Haus bauen möchte, in dem es sich gut und gesund wohnen lässt, der muss sich mühsam jedes einzelne schadstoffarme Produkt zusammensuchen – oder Hilfe von Profis holen. (Bilder: Pavatex SA, Tretford, Leinos Naturfarben und Heraklith)
Daneben gibt es allerdings auch zahlreiche Hersteller, die ganz oder mehr und mehr auf die Produktion nachhaltiger, wohngesunder Baustoffe setzen, wie Pavatex im Bereich der Dämmstoffe, Leinos Naturfarben bei den Farben und Lacken oder Tretford für Bodenbeläge (besonders mit der neuen Eco-Fliese). Doch leider sind Baustoffe aus nachwachsenden Rohstoffen auch nicht immer besser oder gesünder. Manche müssen chemisch aufgerüstet werden, um all die Normen und Anforderungen für die Zulassung erfüllen zu können. Andere enthalten von Natur aus Allergene, wie Schafwolle, die einem gesunden Menschen nichts anhaben, für Allergiker allerdings fatale Auswirkungen haben können. Und in diesem Bereich gibt es mittlerweile nichts mehr, was es nicht gibt. Laut Aussage des Sentinel-Haus Instituts für wohngesunde Baukonzepte reagieren manche Menschen aufgrund der sogenannten Multiple Chemical Sensitivity (MCS) auf winzigste Mengen von Chemikalien oder gar auf Papier – so unglaublich sich das anhören mag.
Auf der ersten Blick ist ein wohngesundes Haus nicht von einem „normalen“ zu unterscheiden. (Bild: Sentinel-Haus Institut)
Das Risiko, bei diesem 1.000-Teile-Puzzle einen Fehler zu machen – und sei es nur ein falscher Kleber, ein ungeeignetes Fugenmaterial –, ist gross. Auf Nummer sicher gehen kann man nur, wenn man sich hier Profis anvertraut. Die Auswahl in Deutschland ist leider mehr als gering, denn strenggenommen kommt nur das Sentinel-Haus Institut in Frage. Die Idee dieses Instituts basiert nicht auf den einzelnen Baumaterialien sondern auf dem fertigen Haus. Denn vor Beginn der Planung werden zwischen Bauherr, Architekt und Planern für Formaldehyd und VOC bestimmte Zielwerte vertraglich vereinbart, nach der Fertigstellung des Gebäudes von einem unabhängigen Institut geprüft und im sogenannten SHI-Gesundheitspass festgehalten. "Der SHI-Gesundheitspass ist das Ergebnis des seit 2005 mit Unterstützung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt entwickelten Verfahrens, mit dem ein Bauunternehmen dem Endkunden und Investor unabhängig von Bauweise und Typ des Gebäudes unter der Verwendung handelsüblicher Baustoffe eine festgelegte Qualität der Innenraumluft vertraglich vereinbaren kann." Bei Gebäuden mit Lüftungsanlagen kommen Grenzwerte und Messungen für Feinstaub und Schimmelpilze hinzu. Die einzelnen Grenzwerte werden nach dem aktuellen Stand der Forschung immer wieder überprüft und angepasst. Die Kriterien für 2011 können hier heruntergeladen werden. "Für Menschen, die gesund sind und gesund bleiben wollen" empfiehlt das Sentinel-Haus Institut den Basisschutz. Wer bereits mit Allergien oder Unverträglichkeiten zu kämpfen hat, sollte sich dagegen ein individuelles Konzept erarbeitet lassen. Dies hat natürlich seinen Preis, denn mit 10.000 bis 15.000 Euro muss man rechnen. Andererseits ist diese Variante für viele Allergiker unumgänglich. Gemessen wird die – hoffentlich niedrige – Schadstoffbelastung 30 Tage nachdem das Gebäude fertiggestellt worden ist. Denn viele Stoffe gasen schnell aus, die Konzentration ist nur in den ersten Wochen erhöht. Wird ein Wert nicht eingehalten, dann müssen die Handwerker, die extra vom Sentinel-Haus Institut geschult werden, nachbessern. Ist der Einzug ins neue, schadstoffarme Haus geschafft, müssen die Bewohner fortan ihren Teil dazu beitragen, dass die Wohn- und Lebensqualität erhalten bleibt. Denn durch die falschen, sprich schadstoffhaltigen Möbel, Teppiche, Gardinen und auch Reinigungsmittel ist es mit der schadstoffarmen Raumluft schnell wieder vorbei. Darauf können Sie Gift nehmen. sh
Mehr Informationen zu einigen Schadstoffen:
VOC
Radon
Kohlendioxid
Feinstaub
Weichmacher
polychlorierte Biphenyle (PCB)

Weitere wichtige Links:
Umweltbundesamt
Ausschuss zur gesundheitlichen Bewertung von Baustoffen (AgBB)
Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU)
Deutsches Institut für Bautechnik (DIBt)
Aktionsprogramm Umwelt und Gesundheit (APUG)