Kino im Futteral

Capaul & Blumenthal haben kürzlich ein Kino in Ilanz fertiggestellt. Ramun Capaul und Gordian Blumenthal wählen drei Zeichnungen und drei Fotos und beantworten unsere sieben Fragen.
Cinema Sil Plaz
Was hat Sie an der Bauaufgabe am meisten interessiert?

Seit der Schliessung des Kino Darms in Ilanz vor mehr als zwanzig Jahren, organisierten sich die regionalen Cinephilen im Filmclub Ilanz und improvisierten Filmanlässe in verschiedenen Provisorien. Das Bedürfnis nach einem Kino in der Region Surselva war unbestritten. Doch in einer Zeit, wo viele Kleinkinos ihre Tore schliessen müssen, stellte sich die Frage, wie ein Kino heute konzipiert sein soll, um Filmliebhaber trotz Internet und Home Cinema vor die Leinwand zu locken. Inwieweit kann die Architektur das Medium Film unterstützen und umgekehrt?
Situation
Wie würden Sie den durchlaufenen Entwurfsvorgang beschreiben?

Über dem Kinosaal liegen Wohnräume. Diese Gegebenheit verlangte nach Schallschutzmassnahmen, die am besten mit dem Raum-im-Raum-Konzept erfüllt werden konnten. Die gewählte Wandkonstruktion aus Stampflehm erfüllt bauphysikalische Anforderungen betreffend Schallschutz, Akustik und Raumklima. Das Material ist lokal verfügbar, kostengünstig und konnte teilweise durch die Filmclub-Mitglieder in Eigenleistung verarbeitet werden.
Anlässlich des Swiss Art Awards 2008 hatten wir die Möglichkeit, das Zusammenwirken von Filmprojektion und dem ursprünglichen Baumaterial Lehm zu erforschen. Uns interessierte das Spannungsfeld zwischen Sein und Schein, Realität und Fiktion, Archaik und Hightech. Ein Thema, dem sich der italienische Künstler Fabrizzio Plessi in seinen Arbeiten extensiv gewidmet hat. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – des damaligen Zusammenbruchs unserer eigenhändig gestampften Lehmmauer in der Basler Ausstellungshalle, erhielt unsere wieder aufgebaute und redimensionierte Installation den Swiss Art Award in der Sparte Architektur.
Um die konstruktive Machbarkeit der Stampflehmmauern im Kino abzuklären, haben wir den österreichischen Lehmspezialisten Martin Rauch beigezogen. Mit seinem Wissen und seiner Erfahrung wurden die Materialmischung optimiert und die konstruktiven Details entwickelt. Die Lehmbauarbeiten wurden dann durch den Steinmetz und ehemaligen Präsidenten des Filmclubs, Christian Aubry, mit seinem Team ausgeführt.
Cinema Sil Plaz
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?

Die Stadt Ilanz ist, bezogen auf die Einwohnerzahl, eine sehr kleine Stadt. Jedoch weist der Ort einen hohen Grad an Zentralität auf. Im Gegensatz zu den Tourismusorten gibt es in Ilanz keine eigentliche Hoch- oder Zwischensaison. Diese Gegebenheiten erachteten wir als Voraussetzungen für einen kontinuierlichen Kinobetrieb.
Ein Neubau kam aus finanziellen Gründen nie in Frage, weshalb ein geeigneter Altbau gesucht wurde. Das Haus Vieli steht im Zentrum von Ilanz unmittelbar neben der Kirche. Es stammt aus dem 19. Jahrhundert, wurde in den 1980er-Jahren von Rudolf Olgiati umgebaut und zählt zu den guten Bauten der Stadt. Im hinteren Teil des Gebäudes, der ehemaligen Schmiede und späteren Weinhandlung, konnte der Filmclub Ilanz bereits im Jahr 2004 das erste provisorische Programm veranstalten. Dabei wurde nicht nur das Bedürfnis nach einem Kino bestätigt, sondern auch die Qualitäten dieses Orts erkannt: Die Raumabfolge, die Raumproportionen, die Materialität und die Geschichte der Oberflächen verliehen dem Ort eine Grosszügikeit und einladende Offenheit, die uns faszinierte. Der rohe Charakter sollte bewahrt und durch die für einen permanenten Betrieb notwendigen Eingriffe verstärkt werden.
Grundriss
Haben aktuelle gesellschaftliche Veränderungen, die Bauträgerschaft oder die Bedürfnisse der späteren NutzerInnen den Entwurf entscheidend beeinflusst?

