Neues Lernen in den Alpen

RAHBARAN HÜRZELER  |  BGM haben kürzlich ein Primarschulhaus in Engelberg fertiggestellt. Ursula Hürzeler stellt sich unseren Fragen.
Engelberg mit Kloster und Schulanlage
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Mit dem Abbruch des alten Schulhauses von 1878 ergab sich die Chance, an prominenter Lage einen neuen und richtungsweisenden Schulbau zu verwirklichen. Die neue Schule liegt am Hang über dem Dorfkern von Engelberg mit Blick über das denkmalgeschützte Benediktinerkloster und auf die eindrückliche Bergkette mit Titlis, Rotstock und Hahnen. In seiner Setzung, Gestalt und Materialisierung bezieht sich das Gebäude auf den angrenzenden brutalistischen Schulbau von Ernst Gisel aus dem Jahre 1967. Das vorhandene Thema der Rue Interieure und der Platzbildung wird aufgenommen und im Neubau weitergeführt.
Neues Schulhaus mit skulpturaler Betonfassade
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Die Kinder verbringen immer mehr Zeit in der Schule, daher sehen wir die Schulräume nicht nur als Räume zum Lernen, sondern auch als eigentliche Lebensräume. Das Schulhaus ist geprägt von einer inneren Durchlässigkeit; es gibt Sichtbezüge von Raum zu Raum und von Ebene zu Ebene. Überall im Haus behält man einen Sinn für das Ganze. Zwei Lichthöfe verbinden die drei Ebenen in der Vertikalen und ermöglichen visuelle Bezüge zwischen den unterschiedlichen Bereichen. Diese Blickbeziehungen fördern das Gemeinschaftsgefühl und den Austausch zwischen Kindern und Lehrpersonen.
Zentrale Pausenhalle
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?
Der Neubau bezieht sich in seiner Lage und Volumetrie auf den bestehenden Bau «Aeschi» von Ernst Gisel. Das Thema der Plätze wird aufgenommen und weitergeführt. Durch die vorgeschlagene Setzung wird ein dreiseitig gefasster Pausenplatz gebildet. Die Haupteingänge des Schulhaus Aeschi und des Neubaus liegen beide am Schulhausweg. Der ansteigende innere Weg des Aeschi-Schulhauses wird weitergeführt und findet seinen Abschluss in der zentralen Pausenhalle des neuen Schulhauses.
Durchblick durch Lichthöfe und Grossgruppenraum
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?
Die progressive Schulleitung hat das Projekt bereits in der Wettbewerbsphase mit der Vorgabe eines präzisen pädagogischen Konzepts massgeblich beeinflusst. Gefordert war eine flexible Lernwelt, die unterschiedlichste Unterrichtsmethoden und Szenarien ermöglicht.
Flexible Mittel für Grossgruppen
Die Pausenhalle im Erdgeschoss und der Grossgruppenraum in den Geschossen darüber bilden das Zentrum der Schule. Diese flexible Mitte ist ein eigenständig nutzbarerer Schulraum mit Sitznischen entlang den Lichthöfen, und er ist zugleich Erschliessungsraum und Bindeglied zwischen den Unterrichtsräumen. Die Klassenzimmer erhalten durch ihre Position an den Gebäudeecken optimales natürliches Licht von zwei Seiten, gute Belüftungsmöglichkeiten und unterschiedlichste Ausblicke in die Landschaft. Zwischen den Klassenräumen befindet sich jeweils ein Gruppenraum, der mit den angrenzenden Klassen eine Lernlandschaft bildet. Durch diese Grundkonzeption verzichtet das Schulhaus gänzlich auf Korridore, und die Unterrichtsräume lassen sich zu einer grossen zusammenhängenden Abfolge verbinden. Das Gebäude ist dadurch auch im Hinblick auf zukünftige neue pädagogische Entwicklungen flexibel und anpassungsfähig.
Enfilade Klassenzimmer und Gruppenraum
Klassenzimmer mit Ausblick
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Die Materialien Beton und Holz sind für das Projekt prägend. Die Fassade besteht aus vorgefertigten Betonelementen aus Alpenmarmor und Delsberger Kies. Durch die nachträgliche mechanische Bearbeitung wurde eine natursteinähnliche, belebte Oberfläche erzeugt, welche die unterschiedlichen Steinfarben zur Geltung bringt. Die Fenster, Böden und Einbauten in den Klassenzimmern sind aus Eichenholz und bilden einen Ausgleich zu den grossformatigen Verglasungen.
Schulhaus mit Blick auf Kloster und Bergwelt
Engelberg
Kloster und Schulanlage Aeschi mit Neubau
Geländeschnitt und Rue Interieur
Regelgeschoss Lernlandschaft
Schnitt durch Lichthöfe
Schulhaus Engelberg
2015

Engelberg OW
 
Auftragsart
Wettbewerb mit Präqualifikation
 
Bauherrschaft
Gemeinde Engelberg
 
Architektur
RAHBARAN HÜRZELER ARCHITEKTEN  |  BGM ARCHITEKTEN, Basel
 
Bauleitung
Engelberger Architekten AG, Engelberg

Fachplaner
CES Bauingenieur AG, Sarnen
Scherler AG, Elektroplanung, Stans
W+P Engineering, Gebäudetechnik, Stansstad
RSP Bauphysik AG, Luzern
 
Gesamtkosten
CHF 9.4 Mio.
 
Gebäudevolumen
10'015 m3
 
Energiestandard
Minergie
 
Fotos
Julien Lanoo