Biennale 2010
Zurück zu Raum und Mensch
Angenehm unaufgeregt kommt die 12. Architektur-Biennale in Venedig daher
Am vergangenen Wochenende öffnete die zweijährlich wiederkehrende Architektur-Biennale dem Publikum ihre Tore. In den Venezianer Giardini und im Arsenale lädt Bekanntes, aber auch Neues auf Entdeckungsreise ein.

Inge Beckel
Körperlichkeit, Sinnlichkeit
People meet in Architecture, so der Titel der diesjährigen Ausstellung. Kuratorin ist die Japanerin Kazuyo Sejima, die als Frau damit erstmals die prestigeträchtige Architektur-Biennale leitet. Nächstes Jahr folgt die Schweizerin Bice Curiger, designierte Kuratorin der dortigen Kunstbiennale 2011. Im vergangenen Mai erst eröffnete Sejima, zusammen mit ihrem Partner Ryue Nishizawa, das neue Rolex Learning Center an der EPF in Lausanne. Weiter wurde dem Duo in diesem Jahr der Pritzker-Preis zugesprochen. Der Titel der Venezianer Ausstellung nun – People meet in Architecture – klingt so gewöhnlich wie anregend. Denn es sind letztlich die Menschen, die hier wieder einmal ins Zentrum des Interesses gerückt werden. Menschen, die in Bauten respektive in deren Räumen leben, arbeiten und sich begegnen.
Doch fangen wir vorne an. Betritt man den ersten Raum des Arsenale, läuft man auf einen massiven Stein zu, der von einer mit Holz ausgelegten Kerbe durchbohrt ist (von Smiljan Radic & Marcela Correa), den übernächsten Raum dominieren zwei massive, gekreuzt übereinander geschichtete Träger, damit tragend wie auch schwebend (von Antón García-Abril & Ensamble Studio). Architektur besteht aus Baukörpern, Architektur ist Masse, Materie. Diese muss nicht bedrückend sein, vielmehr kann sie Leichtigkeit, beinahe Unbeschwertheit vermitteln. Sejima selbst meint, durch das Internet und andere Technologien sind wir Menschen oft indirekt verbunden, in dieser immateriellen Welt wird physisch greifbare Architektur umso wichtiger. Geglückt scheint vor diesem Hintergrund auch der belgische Pavillon, wo gebrauchte Bauteile – herausgerissene Bodenbeläge, alte Treppengeländer – Spuren aus ihrem alltäglichen Gebrauch offenbaren.
In diesen Kontext sind auch die Schweizer Beiträge zu stellen, sowohl die beiden im allgemeinen Teil – Christian Kerez und Valerio Olgiati, die primär grossformatige Modelle zeigen – als auch die Ausstellung von Jürg Conzett im Schweizer Pavillon, wo in Fotografien von Martin Linsi hiesige Strassen und Brückenbauten dokumentiert werden, historisch wie zeitgenössisch (gemeldet 35|10). Doch ist es nicht allein die Körperlichkeit der Bauteile, die uns faszinieren kann, ebenso geht es darum, neben dem Auge möglichst viele Sinne einzubeziehen. So finden sich im Arsenale ein Klangraum der Kanadierin Janet Cardiff sowie eine Art begehbarer Nebel von Transsolar & Tetsuo Kondo Architects, der durchaus an die Wolke der Expo 02 erinnern kann.
Öffentliche Räume, leere Räume
Der derzeitige Direktor der Biennale, Paolo Baratta, aber ist vor allem an dem interessiert, das sich zwischen den Architektur-Stücken abspielt, an der res publica. Fast exemplarisch steht dafür gewissermassen ein Fassaden-Fragment des so genannten Nagelhauses im Palazzo delle Esposizioni. Es ist ein Projekt von Caruso St. John mit dem Künstler Thomas Demand, das sie im Rahmen für die Neugestaltung und -bespielung des Escher-Wyss-Platzes in Zürich erarbeitet haben. Das Original des Hauses stand einmal in China, die Besitzerin hatte sich vehement gegen einen Abriss gewehrt, so lange, bis nur noch ihr Haus inmitten einer riesigen Baugrube stand – bevor auch ihr Heim verschwinden musste. Eine Reminiszenz wird künftig in Zürich stehen – vorausgesetzt, die Zürcher Stimmberechtigten nehmen den Kredit Ende September an!

