Text: Sonja Lüthi
Fotos: Reinhard Zimmermann
Das Hotel <Hof Weissbad> bei Appenzell ist das am besten ausgelastete des Landes. Damit das auch in Zukunft so bleibt, hat es auf sein zehnjähriges Jubiläum einen modernen Speisesaal erhalten. Durch die Aneinanderreihung bügelförmiger Elemente haben die Zürcher Architekten AGPS einen Bau geschaffen, der auffallend und dennoch zurückhaltend ist.
In Weissbad Innerrhoden ist ein <Flickflauder> – so nennen die Appenzeller den Schmetterling – gelandet. Die Hotelerweiterung des Architekturbüros AGPS, Zürich, ist die vorläufige Krönung einer Erfolgsgeschichte. Die Chronik des Hotels <Hof Weissbad> liest sich wie ein Asterix-Band: Das Herz des Dorfes, ein Kurhotel, serbelt zwanzig Jahre vor sich hin. Eine Hand voll Leute möchte es wiederbeleben. «Ein unmögliches Unterfangen», rät der Rest ab. Doch am Ende siegen die Waghalsigen: Die 86 Zimmer sind zu durchschnittlich 97 Prozent ausgelastet und das Hotel das bestbelegte des Landes. Die Zahl erstaunt, umso mehr, wenn man weiss, was für ein Gebäude der <Hof Weissbad> ist: Weil das ursprüngliche Kurhotel von 1790 mit Hauptgebäude, Nebenflügeln und Türmchen als zu klein befunden wurde, hat man es abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Dieser ist, gelblich verputzt, mit Aussenisolation, Sprossenfenstern und Türmchen, eine stilistische Anbiederung an seinen Vorgänger.
Fotos: Reinhard Zimmermann
Das Hotel <Hof Weissbad> bei Appenzell ist das am besten ausgelastete des Landes. Damit das auch in Zukunft so bleibt, hat es auf sein zehnjähriges Jubiläum einen modernen Speisesaal erhalten. Durch die Aneinanderreihung bügelförmiger Elemente haben die Zürcher Architekten AGPS einen Bau geschaffen, der auffallend und dennoch zurückhaltend ist.
In Weissbad Innerrhoden ist ein <Flickflauder> – so nennen die Appenzeller den Schmetterling – gelandet. Die Hotelerweiterung des Architekturbüros AGPS, Zürich, ist die vorläufige Krönung einer Erfolgsgeschichte. Die Chronik des Hotels <Hof Weissbad> liest sich wie ein Asterix-Band: Das Herz des Dorfes, ein Kurhotel, serbelt zwanzig Jahre vor sich hin. Eine Hand voll Leute möchte es wiederbeleben. «Ein unmögliches Unterfangen», rät der Rest ab. Doch am Ende siegen die Waghalsigen: Die 86 Zimmer sind zu durchschnittlich 97 Prozent ausgelastet und das Hotel das bestbelegte des Landes. Die Zahl erstaunt, umso mehr, wenn man weiss, was für ein Gebäude der <Hof Weissbad> ist: Weil das ursprüngliche Kurhotel von 1790 mit Hauptgebäude, Nebenflügeln und Türmchen als zu klein befunden wurde, hat man es abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Dieser ist, gelblich verputzt, mit Aussenisolation, Sprossenfenstern und Türmchen, eine stilistische Anbiederung an seinen Vorgänger.
Der <Flickflauder> – der Schmetterling – funktioniert als Blickableiter des anbiedernden Baus des Hotels Hof Weissbad.
Eine erste Erklärung des Erfolgs liefert die Herkunft der Gäste:
Siebzig Prozent stammen aus Zürich, von wo aus der ländliche Ort mit
Sicht auf den Hohen Kasten und das Alpsteingebirge in
Fünfviertelstunden erreichbar ist. Die zweite Erklärung liefert die
Küche: 15 Gault-Millau-Punkte. Doch ohne neuzeitliche Architektur und
Einrichtung liesse sich eine solche Auslastung längerfristig nicht
halten, befand die Hoteldirektion. Pünktlich zur Feier des zehnjährigen
Jubiläums sollten die Zimmer einem Facelifting unterzogen werden und
das Restaurant einen neuen Speisesaal in exquisitem Design erhalten.
