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Grosses Dach, kleiner Fuss

Diethelm & Spillmann haben kürzlich ein Einfamilienhaus in Sattel/Mostelberg fertiggestellt. Daniel Spillmann wählt zwei Zeichnungen und drei Fotos und beantwortet unsere fünf Fragen.
Das Sockelgeschoss vermittelt zwischen dem stark bewegten Gelände und dem Holzbau.
Das Sockelgeschoss vermittelt zwischen dem stark bewegten Gelände und dem Holzbau.
(Photo: Roger Frei)
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?

Der Ort, oder vielmehr die Topographie, hatte einen grossen Einfluss auf den Entwurf. Das Grundstück gewährt eine wunderbare Sicht auf die Berglandschaft und den Aegerisee in der Ferne – aber nicht in Bodennähe, weil es eine Senke aufweist! Erst sechs Meter über Terrain kommt man in den Genuss der beschriebenen Aussicht. Das Wohnen findet deshalb im Obergeschoss statt. Und weil sich das Grundstück in einer Zone für zweigeschossige Wohnbauten befindet, musste der Raumbedarf in der Horizontalen gestillt werden, denn das Erdgeschoss mit Garage, Keller und Technikraum zählt bereits als Vollgeschoss. Letzteres ist so klein wie nötig gehalten und führt zu den charakteristischen Auskragungen.

Haben aktuelle gesellschaftliche Veränderungen, die Bauträgerschaft oder die Bedürfnisse der späteren NutzerInnen den Entwurf entscheidend beeinflusst?

Der Bauherr wünschte möglichst ausgeprägte Sichtbeziehungen nach aussen, ohne dabei selber gesehen zu werden. Deshalb gibt es nur wenige, aber gezielte Öffnungen. So haben denn auch die Schlafräume Fenster zum Terrassenhof. Letzterer fungiert quasi als Filter und antwortet, indem er vom Boden abgehoben ist, ebenfalls auf das Bedürfnis nach Intimität.
Blick in den Wohn- und Essbereich. Die statisch wirksamen Blockholzplatten aus Lärche blieben unverkleidet.
Blick in den Wohn- und Essbereich. Die statisch wirksamen Blockholzplatten aus Lärche blieben unverkleidet.(Photo: Roger Frei)
Wie ist das Verhältnis des Entwurfs zum vollendeten Bauwerk? Gab es bedeutende Projektänderungen oder veränderte ein Lernprozess das architektonische Ziel?

Das Projekt wurde mehrfach verkleinert, denn es gab einen eklatanten Unterschied zwischen den Wünschen des Bauherrn und seinen finanziellen Möglichkeiten. Die Redimensionierung ging einher mit Vereinfachungen, die – wie so oft – zu einer Schärfung des architektonischen Konzeptes führten. Als Beispiel sei die Treppe genannt, die vom Erd- ins Obergeschoss führt. Heute als Aussentreppe ausgebildet, welche die Terrasse in einer Doppelnutzung auch zum Eingangshof macht, war sie ursprünglich im massiven Kern integriert. Das war der skulpturalen Qualität wegen unbestritten schön, dehnte aber den Dämmperimeter bis ins Erdgeschoss aus. Jetzt gibt es einen klaren Schnitt: beheizt ist nur, was sich oberhalb des Betonsockels befindet.
Eine neue Erfahrung war auch, dass wir in der Lage sind, auf sich verändernde Bedingungen zu reagieren. Normalerweise legen wir schon zu einem frühen Zeitpunkt möglichst viele Parameter fest (Bauweise, Materialisierung, Farbigkeit, etc.), weil wir das eine nicht ohne das andere denken können. Das war beim Passivhaus Vogel nicht anders, nur konfrontierte uns der Bauherr während des Bauens mit Änderungswünschen. So mussten wir zum Beispiel das Sichtmauerwerk aus Kalksandstein verputzen, weil es dem Bauherrn einfach nicht gefiel. Mit dem zur Ausführung gelangten Modellierputz und dem chamäleonartigen Silberanstrich können wir aber mehr als gut leben.
Eingangshof und Terrasse. Die Wiese bleibt von Sitzplätzen und dergleichen unberührt.
Eingangshof und Terrasse. Die Wiese bleibt von Sitzplätzen und dergleichen unberührt.
(Photo: Roger Frei)
Bezieht sich das Bauwerk zu Euren anderen Entwürfen und gliedert sich in die Reihe Eurer Werke?

Das Verhältnis zwischen architektonischem Ausdruck und Konstruktion – wobei Konstruktion die Bauweise und die Tragstruktur meint – hat uns schon immer interessiert. Von ein paar Wettbewerbsbeiträgen abgesehen, gab es aber bisher nie eine derartige Kongruenz.
Auf der anderen Seite beschäftigt uns wiederholt das Dach als Formgenerator; und damit verbunden auch die Frage nach der Relation zwischen Dach und Fassade. Angefangen bei unserem Erstlingswerk, dem Einfamilienhaus Spirito in Siebnen, wo wir 1999 für das Bild des sattelbedachten, einseitig angebauten Bauernhauses eine zeitgenössische Interpretation suchten. Oder bei unserem Wettbewerbsbeitrag für die Erweiterung des Schweizerischen Landesmuseums in Zürich, wo wir für den Kunstgewerbeflügel ein neues, mehrgeschossiges Dach mit «Fassaden» aus Biberschwanzziegeln vorgeschlagen hatten. Anders als in Siebnen, wo der skulpturale Ausdruck in keiner spezifischen Abhängigkeit zur Bauweise steht, resultiert die Skulpturalität in Mostelberg aus dem Grundriss-Dispositiv und der gewählten Holzbauweise.
Grundriss Obergeschoss
Grundriss Obergeschoss
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Das Haus ist nach Minergie-P zertifiziert. Der Bauherr zeigte zwar eine gewisse Sensibiltät dafür, seinen Energieverbrauch möglichst gering zu halten, den Ausschlag für den Bau eines Passivhauses gab aber die Tragstruktur. Als wir nämlich realisierten, dass das stützenfreie Überspannen des zehn Meter breiten Wohnraumes zu 40 cm dicken Dachelementen führt, die vollständig mit Wärmedämmung gefüllt werden können, haben wir gesagt: Dann lasst uns ein Passivhaus machen. Dieser Entscheid war mit einer gewissen Neugierde verbunden, hatten wir doch vorher noch nie ein Minergie-P-Haus geplant. Auf den Entwurf hatte die Zertifzierung nahezu keine Auswirkungen – einzig die Eingangstüre mussten wir entgegen unserer Intention verglasen, weil eine Dreifachisolierverglasung einen bessern U-Wert aufweist als ein opakes Element.
Axonometrie der Tragstruktur
Axonometrie der Tragstruktur
Lieu
Sattel/Mostelberg
Passivhaus Vogel 2010
Sattel/Mostelberg SZ

Bauherrschaft

privat

Auftragserteilung
Direktauftrag

Architektur und Bauleitung
Diethelm & Spillmann Architekten, Zürich

Gebäudekosten BKP 2
CHF 820'000

Gebäudevolumen
1'350 m3 (SIA 416)

Kubikmeterpreis
610 CHF/m3

Energiestandard
Minergie-P

Fotos
Roger Frei

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