Auch der russische Pavillon thematisiert das öffentliche Leben, dies insofern, als er Möglichkeiten der Weiterentwicklung, der Sanierung oder auch des parziellen Neubaus von mittelgrossen Städten anschaut. In einem eigentlichen Panorama, einem Bild, das einen 360° umfliesst, werden gläsern transparente, kubische Neubauten neben historische Kirchen platziert, liegt eine Segeljacht im Hafen vor einer alten Fabrik, oder es findet sich ein modernes Kulturhaus, fliessend geschichtet in der Form, ein Hinweis darauf, dass auch die Provinz nicht von gestern ist. Denn wie anderswo führt in Russland die Migration der Bevölkerung in die grossen Millionenstädte, mit der Folge, dass die Landstriche dazwischen ausdünnen. Zurück im Palazzo findet sich übrigens eine äusserst listige wie lustige Installation, so könnte man fast sagen (man glaubt sich kurzerhand in ein Brockenhaus versetzt), von Rem Koolhaas respektive seinem Büro OMA. Koolhaas hilft übrigens just in Moskau eine Architekturschule aufzubauen. In seiner gewohnt antizipierenden wie provozierenden Manier hat er Schwerpunktthemen definiert, die er in Russland mit den Studierenden unter die Lupe nehmen will: design, energy, preservation, public space und thinning (Form, Energie, öffentlicher Raum, Erhalt und Schrumpfung – in der Schweiz auch als Brache diskutiert).
Besucher als Mitarbeitende
Ausser dem Niederländer Koolhaas, dem an der diesjährigen Biennale der Goldene Löwe für seine Lebensverdienste verliehen wurde, fehlen in Venedig die meisten der ganz grossen Namen; überdies ist aus den USA, für die letzten Dezennien wohl untypisch, nur eine Person vertreten, der Künster Tom Sachs. Es war interessanterweise just Koolhaas, der an einem Podium in Venedig festhielt, dass das Titelbild des Time-Magazin seit 1979 keinem Architekten mehr gewidmet war – damit seit Philip Johnson, damals Vertreter der sich ankündigenden Postmoderne. Seit wir also Icons zu einem zentralen Moment von Architektur wie Architekturdiskurs gemacht haben, sind die Macher von Bauten in einem breiteren kulturellen Kontext marginalisiert worden (gefunden 35|10).
Kazuyo Sejima «sammelte» die Beiträge fürs Arsenale wie den Palazzo vorwiegend unter – jedenfalls im Westen – weniger bekannten Persönlichkeiten zusammen. Weiter rekrutierte die Ausstellung diverse Künster und Künstlerinnen, obwohl es sich bei der diesjährigen um eine Architektur-Biennale handelt. Wie im Katalog nachzulesen ist, erklärt Sejima, ganz ungewohnterweise, auch die Besucherinnen und Besucher sinngemäss zu am Bauprozess Mitarbeitenden, schliesslich sind sie es, die die Architektur mit ihren Räumen und Zwischenräumen durch ihre Bewegungen, ihr Handeln und ihr Sein, ihre sinnliche Wahrnehmung beleben – und damit als Nutzende zu einem Teil der Lebenszyklen von Bauten werden. Im Aresenale ist ein Film von Wim Wenders zu sehen, der in 3D und in einer teilweise gar an den kleinen Prinzen von Saint Exupéry erinnernden Art und Weise Geschichten aus dem Rolex Learning Center erzählt. So setzt sich beispielsweise eine Putzfrau plötzlich an einen Tisch, nimmt das dort liegende Buch zur Hand und entschwindet für einen Moment in für sie ungekannte Welten … Der Mensch als Ziel des Bauens, eine schöne Geschichte.
Die Biennale in Venedig ist noch bis zum 21. November täglich von 10–18h geöffnet; Eintritt 20 Euro.



