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Wohnen im Baumhaus

Frei & Ehrensperger haben kürzlich ein Altersheim in Schaffhausen fertiggestellt. Roland Frei wählt drei Zeichnungen und drei Fotos und beantwortet unsere sechs Fragen.
Ostfassade in den Bäumen
Ostfassade in den Bäumen
Was hat Sie an der Bauaufgabe am meisten interessiert?

Ausgangspunkt aller unserer Entwürfe sind zwei Fragen: Wie soll unser Gebäude in den Kontext integriert werden? Ob dieser Kontext ein natürlicher Landschaftsraum oder eine gebaute Stadt ist, ist dabei für uns nicht von Bedeutung. Die Intensität des Dialoges von Bestehendem und Neuem ist das Thema. Beim vorliegenden Bau war also nicht einfach das Integrieren in den bestehenden Park von Bedeutung – vielmehr hat uns interessiert, was bedeutet es, nicht um, sondern in die Bäume zu bauen. Die zweite Frage ist: Wie werden Individualität und Gemeinschaft in Beziehung gesetzt?
Situation
Situation
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?

Wie gesagt ist die Interpretation des Ortes bei jedem unserer Gebäude für die Wahl des Konzeptes massgebend. Beim Neubau des Künzle-Heimes galt es ein für Schaffhauser Verhältnisse riesengrosses Gebäude so in einen bestehenden Park zu integrieren, dass zwei ebenfalls bestehende Wohnbauten nicht erdrückt werden. Wir sehen Park und Gebäude als eine Einheit. Nach und nach wurde das Gebäude zu einer Art Baumhaus, selbst zu einer begehbaren Parklandschaft. Der jahreszeitliche Rhythmus des bestehenden Baumbestandes, blühen und verblühen, prägt die Athmosphäre in den Individualzimmern mit. Erinnerungen an die Kindheit werden wach.
Zimmer mit Ausblick über die Balkone
Zimmer mit Ausblick über die Balkone
Haben aktuelle gesellschaftliche Veränderungen, die Bauträgerschaft oder die Bedürfnisse der späteren NutzerInnen den Entwurf entscheidend beeinflusst?

Wir werden alle alt und für fast alle von uns steht am Ende unseres Lebensweges der Aufenthalt in einem solchen Gebäude. Das heisst, unsere Intimsphäre wird normalerweise auf ein 24 m2 grosses Zimmer reduziert. Es ist nicht zuletzt diese Reduktion, die den meisten Menschen Mühe bereitet, freiwillig in ein solches Haus zu ziehen. Deshalb versuchen wir, die Enge des Individualbereiches virtuell zu vergrössern und mehrere Erlebnisnischen innerhalb dieser Individualtät anzubieten, z.B. mittels einer durchgängigen Balkon-/Erkerzone, welche überraschende Aus- und Einblicke ermöglicht. Die Korridore werden zu wohnlichen Aufenthaltsbereichen unterschiedlicher Intimitäten. Das Restaurant ist öffentlich und es gibt eine Bar, an welche Besucher eingeladen werden können. Es muss möglich sein, dass man sich freut in ein solches Haus ziehen zu können. Das Haus ist kein klassisches Altersheim, sondern ein Ort der Begegnung.
Grundriss
Grundriss
Wie ist das Verhältnis des Entwurfs zum vollendeten Bauwerk? Gab es bedeutende Projektänderungen oder veränderte ein Lernprozess das architektonische Ziel?

Bei diesem Bau mussten wir zwei Wettbewerbe gewinnen um die Bauherrschaft überzeugen zu können, dass der Abbruch eines 45-jährigen Gebäudes notwendig sein würde um die Ziele der Bauherrschaft realisieren zu können. Nach und nach konnte das starre Raumprogramm aufgelöst werden. Zwar können immer noch 58 Zimmer als Einzelzimmer genutzt werden. Durch die Wahl des statischen Konzeptes – sämtliche Trennwände sind in nicht tragendem Leichtbau ausgeführt – können diese Zimmer aber mittels eingebauten Verbindungstüren als 2- oder 3-Zimmerwohnungen mit eigenem Bad und Küche genutzt werden. Bereits während der Bauphase haben 5 Ehepaare diese Chance genutzt und ihr Eigenheim gegen eine solche Wohnung eingetauscht.
Ansicht
Ansicht
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Der Neubau des Künzle-Heimes ist im Minergie und eco Label erstellt worden. Dabei haben wir versucht, nicht nur zahlengläubige Anhänger des Minergie Labels zu befriedigen, sondern den daraus resultierenden Vorgaben eine architektonische Gestalt zu geben. Die möglichst gut isolierte Fassade (ausgeflockte Holzständer, Wetterschild mit horizontalen Holzlatten) wird zu einer für die BewohnerInnen erlebbaren Raumschicht: In den Zimmern zu einer begehbaren Balkon-/Erkerzone, vor den Bewegungsräumen zu einer über ein Meter dicken Wandschicht mit eingebauten Sitzbänken und tief in den Leibungen sitzenden Fenstern, die als Bilder mit Blick in die heimische Umgebung gesetzt werden. Der Gedanke der gesellschaftlichen Nachhaltigkeit wird programmatisch als auch physisch zum prägenden Konzept des Hauses.


Stehen andere Projekte in Eurem Büro an, die von diesem Projekt in irgend einer Weise beeinflusst werden?

Wir sind zur Zeit an mehreren Projekten, die sich mit der Thematik Wohnen im Alter beschäftigen. Wir spüren eine gewisse Ratlosigkeit der Gesellschaft im Umgang mit diesem für uns alle relevanten Thema. Gerne versteckt man sich hinter gut gemeinten Empfehlungen und Normen. In Realität wandeln sich aber die Bedürfnisse unserer Gesellschaft sehr schnell und niemand weiss wirklich, wie diese Bedürfnisse in 10 bis 20 Jahren aussehen. Für unsere Konzepte heisst das, möglichst flexibel nutzbare Strukturen zu entwickeln und uns gleichzeitig an der Individualität jedes einzelnen Menschen und nicht an Normierungen zu orientieren.


Wir freuen uns über Ihre Anregungen und Kritiken!
Hauptfassade im Park
Hauptfassade im Park
Neubau Künzle-Heim Schaffhausen
2010

Schaffhausen SH

Bauherrschaft
Stiftung Künzle-Heim zusammen mit der Stadt Schaffhausen

Auftragserteilung
Eingeladener Wettbewerb

Architektur und Bauleitung
Frei & Ehrensperger Architekten, Zürich
Projektleiter: Dirk Steinbach

Energiestandard
Minergie Eco

Fotos
Frei & Ehrensperger, Qing Chen

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