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Der Mensch im Zentrum / genutzt

Inge Beckel | 04.11.2010

Der Mensch im Zentrum?

Die Hochschule Luzern bietet ab Frühjahr 2011 eine Weiterbildung an, die sich «Bedürfnisgerechtes Planen und Bauen» nennt. Ist die Fokussierung des Bauens auf Bedürfnisse der Nutzenden nicht länger eine Selbstverständlichkeit? Frau Ilinca Manaila, die den Kurs leitet, äussert sich, die Fragen stellte Inge Beckel.

Partizipative Spielplatzgestaltung Lochergut: Piratenschiff und Steg, Farbgebung und Grundidee Kinder Spielgeräte: Motorsänger GmbH; Prozessleitung Kinderpartizipation: Mega!Phon
(Bild: Motorsänger GmbH)

Interessierte finden hier mehr Informationen.

Frau Manaila, planen und bauen wir nicht für Menschen? Ist das Haus nicht auch eine dritte Haut oder Hülle für Menschen, um sie physisch wie psychisch vor Umwelteinflüssen zu schützen?


Selbstverständlich gehört zum Beruf der Architektin, des Architekten und aller anderen bauplanenden Berufsgattungen – das Haus verstehe ich in diesem Kontext als Archetyp der gebauten Umwelt – das Erfassen der Bedürfnisse der künftigen Nutzenden und die räumliche Umsetzung dieser Bedürfnisse von Beginn an dazu. Im Laufe der Zeit und mit zunehmender Spezialisierung wurden die Anforderungen an die gebaute Umwelt immer komplexer: Es gilt, ökonomische, ökologische und gesellschaftliche Faktoren und ihr Zusammenwirken unter zum Teil hohen terminlichem und finanziellem Druck zu beachten und in eine gute, möglichst allen Kriterien gerechte Form zu bringen. Im täglichen Berufsleben kommt es immer wieder vor, dass gewisse Faktoren – die sogenannten weichen, qualitativen Kriterien, die sich nicht auf den ersten Blick und in einfachen Gleichungen erschliessen – an den Rand gedrängt oder gar vernachlässigt werden.


Ein zentrales Credo aus der Zeit der Moderne sind die drei berühmten «f»: form follows function. Wiederum die Frage, vernachlässigen Architekten und Architektinnen heute ihren eigenen Grundsatz?

Auch wenn das Bauen schon seit Anbeginn der Erfüllung menschlicher Bedürfnisse diente: Die Form folgt der Funktion ist ein für die Moderne wichtiger Grundsatz. Die in der Mitte der 20er Jahre entstandene Frankfurter Küche beispielsweise wurde vom Gedanken der Arbeitsoptimierung und der industriellen Massenanfertigung geprägt und nach ergonomischen und praktischen Erwägungen gestaltet. Heutzutage geht es in unserer gestalterischen Tätigkeit darum, die Nutzenden ins Zentrum zu stellen, deren sozialen Bedürfnisse zu erfassen, daraus funktionale Erfordernisse abzuleiten und diese dann baulich–räumlich umzusetzen. Das geht über eine reine Optimierung der Funktionsabläufe hinaus: Idealerweise ist am Schluss eines Entwurfs– und Bauprozesses der scheinbare Widerspruch zwischen Form und Funktion aufgehoben und ein entsprechendes Gleichgewicht erreicht.


Menschen haben sehr unterschiedliche Bedürfnisse, währenddem im Laufe des 20. Jahrhunderts eine starke Normierung von Tätigkeiten – und damit rückwirkend Bedürfnissen – stattgefunden hat. Wie gehen Sie mit Differenzen um?

Die Bedürfnisse der Menschen sind vielfältig und von zahlreichen Faktoren gesellschaftlicher, ökonomischer und ökologischer Art abhängig. Wir sind ununterbrochen mit der gebauten Umwelt konfrontiert und nehmen diese in verschiedener Art und Weise wahr. Männer und Frauen, Kinder, ältere Menschen sowie Personen verschiedener Kulturen – um nur einige zu nennen – haben bei der Nutzung eines Gebäudes oder einer gebauten Umgebung unterschiedliche Bedürfnisse – zum Beispiel nach Orientierung, Sicherheit, Wohlbefinden und Behaglichkeit, Identifikation und Aneignung etc. –, die es zu berücksichtigen und in Planung und Bau einfliessen zu lassen gilt. Im Zusammenspiel mit allen übrigen Anforderungen lässt sich eine ganzheitliche Betrachtungsweise erreichen.


Hat ein bedürfnisgerechtes Bauen mit Nachhaltigkeit zu tun? Inwiefern?

Das bedürfnisgerechte Planen und Bauen bildet einen wichtigen Aspekt der sozialen Nachhaltigkeit, indem die künftigen Nutzenden von Anfang an in den Mittelpunkt gestellt werden. Währenddem die ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit schon ein selbstverständlicher Teil unseres täglichen Berufslebens sind, wird der gesellschaftliche Bereich noch vernachlässigt. Dies unter anderem deshalb, weil sich letzterer erst auf den zweiten Blick in Zahlen erfassen lässt. Gerade jedoch eine auf allen Ebenen nachhaltige Planung und Ausführung bewirkt beispielsweise eine stärkere Identifikation mit dem Gebauten und vermag dadurch Mehrwert zu generieren.


Was sind die Ziele der Weiterbildung «Bedürfnisgerechtes Planen und Bauen»? Was erwartet die Studierenden?

Die berufsbegleitende Weiterbildung «Bedürfnisgerechtes Planen und Bauen» an der Hochschule Luzern beginnt im März 2011. Vermittelt werden Methoden und Instrumente für die strategische Planung und für die finanzielle Beurteilung praxisbezogener Projekte sowie interdisziplinäres Wissen zum bedürfnisgerechten Planen und Bauen anhand von Theorie und Fallbeispielen. Die Teilnehmenden können nach ihrem erfolgreichen Abschluss als Expertinnen und Experten den Auftraggebenden bedürfnisgerechte Lösungen und qualifizierte Beratungen anbieten. Sie können diese initiieren, entwickeln und steuern und dafür adäquate Methoden einsetzen. Zudem besitzen sie Expertisenwissen zur Beurteilung von Wettbewerben, Planungen und Bauten aus der Sicht von Gesellschaft und Nachhaltigkeit.

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Bild: via stylesight.com
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