Alles unter einem Dach

Das Architekturbüro Clavuot hat kürzlich eine Bäckerei in Chur fertiggestellt. Conradin Clavuot wählt drei Zeichnungen und drei Fotos und beantwortet unsere fünf Fragen.
Aussenansicht
Was hat Sie an der Bauaufgabe am meisten interessiert?
Mich interessierte zu Beginn am meisten die Komplexität der Aufgabe: Es waren betriebliche, energetische, örtliche und sensitive Themen unter einen Hut zu bringen. Der Umgang mit dem natürlichen Produkt – in seiner Herstellung bis zur Präsentation und zum Genuss – sollte zur Architektur werden.
Situation
Handskizze
Wie würden Sie den durchlaufenen Entwurfsvorgang beschreiben?
Der Vorgang war klassisch im Sinne meiner Art, ein Gebäude aufzubauen: Zuerst mussten für die bedeutendsten Randbedingungen, Grundlagen und Zielrichtungen (gestalterisch, sinnlich, technisch, räumlich…) festgelegt werden. Dann wurden diese in Worten, Skizzen, Modellen und Träumen umschrieben und gleichzeitig miteinander vermischt. Die interessierenden Thematiken waren schon zu Beginn klar und so gab es keine bedeutenden Umwege.
Detail
Wie hat der Ort auf den Entwurf gewirkt?
Der Ort war hier eigentlich schon fertig gebaut: Industriebauten mit Flachdach, Wellblech, Autos, Werbung und Billigdetails am Rand der windigen Felder des Rossbodens. Ein Bau in einer hier sich integrierenden Architektur hätte das Produkt der Bauherrschaft in absolut falschem Licht gezeigt: ein Brot/ein Kuchen wäre demnach als Industrieprodukt empfunden worden. So planten wir einen Antibau zur industriellen Situation: Ein Bau, der die Natürlichkeit und die Handarbeit zum Thema hat und so sich mit den Feldern und dem Mensch verbrüdert.
Grundriss
Wie bezieht sich das Bauwerk auf Eure anderen Entwürfe und gliedert es sich in die Reihe Eurer Werke?
Es gliedert sich wohl insofern ein, als dass sich das Interesse am Leben manifestiert: An der Freude an der Natürlichkeit, an den Jahresrythmen, an der Fantasie, an der Verspieltheit, am Handwerk, am Interesse an nicht auffälliger Architektur, an sinnlichen Erfahrungen (Gerüchen, Haptik…) und auch an rationellen, funktionellen, pragmatischen Dingen. Das Ganze wird dann soweit austariert, als dass einzelne Themen nicht überhand nehmen. Was sicherlich von mir persönlich angestrebt ist, ist auch hier eine Andersartigkeit in der Gleichartigkeit: Der Bau wird auch industriell genutzt und dient auch als Drive-In. So zeigt er einerseits klar diese Elemente. Andererseits wird aber ein farbiger, gut riechender Hügel gebaut. Der Bau ist somit Teil der Umgebung, aber auch Neuausrichtung und Eigenwille.
Schnitt
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?
Es war allen klar, dass eine solche Nutzung (Bäckerei, Konditorei, Café, Traiteur, Reinigung) auch auf dem neuesten Stand der Technik sehr viel Energie brauchen würde und dass der reine Energieverbrauch die Rentabilität eines solchen Betriebs massgeblich beeinflusst. Die ideale Bauform wurde so schon ganz zu Beginn an Sitzungen erarbeitet: Ein hoher zentraler Innenraum dient als funktionelles und als energetisches Herzstück: Hier treffen sich nicht nur alle Produkte zum Ausbacken, hierhin findet die heisse Luft der umgebenden Räume ohne technische Hilfe den Weg zur Wiederaufbereitung. Ein geneigtes Dach generiert so einen kostenlosen Energieaustausch. Auf dem Dach kann in Zukunft ein riesiger Solarkollektor angeschlossen werden. Dann ist die Frage nach den Energiekosten ganz gelöst.
Betreffs gestalterischen Tendenzen: Ich hüte mich, aktuelle Architekturzeitschriften anzuschauen und ich lese kaum architektonische Schriften. Diese beeinflussen das Unterbewusstsein viel zu stark. Ich möchte nicht von Tendenzen geleitet werden. Ich versuche, mich selbst mit meinen eigenen Interessen und Erfahrungen zu steuern.
Innenansicht Produktion
Neue Merz-Bäckerei Rossboden
2010

Chur GR

Bauherrschaft
Merz Immobilien AG, Chur

Auftragserteilung
Direktauftrag

Architektur
Clavuot, dipl. Arch. ETH/SWB, Chur

Fachplaner
Bauingenieur: Liesch Ingenieure AG, Chur
Elektroingenieur: Scherler AG, Chur
HLKK-Ingenieur: Broenner AG, Neuenkirch
Sanitär-Ing: HAT-Plan, Chur
Bauphysik: Erik Bernhard, Chur
Bäckerei und Gastrotechnik: Pitec AG, Chur

Bauleitung
Clavuot, dipl. Arch. ETH/SWB, Chur; intern: Herr Francesco Forcella

Massgeblich beteiligte Unternehmer
Baumeister: Mettler AG, Chur
Sanitär/Heizung/Lüftung: Willi Haustechnik AG und Sanitär Plüss AG, Chur
Zimmermannarbeiten: H.P. Tscharner Holzbau AG, Schiers
Fenster und Türen: Huber Fenster AG, Herisau
Dachdecker: Meli AG, Chur
Spengler: H.Dorn, Chur
Begrünung: Zuber Aussenwelten AG, Domat/Ems
Rolläden: Griesser AG, Malans
Elektroanlagen: ARGE Etavis Grossenbacher AG und Elektro-Raetus AG, Chur
Leuchten und Lampen: elevite AG, Spreitenbach
Innentüren: Caviezel AG, Chur
Metallgeländer: M. Waser, Passugg
Oberflächenbehandlungen: PSS Interservice AG, Geroldswil
Öfen: Karl Heuft GmbH, D-Bell
Kälteanlagen: Kolb Kälte AG, Rüthi
Einrichtung Café: Schweitzer Ladenbau AG, Rebstein
Plankopien: Sulser Print AG, Chur
Möblierung: linea R54, Chur

Energiestandard
Minergie zertifiziert

Fotos
Ralph Feiner, Malans