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Architektur als Markenzeichen / gefragt

Jenny Keller | 22.09.2011

In unserer neuen Rubrik «gefragt» besuchen wir in losen Abständen Bauherrschaften, die mit guter Architektur auf sich aufmerksam machen und fragen sie im Interview, weshalb das so ist.

Was hat Architektur mit Bankgeschäften zu tun? Martin Kaiser, Bauherrenberater bei Raiffeisen im Gespräch mit Jenny Keller. 

Rot wie das Logo «Raiffeisen» leuchtet der Tartan-Boden im Zentrum von St. Gallen. Das ehemalige Gewerbequartier in der Altstadt, unweit des Bahnhofs ist heute ein Bankenstandort. Die Raiffeisengruppe besitzt und besetzt die meisten Immobilien vor Ort. Der rote Bodenbelag und die eingebauten Sitzmöbel sind das Werk von Pipilotti Rist und Carlos Martinez aus dem Jahre 2005. Mit der sogenannten stadtlounge, einem städtischen Open-Air-Wohnzimmer, wolle die Bank, laut Martin Kaiser, Leiter Bauherrenberatung bei der Raiffeisengruppe, der Bevölkerung von St. Gallen einen öffentlichen Raum «schenken».

Jenny Keller hat Martin Kaiser in St. Gallen besucht und ihn nach dem Verhältnis von Architektur und Bankgeschäften und nach der Bedeutung lokaler Handwerkskunst für ein Grossunternehmen befragt.

Künstlerische Intervention im öffentlichen Raum. Die Stadtlounge von Pipilotti Rist (Bild: Jenny Keller)

«Die Architektur ist eine tragende Säule der Corporate Identity von Raiffeisen», so die Worte des Vorsitzenden der Geschäftsleitung der Raiffeisengruppe. Wie kommt die Liebe zur Architektur bei Raiffeisen?
 
Für Raiffeisen sind die Nähe zu den Kunden und damit die Präsenz vor Ort sehr wichtig. Wir sind seit der Gründung 1902 stark gewachsen und haben heute 1'122 Standorte in der ganzen Schweiz. Das sind unglaublich viele visuell markante Schnittstellen zur Kundschaft.
 
Schon an der Landesausstellung (der Landi) 1939 hat man eine Filiale der Raiffeisenbank im Musterdorf Helvetikon aufgebaut, um zu zeigen, dass die Innenausstattung Schweizer Qualität und Handwerkskunst ist.
 
Vor rund 10 Jahren wurde dann innerhalb der Raiffeisengruppe begonnen, der Architektur auch strategisch eine Bedeutung zu geben. Dazu muss man erklären: Es gibt aktuell 346 Genossenschaften, die den Verbund zur eigentlichen Raiffeisengruppe bilden. Diese Banken sind in ihren Entscheidungen grösstenteils autonom und haben das Bauen immer als lokale Angelegenheit betrachtet. Wir versuchen nun über die Gruppe eine gemeinsame Strategie umzusetzen, die sich aus der Geschichte und Tradition des Unternehmens ergibt.

Traditionsreiche Filiale in Wiedikon, Zürich (Bild: Fiechter Salzmann Architekten)

Wir von der Bauherrenberatung möchten die jeweiligen Banken dafür gewinnen, den Weg mit uns gehen, damit diese Geschichte konsistent erzählt werden kann. Um die Heterogenität, die Raiffeisen ausmacht, sichtbar zu machen, wird mit Architekten und Unternehmern vor Ort gearbeitet. Man gibt also das Geld dort aus, wo man es verdient. Das entspricht auch der genossenschaftlichen Devise «Hilfe zur Selbsthilfe» aus den Anfängen der Raiffeisenbewegung.

Mit 1'122 Standorten in der Schweiz wird die Bautätigkeit nicht gering sein. Wie gross ist das Volumen in Schweizerfranken, das jährlich verbaut wird?

Das variiert relativ stark. Rund 150 Mio. Schweizerfranken pro Jahr werden in Sachinvestitionen investiert. Die Beratungsmodelle, wie man mit den Kunden umgeht, verändern sich laufend. Aktuell diskutiert man die aktive Kundenbetreuung und realisiert dafür diskrete Beratungszimmer. Viele Jahre kannte man ja nur geschlossene Glasschalter. Man hat heute auch mehr Zeit für die Kundschaft, weil einfache Prozesse automatisiert worden sind. Das verändert eine Bank sehr stark und bedingt, dass Umbauten, Neuorientierungen und die Anpassung vom Gesamtlayout und Raumangebot wie auch von sicherheitstechnischen Anlagen gemacht werden müssen.

So sieht eine moderne Raiffeisenbank heute aus. Filiale Küssnacht am Rigi von Lütolf Scheuner Architekten (Bild: Roger Frei)

Wie geschieht die Vergabe der Bauaufgaben an ein Architekturbüro?

Der Idealprozess sieht folgendermassen aus: Wir schreiben einen Projektwettbewerb aus, wobei wir nach lokalen Architekten für den Neubau einer Raiffeisenbank suchen. – Lokal interpretiert aber jeder wieder ein wenig anders, so hatten wir auch schon eine Bewerbung aus New York. Damit wir die Qualität generieren können, die wir erwarten, weiten wir den Radius auch aus. Mittels dieser Präqualifikation ergibt sich dann ein Feld zwischen fünf und zehn Architekturbüros, die später in einem anonymen Projektwettbewerb um den konkreten Auftrag gegeneinander antreten.
 