Für die Eingriffe konnte die Innenarchitektin Pia Schmid angeworben
werden, fürs Restaurant wurde ein Wettbewerb lanciert.
Die Raupen-Glieder bestehen aus elf aneinander gereihten bügelförmigen Elementen, mit freiem Blick in den Alpstein.
Auf der Seite des Hotelbaus sind die Bügel-Elemente dagegen ineinander
verkeilt und bilden damit eine aussteifende Scheibe, die den Bau
zusammenhält.
Hocheffiziente Hülle
In der Aufsicht erinnert das Siegerprojekt mit dem Namen <Flickflauder> an eine Raupe, die vom Hotelkomplex wegzukriechen versucht. Die Glieder bestehen aus elf aneinander gereihten bügelförmigen Elementen. Auf der Seite des Hotelbaus sind sie ineinander verkeilt und bilden eine aussteifende Scheibe, zur Aussicht hin sind sie voneinander losgelöst und über Glasflächen miteinander verbunden. Aufgrund der komplexen und instabil wirkenden Geometrie zweifelte die Baukommission die Machbarkeit des Projekts an, zumal die Bauzeit nicht mehr als sechs Wochen betragen durfte. Doch über ungezählte 3D-Modelle reduzierte man die Geometrie der Bügel-Elemente auf einen Prototyp, der keine verdrehten Seiten mehr enthielt und sich aus ebenen Holzflächen in der Werkstatt vorfertigen liess. Keine leichte Aufgabe, denn die Aneinanderreihung der Bügel-Elemente sollte eine hocheffiziente Hülle ergeben, die ganz ohne Zubehör auskommt. Die Winkel und Knicke in den Elementen ermöglichen es, ohne zusätzlichen Sonnenschutz auszukommen und schaffen Blickbezüge zum Alpsteingebirge und zum benachbarten Speisesaal im Altbau. Je nach Standpunkt des Betrachters wirkt die Struktur offen oder geschlossen. Jedes der elf identischen Elemente verfügt über eine eigene Entwässerung und kann direkt ans Strom- und Lüftungssystem angeschlossen werden. Pro Tag wurden sechs Elemente einzeln per Lastwagen von Herisau nach Weissbad gefahren und mit dem Kran an ihren Platz gesetzt. Die Planungszeit dauerte fünf Monate, der Aufbau der Hülle vier Wochen.
In der Aufsicht erinnert das Siegerprojekt mit dem Namen <Flickflauder> an eine Raupe, die vom Hotelkomplex wegzukriechen versucht. Die Glieder bestehen aus elf aneinander gereihten bügelförmigen Elementen. Auf der Seite des Hotelbaus sind sie ineinander verkeilt und bilden eine aussteifende Scheibe, zur Aussicht hin sind sie voneinander losgelöst und über Glasflächen miteinander verbunden. Aufgrund der komplexen und instabil wirkenden Geometrie zweifelte die Baukommission die Machbarkeit des Projekts an, zumal die Bauzeit nicht mehr als sechs Wochen betragen durfte. Doch über ungezählte 3D-Modelle reduzierte man die Geometrie der Bügel-Elemente auf einen Prototyp, der keine verdrehten Seiten mehr enthielt und sich aus ebenen Holzflächen in der Werkstatt vorfertigen liess. Keine leichte Aufgabe, denn die Aneinanderreihung der Bügel-Elemente sollte eine hocheffiziente Hülle ergeben, die ganz ohne Zubehör auskommt. Die Winkel und Knicke in den Elementen ermöglichen es, ohne zusätzlichen Sonnenschutz auszukommen und schaffen Blickbezüge zum Alpsteingebirge und zum benachbarten Speisesaal im Altbau. Je nach Standpunkt des Betrachters wirkt die Struktur offen oder geschlossen. Jedes der elf identischen Elemente verfügt über eine eigene Entwässerung und kann direkt ans Strom- und Lüftungssystem angeschlossen werden. Pro Tag wurden sechs Elemente einzeln per Lastwagen von Herisau nach Weissbad gefahren und mit dem Kran an ihren Platz gesetzt. Die Planungszeit dauerte fünf Monate, der Aufbau der Hülle vier Wochen.
