Zwischen Quartier und Schulraum

Der Architekt Wolfgang Rossbauer hat kürzlich einen Kinderhort in Zürich fertiggestellt. Wolfgang Rossbauer und Susanne Triller stellen sich unseren Fragen.
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Bereits in der Aufgabenstellung des Wettbewerbs zeigte sich ein Widerspruch, der zur Prämisse unseres Entwurfs werden sollte: Das Raumprogramm forderte etwa eine Verdreifachung der bestehenden Flächen des Hortprovisoriums. Gleichzeitig lief die Parzelle Richtung Quartier konisch zusammen und liess aufgrund der Grenzabstandsregeln kein «normales» Volumen zu, das alle Anforderungen beherbergt. Wir fanden heraus, dass sich auf einer hexagonalen Grundform mehr Fläche abbilden lässt, ohne dabei durch Mehrlängenzuschläge wieder in Bedrängnis zu geraten. Den Speisesaal haben wir zudem in einem Sockel vergraben. So war die gewünschte städtebauliche Setzung möglich: Nicht das Haus steht in der Mitte, sondern der Aussenraum, der zum Gelenk zwischen den drei schulischen Nutzungen Kindergarten, Schule und Hortneubau wird.
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?
Der Hortneubau ist als Schlussstück der klassizistischen Schulanlage Ilgen (1877 bis 1889 erbaut) konzipiert, zu der auch der Kindergarten von Bruno Giacometti (1950 erbaut) gehört. Natürlich orientierten wir uns im tektonischen Aufbau – massiver Betonsockel als Reaktion zum Hang, filigraner Holzbau obenauf – stärker an Giacometti. In Materialität und Farbigkeit jedoch waren uns beide Anlageteile Referenz: der gelbgrünstichige Sandstein des Hauses Ilgen A, die Stofflichkeit der Storen, die pastell- und erdfarbenen Töne der Holzverschalung des Kindergartens, all dem stellten wir ein in Farbkraft und Tönung verwandtes Haus gegenüber, das es sich lediglich erlaubt, in ausgewählten Teilen, wie den orangeroten Stoffstoren, ein wenig kräftiger zu sein.
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?
Zwar gab es während der Planungszeit immer wieder Gedanken des Betriebsteams, die einzelnen Nutzungen zwischen den Polen Kinderhort, Kindergarten, Speisesaal und Aufenthaltsraum zu verschieben. Unsere Reaktion darauf aber war, die räumliche Logik des Grundtyps – im Wesentlichen ein klassischer Zürcher Schulhaustyp des 19. Jahrhunderts mit zwei Klassenzimmern pro Geschoss – zu verteidigen. Dies hat sich als durchaus sinnvoll erwiesen: Schon am ersten Tag der Betriebsaufnahme wurde der Hort nicht wie zu Anfang gedacht als reiner Hort benutzt; zwei Räume wurden gleich vom Kindergarten bezogen.
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?
Die Nachbarn sind ja aufgrund unserer städtebaulichen Setzung recht flott auf die Barrikaden. «Der Hort zerstört den Baumbestand», hiess es, man solle ihn verschieben. Obwohl wir unser Gebäude unabhängig von diesen Auseinandersetzungen sowieso stärker in einen Dialog zu den wunderbaren bestehenden Bäumen gesetzt haben (Auskragung zu Ahornbäumen im Norden), wurde bis vor das Bundesgericht rekurriert. Dort ging es dann ausschliesslich um die Zonenkonformität, die aus unserem Hort zu 66% ein Wohngebäude gemacht hätte. Der Rekurs wurde abgelehnt, das Haus wie geplant als reiner Hort gebaut und alle wesentlichen und vor allem gesunden Bäume konnten erhalten werden.
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?
Die Stadt gab uns vor, das Gebäude Minergie-ECO zertifizieren zu lassen. Die Minergie-Anforderungen waren, wenn man so will, bereits genetischer Bestandteil des Entwurfs, der kompakt genug und ausgewogen mit Fenstern versehen war, um sogar den sommerlichen Wärmeschutz bei durchgehendem Sommerbetrieb einzuhalten. Für uns war es aber das erste Mal, dass wir mit den ECO-Kriterien in Berührung kamen. Es kam uns teilweise vor wie ein Basar, an dem der Aushub unten links grau-energetisch gegen irgendwelche Fassadenmaterialien oben rechts verrechnet wurde. Schlussendlich aber war die Idee des Hybridbaus – Fassade als tragender Holzbau, Kerne und Decken in Beton – ein konstruktiver roter Faden, der bis zum Schluss räumlich und gestalterisch dominiert.
Situation
Grundriss Erdgeschoss
Querschnitt
Neubau Hort Ilgen Zürich
2015

Zürich ZH
 
Auftragsart
Wettbewerb nach Präqualifikation, 2009, 1. Rang
 
Bauherrschaft
Stadt Zürich Amt für Hochbauten
 
Architektur
Wolfgang Rossbauer Architekt GmbH mit Susanne Triller, Zürich
Mitarbeit: Susanne Triller (Projektleitung), Florian Binkert, Aline Vuilliomenet, Alena Komarek, Martina Candreia, Christian Leutwyler, Laurens Bekemans, Christian Zöhrer
 
Fachplaner
Umgebung: ma.vo. Landschaftsarchitektur, Zürich
Statik Beton: MWV Ingenieure, Baden
Statik Holzbau: timbatec gmbh, Zürich
Haustechnik: Hans Abicht AG, Zürich
Bauphysik: Amstein & Walthert AG, Zürich
Elektro: Schmidiger & Rosasco AG, Zürich
Sanitär: Hunziker & Urban AG, Zürich
 
Bauleitung
Steiner & Hutmacher, Mitarbeit: André Bachmann, Matthias Steiner, Zürich

Gesamtkosten
CHF 10,6 Mio. inkl. MWST
 
Gebäudekosten
CHF 7,5 Mio inkl. MWST

Gebäudevolumen
5’400 m3
 
Kubikmeterpreis
CHF 1'390.-/m3
 
Energiestandard
Minergie-ECO
 
Kunst am Bau
Sebastian Sieber, Zürich
Wandgemälde im Speisesaal
 
Massgeblich beteiligte Unternehmer
Holzbau: Implenia, Schwerzenbach
Metallbau: Moritz Häberling, Uerzlikon
 
Fotos
Dominique Marc Wehrli, La Chaux-de-Fonds