Was muss ein Architekt berücksichtigen, wenn er für Raiffeisen einen Wettbewerb gewinnen will?

Wenn man gewinnen will (unter der Voraussetzung natürlich, dass man hat die Hürde der Präqualifikation geschafft hat), dann muss man mit der Lösungsfindung überzeugen, so unterschiedlich die auch ist. Bei uns gibt es Neubauten im städtischen Kontext, die sich aus dem Ortsbild erklären lassen müssen bis hin zur korrekten Organisation von Abläufen innerhalb der Bank. Ein Architekt muss dann auch eine Jury überzeugen, die heterogen zusammengesetzt ist und aus Sach- und Fachpreisrichtern besteht.
 
Spannend wird es, wenn Teilnehmende das Potenzial und die Möglichkeiten für einen innovativen Ansatz im Sinne von Raiffeisen erkennen und neue Lösungsansätze wagen.

Backstein mal anders gebraucht. Fassadendetail der Filiale Zufikon von Edelmann Krell Architekten (Bild: Architekten)

Die Banken stehen nach der Bankenkrise nicht mehr so gut da wie auch schon. Versucht die Architektur bei Raiffeisen etwas zu kaschieren oder den Blick hinter die Fassade abzulenken?

Bei dieser Antwort hilft mir der Umstand, dass wir die Architektur schon vor der Bankenkrise als wichtig definiert haben. Sie lautet aber (gerade deshalb) ganz klar nein. Wir wollen damit die Unternehmensphilosophie unterstreichen. Ein stimmiges Bild soll entstehen und zeigen, dass das, was gelebt wird auch in den Bauten artikuliert werden kann. Nur weil man die Baukultur pflegt, muss sie ja nichts überdecken. Vielmehr soll etwas unterstrichen werden: die Philosophie des Unternehmens und seinen Anspruch an Bau- und Arbeitsplatzqualität.

Mit Architektur werden auch Werte einer Firma transportiert. Offenheit und Transparenz standen laut Projektbeschrieb beim Innenausbau beim Geschäftssitz am Kreuzplatz im Vordergrund. Das sind nicht unbedingt Werte, die man mit einer Bank, die um Sicherheit besorgt sein muss, in Verbindung bringen würde. – Wie kommt es, dass man das gegen aussen kommuniziert, wo ich doch genau das Gegenteil von einer Bank erwarte?

Das steht wirklich diametral zum Anspruch von Diskretion, den man an eine Bank hat. Wenn wir als Bankinstitut von Offenheit und Transparenz reden, dann meinen wir, dass wir dem Kunden gegenüber transparent sein wollen, dass man die Prozessabläufe transparent gestaltet, dass man offen über die Ziele diskutieren kann und im Umgang miteinander transparent ist. Die Architektur kann das unterstützen. Sie kann bis zu einem gewissen Grad transparent sein, wenn die Diskretion nicht behindert wird. 

Transparenz wird bei Raiffeisen wörtlich genommen: Filiale am Kreuzplatz Zürich von DGJ und Nau (Bild: Jan Bitter)

Der Kunde kann entscheiden, wie viel Diskretion er haben will: Gerade bei der Filiale Kreuzplatz hat man die Möglichkeit beim Bargeldbezug selber zu wählen, ob ein Glasabschluss reicht, oder ob man mit einem Vorhang einen Sichtschutz herstellen will.
 
Architektur widerspiegelt auch immer den Zeitgeist und den Geschmack der Erbauer. Gibt es Bausünden in ihrer elfjährigen Karriere, die Sie bereuen oder gerne ungeschehen machen würden?

Es gibt sicher Banken, bei denen man nicht genügend erreicht hat, eine Chance verpasst hat. Aber die meisten Umsetzungen dürfen wir in der Regel als gelungen bezeichnen. Wir haben das Privileg, dass wir immer wieder neue Fehler machen dürfen und daraus lernen können. Doch wir kommen dabei vorwärts, denn wir versuchen immer wieder, es besser zu machen.

Das Architekturleitbild von Raiffeisen (pdf)

Informationen zum Interviewpartner:
Martin Kaiser, dipl. Arch FH SIA EMBA ist seit 11 Jahren bei Raiffeisen Schweiz. Er hat die Bauherrenberatung der Bankengruppe mit aufgebaut und ein einheitliches Architekturleitbild erarbeitet, das bei Bauberatungen der einzelnen Raiffeisenbanken eingesetzt wird. Dabei geht es nicht um eine einheitliche Architektursprache oder ein festgelegtes Corporate Design: Raiffeisen ist grundsätzlich um architektonische Qualität bemüht.
 
Die Bauherrenberatung von Raiffeisen Schweiz beschäftigt sieben Mitarbeitende (fünf davon arbeiten am Hauptsitz in St. Gallen, eine Person in Lausanne und eine in Bellinzona).
 
Raiffeisen ist die drittgrösste Bank der Schweiz mit 3.5 Millionen Kunden. Die lokale Verankerung der genossenschaftlich strukturierten Bankengruppe soll sich in der Architektur der einzelnen Filialen widerspiegeln.

Raiffeisenbank Obergoms

Raiffeisenbank Küssnacht am Rigi

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Bild: via stylesight.com
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