Gesellschaft für die «alte Dame»

Wildrich Hien Architekten haben kürzlich eine Schulerweiterung in Nidau fertiggestellt. Bianca Wildrich wählt drei Zeichnungen und vier Fotos und beantwortet unsere fünf Fragen.
Ansicht Schulensemble vom Fluss
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?
Der Umgang mit dem Ort hat den Entwurf massgeblich beeinflusst. Zu Beginn unserer Arbeit stand die Frage: wie geht man mit einem derart dominanten Gebäude um und wird gleichermassen den vielfältigen Anforderungen der Ausschreibung gerecht? Unsere Antwort ist ein freistehender Erweiterungsbau, welcher der «alten Dame» – wie wir den Altbau liebevoll nennen – respektvoll gegenübertritt. Die grosse Lukarne verleiht dem Neubau seine Eigenständigkeit, sie nimmt Bezug zur gegenüberliegenden Turnhalle und stärkt die Einheit des neuen Schulensembles. Der volumetrisch sanft gegliederte Baukörper nimmt zur Strasse hin die Massstäblichkeit der umliegenden Bebauung auf und ordnet sich zurückhaltend in das städtebauliche Muster des Quartiers ein.
Situation
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Das Besondere liegt zum einen in der ortsbaulichen Qualität des Projekts und zum anderen in der überraschenden innenräumlichen Vielfalt. Beim Betreten des Gebäudes gelangt man in eine mehrgeschossige Halle mit Treppenanlage, welche die gesamte Dimension des Baukörpers im Inneren spürbar macht. Der Hallenraum drückt eine Grosszügigkeit aus, die dem bescheidenen äusseren Eindruck des Gebäudes gegenübersteht. Über den Fachräumen ist im Dachgeschoss als krönender Abschluss die Aula angeordnet, ihre gezielt gesetzten Fenster stellen Blickbezüge zu Fluss und Schulhof her.
Strassenansicht mit Eingang
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?
Aufgrund des erst nach dem Wettbewerbsverfahren formulierten Kostenrahmens mussten wir massive Einsparungen vornehmen. Durch Mehrfachnutzungen diverser Räume und verschiedene andere Kniffe schafften wir es, das beim Wettbewerb formulierte Raumprogramm weitestgehend einzuhalten. Die markante Volumetrie des Gebäudes sowie die Materialisierung in Sichtbeton konnten wir beibehalten, die Raumanordnung sowie die innere Organisation des Neubaus wurden vollständig überarbeitet.
Eingangshalle
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?
Die Erweiterung der Schule Balainen ist der erste realisierte öffentliche Bau unseres jungen Architekturbüros. Themen, welche uns bei kleineren Projekten bereits beschäftigten, konnten wir in einem grösseren Massstab bearbeiten: das Weiterbauen und Anpassen bestehender Gebäude, die Interpretation «traditioneller Elemente» in eine moderne Architektursprache, den Einbezug des Know-hows von Produktherstellern und Handwerksfirmen bei der Detailentwicklung etc.
Grundriss Erdgeschoss
Querschnitt
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Von Anfang an erschien es uns wichtig, Elemente – und somit auch Materialien – des Bestandes modern interpretiert für die Erweiterung zu verwenden. Die sandgestrahlte Sichtbetonfassade in hellen warmen Brauntönen wurde analog zur mineralischen Putzfassade des Altbaus entwickelt. Geschuppte Dachdeckungen und Giebelwandverkleidungen sollten ihr Pendant in der Schindeldeckung aus Faserzementplatten beim Neubau finden. Durch die enge Zusammenarbeit mit dem Hersteller konnten trotz konventionellem Material neuartige Details einwickelt werden, die den skulpturalen Ausdruck des Gebäudes verstärken und messerscharfe Abschlüsse und Kanten ausbilden.


Wir freuen uns über Ihre Anregungen und Kritiken!
Ausschnitt Hoffassade
Erweiterung Schule Balainen
2012

Nidau BE

Auftragsart
Offener Wettbewerb

Bauherrschaft
Stadt Nidau

Architektur
Wildrich Hien Architekten, Zürich
ab Bauprojekt in ARGE mit Frei + Saarinen Architekten, Zürich und Bauleitung GmbH, Biel

Fachplaner    
Bauingenieur: Wälchli + Pail AG, Biel
Haustechnikplaner: Matter + Ammann AG, Bern
Elektroplanung: Beraplan AG, Lyss
Bauphysik: Ehrsam & Partner AG, Pratteln

Energiestandard
Minergie

Fotos
Johannes Marburg, Genf