Wohnhaus in Kilchberg

Frei + Saarinen Architekten haben kürzlich ein Wohnhaus in Kilchberg fertiggestellt. Die Architekten wählen drei Zeichnungen und sechs Fotos und beantworten unsere fünf Fragen.
Viele Lochfenster und «Blechkappe» prägen das Äussere
Welche Ideen liegen diesem Projekt zugrunde?
Das Erdgeschoss besteht aus einem verschachtelten, zonierend wirkenden Raumgefüge, welches Ost- und Westgarten über drei leicht versetzte Ebenen mäandrierend verbindet. Gemeinschaftliche Bereiche sind (bei entsprechend bescheideneren Individualräumen) grosszügig dimensioniert und Zwischenbereiche teilweise als vollwertige Wohnfläche nutzbar. Dies vielleicht am konsequentesten im Dachgeschoss, dessen zentrale Halle sich mit den angrenzenden Terrassenbereichen durch kaschierbare Schiebeverglasungen zu einem S-förmigen Kontinuum vereinen lässt, wodurch sich die Verhältnisse umkehren und die Halle dann eher als überdeckter Aussenbereich wirkt. Ausserdem sind die Treppenläufe nicht übereinander angeordnet. So entsteht eine vierzig Meter lange Promenade, die durch mannigfaltige Durch- und Ausblicke sowie stark variierende Raumhöhen geprägt ist, und dank derer das Haus trotz sehr unterschiedlich konzipierter Geschosse nicht in Einzelepisoden zerfällt.
Beginn der Promenade...
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?
Richtung Westen blickt das Haus in eine idyllische unverbaubare Hügellandschaft, woraus sich die Grundzüge der Raumdisposition ableiten. Allerdings graut uns vor konzeptionellen «One-Linern» – in diesem Falle Panoramafenster-Architektur Richtung Abendsonne, mit einem «Rucksack» aus Nebenräumen. Im Gegensatz dazu ist das Haus in Kilchberg ein vielschichtig verwobenes Gebilde, dessen räumliche Dramaturgie nicht zuletzt aus einer mit zwanzig Fenstern präzise inszenierten Blick- und Lichtführung gründet.
…deren Länge 40m beträgt
Raumgefüge
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?
Die Eltern des Auftraggebers wohnen auf dem Nachbargrundstück. Das Haus musste folglich auch für sie optimal sein, was einen massgeblichen Einfluss auf den Entwurf hatte, von der Positionierung auf dem Grundstück bis hin zur Formgebung: Die Gliederung des Baukörpers mittels heruntergezogener «Blechkappe» (gewissermassen die rechteckige Abstraktion eines Giebeldaches) verringert den visuellen Impact zum Elternhaus hin und erlaubte es, die verbleibende zweigeschossige Fassade darunter unprätentiös auszubilden, ohne dass die Gesamterscheinung dadurch in Banalität abgleiten würde. Als kleiner Wink hinüber zum Elternhaus wurde der Neubau im identischen Farbton gestrichen.
Bad
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?
Allerdings. Die Vorgeschichte des Bauwerks reicht bis ins Jahr 2005 zurück, als wir beauftragt wurden, ein Doppeleinfamilienhaus auf dem Grundstück zu entwerfen. Mit spitzwinkligen Geometrien und versetzen Geschossen gelang es uns, hochpräzis die Vorstellungen der Auftraggeber umzusetzen und die spezifischen Qualitäten des Ortes auszureizen. Alle beteiligten standen hinter dem Projekt, selbst die Behörden waren begeistert. Allerdings nicht die Banken – sie taxierten die Architektur als riskant, weil «zu spezifisch» und vernichteten damit zwei Jahre Arbeit. Nachdem eine Partei abgesprungen war, entstand das Wohnhaus in seiner heutigen Form. Nicht weniger spezifisch aber unverdächtig rechtwinklig.
Vollständig kaschierbare Schiebetüren
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?
Als unser erster gebauter Wohnungsbau hat er eine besondere Bedeutung, weil wir einige grundsätzliche Überlegungen zum Wohnen umsetzen konnten: Wir halten zonierte Interieurs für eine interessante Alternative zum Trend, alles möglichst gross und flexibel zu gestalten. Lange Wege und Einbaumöbel, die sich in den Weg stellen, widersprechen funktionalistischen Komfortvorstellungen zugunsten räumlicher Vielschichtigkeit. Schwelgen im Kollektiven und Sparen im Individuellen war eine Strategie, von der man die Auftraggeber glücklicherweise überzeugen konnte. Nun freuen sich alle z.B. über den tunnelförmigen Raum im Dachgeschoss, obwohl niemand mit Bestimmtheit sagen kann, wozu er eigentlich gut ist. Die Freude am Nutzlosen finden wir interessant.


Wir freuen uns über Ihre Anregungen und Kritiken!
Situation
Grundrisse
Schnitte
Wohnhaus in Kilchberg
2012

Kilchberg ZH
 
Auftragsart
Direktauftrag
 
Bauherrschaft
Privat
 
Architektur
Frei + Saarinen Architekten, Zürich
Barbara Frei, Martin Saarinen, Stefan Wülser
 
Fachplaner
Bauphysik: Raumanzug GmbH, Zürich
Statik: Schnetzerpuskas, Zürich

Energiestandard
Minergie
 
Massgeblich beteiligte Unternehmer
Blechfassade: Scherrer Metec AG, Zürich
Innenausbau: Lehmann Arnegg AG, Arnegg
 
Fotos
Stefan Wülser, Zürich