Die Pläne machen es deutlich. Der <Flickflauder> ist eine Raupe, die vom Hotelkomplex wegzukriechen versucht.
Elegante Detaillierung
Die Verkleidung der Glieder mit einander überlappenden Zinkblechen errinnert an die Haut eines Riesenreptils und taucht das neue Gebäude in ein technoides Licht. Die geschuppte Struktur ist ein Relikt der ursprünglich vorgesehenen Verkleidung mit Holzschindeln, wie sie in der örtlichen Bautradition verankert ist, wegen der Vorschriften der Feuerpolizei jedoch nicht umsetzbar war. Das Spannungsfeld zwischen Tradition und Aufbruch, das die Holzverkleidung erzeugt hätte, geht der Metallhaut ab. Doch ermöglichte diese eine elegante, einheitliche Detaillierung. Das Regenwasser fliesst von den schiefen Dachelementen hinunter zu den Oblichtern und diesen entlang in eine zierliche Rille an der Berührungsfläche von Glas und Metall. Das Zusammenfügen der Elemente wurde bereits in der Werkhalle getestet, doch wie sich die Hülle und vor allem die Atmosphäre des Innenraum unter der ersten Schneedecke verändern werden, ist noch nicht bekannt. Die voneinander losgelösten schiefen Ebenen und die Glasflächen lassen ein sinnliches Schauspiel erwarten.
Die Verkleidung der Glieder mit einander überlappenden Zinkblechen errinnert an die Haut eines Riesenreptils und taucht das neue Gebäude in ein technoides Licht. Die geschuppte Struktur ist ein Relikt der ursprünglich vorgesehenen Verkleidung mit Holzschindeln, wie sie in der örtlichen Bautradition verankert ist, wegen der Vorschriften der Feuerpolizei jedoch nicht umsetzbar war. Das Spannungsfeld zwischen Tradition und Aufbruch, das die Holzverkleidung erzeugt hätte, geht der Metallhaut ab. Doch ermöglichte diese eine elegante, einheitliche Detaillierung. Das Regenwasser fliesst von den schiefen Dachelementen hinunter zu den Oblichtern und diesen entlang in eine zierliche Rille an der Berührungsfläche von Glas und Metall. Das Zusammenfügen der Elemente wurde bereits in der Werkhalle getestet, doch wie sich die Hülle und vor allem die Atmosphäre des Innenraum unter der ersten Schneedecke verändern werden, ist noch nicht bekannt. Die voneinander losgelösten schiefen Ebenen und die Glasflächen lassen ein sinnliches Schauspiel erwarten.
Der neue Speisesaal innen, mit der lila Wand im Hintergrund, die Alt- und Neubau verbindet.