Die Bauherrschaft und Trägerschaft des Cinema Sil Plaz werden vom gleichnamigen Verein ausgeübt. Um den finanziellen Möglichkeiten des Vereins Rechnung zu tragen und den künftigen Betrieb finanziell nicht zu belasten, beschränkt sich das Umbaukonzept auf wenige und präzise bauliche Eingriffe.
Die Finanzierung der notwendigen Massnahmen mussten durch den Verein sichergestellt werden. Dank der Unterstützung der Stadt Ilanz und der umliegenden Gemeinden, der Raiffeisen Bank Surselva, mehrerer Stiftungen, Firmen und Privaten, konnte die Finanzierung gelingen. Darüber hinaus war ein Beitrag an unentgeltlicher Eigenleistung durch die Vereinsmitglieder erforderlich.


Wie ist das Verhältnis des Entwurfs zum vollendeten Bauwerk? Gab es bedeutende Projektänderungen oder veränderte ein Lernprozess das architektonische Ziel?

Mit dem Programmpartner Raiffeisen Cultura entstand der Bedarf nach einer Konzertbühne. Während des Konzertbetriebs bleibt der Haupteingang geschlossen. Das Publikum benutzt den Hintereingang, um die Ruhe in der Nachbarschaft möglichst wenig zu beeinträchtigen. Die stählerne Bartheke wird mit einem Handstapler umgestellt, um Tanzfläche zu schaffen.
Schnitte
Wie bezieht sich das Bauwerk auf Eure anderen Entwürfe und gliedert es sich in die Reihe Eurer Werke?

Wir versuchen in unserer Arbeit als Architekten, möglichst nahe an der Wirklichkeit und dem Gebrauch eines Gebäudes zu entwerfen und die atmosphärische Kraft der Architektur auszuschöpfen.


Stehen andere Projekte in Eurem Büro an, die von diesem Projekt in irgend einer Weise beeinflusst werden?

In Zusammenhang mit dem Fund des grossen Bergkristalls vom Péz Regina konzipieren wir einen Schutzbau in der Landschaft der Val Lumnezia. Wir prüfen dafür eine Stampflehmkonstruktion.


Wir freuen uns über Ihre Anregungen und Kritiken!
"arschella e projecziun", Swiss Art Award 2008
Cinema Sil Plaz
2010

Ilanz GR

Bauherrschaft
Filmclub Cinema Sil Plaz, Ilanz

Auftragserteilung
Direktauftrag

Architektur und Bauleitung
Capaul & Blumenthal, Architects dipl. ETH
Projektleitung: Gordian Blumenthal, Ramun Capaul
Mitarbeiter: Adriana D' Inca, Ian Berni, Flurina Albin

Fachplaner
Ingenieurbüro Giachen Blumenthal, Ilanz
Lehm Ton Erde Martin Rauch, Schlins
Martin Kant Bauphysik, Chur
Peter Schneider Filmprojektion + Tontechnik, Boll
Brasser light+sound, Zizers

Massgeblich beteiligte Unternehmer
Baumeisterarbeiten: L. Candrian SA, Ilanz
Lehmbau: Lehm Ton Erde Baukunst GmbH, Schlins
Lehm-, Kalkarbeiten: Aubry Sculptur / Baukunst Graubünden Gmbh, Ilanz
Steinmetzarbeiten: Aubry Sculptur / Baukunst Graubünden Gmbh, Ilanz
Metallbauarbeiten: MTU Montagen GmbH, Murg
Schreinerarbeiten: Scrinaria Spescha, Rueun / Bonolini Randolf, Sagogn
Lederarbeiten: Giorgina Cattaneo, Marrakesh (Marokko)
Elektroinstallationen: Derungs AG, Ilanz
Haustechnik: Caduff Haustachnik, Ilanz

Gebäudekosten BKP 2
630'000.- (exkl. Eigenleistung)

Kubikmeterpreis
440.- (exkl. Eigenleistung)

Auszeichnung
Hase in Gold 2010

Fotos
Laura Egger (Cinema Sil Plaz)
Lucia Degonda (Swiss Art Award 2008)