Die Gäste betreten die Erweiterung wie einen Anbau über das bestehenden
Gebäude. Vom alten Speisesaal – mit Holztäferdecke, Spannteppich und
schweren Vorhängen – führt der Weg zum Verbindungsglied der beiden
Gebäudeteile. Der Schieferbodens und die lila Farbe der fensterlosen,
schiefwinklig geknickten Wand strömen eine kühle, submarine Atmosphäre
aus. Der Wechsel von alt zu neu ist abrupt, die Einführung in die sehr
andersartige Welt des <Flickflauders> dennoch sanft. Wie eine
Kugel in einem wassergefüllten Flipperkasten leitet die Wand den
Besucher langsam in den Raum. Der Blick auf die lichte
Glas-Metallkonstruktion am Ende des kurzen Gangstücks und die beiden
Knicke in der Wand, die den Raum erweitern und fassen, locken in den
Speisesaal und bereiten auf den neuen Raum vor. Der Schiefer setzt sich
hier fort, von der submarinen Atmosphäre ist jedoch nichts mehr zu
spüren: Das Licht fällt von allen Seiten in den Raum und umspielt die
glatte weisse Oberfläche der Bügel. Der Schiefer schluckt übermässiges
Licht und bietet einen unaufdringlichen Untergrund für die Esstische.
Diese sind im Winkel der Bügel entlang der beiden Aussenwände
angeordnet.
Die Tische machen aus dem Raum einen Speisesaal und die Berührungsstelle signalisiert, dass es sich beim <Flickflauder> um eine Erweiterung handelt. Doch der Neubau entzieht sich gängigen Klassifizierungen. Typologisch ist er eine Halle, äusserlich ein gigantisches Oblicht. Trotz der Andockstelle ist er kein Anbau, denn formal ordnet er sich dem Hauptgebäude nicht unter. Im Gegenteil, er wendet sich von ihm ab, dominiert die Optik und wertet sie auf.
Die Tische machen aus dem Raum einen Speisesaal und die Berührungsstelle signalisiert, dass es sich beim <Flickflauder> um eine Erweiterung handelt. Doch der Neubau entzieht sich gängigen Klassifizierungen. Typologisch ist er eine Halle, äusserlich ein gigantisches Oblicht. Trotz der Andockstelle ist er kein Anbau, denn formal ordnet er sich dem Hauptgebäude nicht unter. Im Gegenteil, er wendet sich von ihm ab, dominiert die Optik und wertet sie auf.
Speisesaal <Flickflauder>
2004
Hof Weissbad
Weissbad AI
Bauherrschaft
Kurhotel Weissbad
Architektur
und Bauleitung
AGPS Architecture
(Angélil, Graham,
Pfenninger, Scholl)
Zürich
Mitarbeit
Reto Pfenninger
Katia Schröder
(Projektleitung)
Bettina Klinge
(Projektleitung)
Gabi Hauser
Barbara Schwab
Auftragsart
Studienauftrag
Wichtige Beteiligte
Blumer-Lehmann
Elementbau AG
Anlagekosten
(BKP 1-9)
CHF 1,7 Mio.
(inkl. MWST)
Gebäudekosten
(BKP 2/m3)
CHF 1000.–
(inkl. MWST)
Heizwärmebedarf
(gemäss SIA 380/1)
295 MJ/m2a
2004
Hof Weissbad
Weissbad AI
Bauherrschaft
Kurhotel Weissbad
Architektur
und Bauleitung
AGPS Architecture
(Angélil, Graham,
Pfenninger, Scholl)
Zürich
Mitarbeit
Reto Pfenninger
Katia Schröder
(Projektleitung)
Bettina Klinge
(Projektleitung)
Gabi Hauser
Barbara Schwab
Auftragsart
Studienauftrag
Wichtige Beteiligte
Blumer-Lehmann
Elementbau AG
Anlagekosten
(BKP 1-9)
CHF 1,7 Mio.
(inkl. MWST)
Gebäudekosten
(BKP 2/m3)
CHF 1000.–
(inkl. MWST)
Heizwärmebedarf
(gemäss SIA 380/1)
295 MJ/m2a
Jobs
Metron Raumentwicklung AG, Brugg
i sensi
Marina Panisi, Fribourg
Marina Panisi, Fribourg
Weiss & Schmid
Architekten HTL/ETH/SIA, Winterthur
Architekten HTL/ETH/SIA, Winterthur
Cubus Architektur GmbH, Zürich
Cubus Architektur GmbH, Zürich






