Reminiszenz an die Industriegeschichte

Das Büro Reto Visini hat kürzlich die Wohnüberbauung Am See in Pfäffikon abgeschlossen. Reto Visini stellt sich unseren Fragen.
Das neue Ensemble mit chaussiertem Platz und Wasserbassin
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Huber + Suhner, ein weltweit tätiges Schweizer Unternehmen, das Komponenten und Systemlösungen der elektrischen und optischen Verbindungstechnik entwickelt und produziert, hat vor wenigen Jahren einen Teil seines zentral gelegenen Standorts in Pfäffikon ZH geräumt, womit das Teilareal für eine neue Nutzung frei wurde. Die Swisscanto Anlagestiftung der ZKB konnte das Grundstück erwerben und veranstaltete darauf einen Wettbewerb auf Einladung.

Im Unterschied zu Mitbewerbern, welche die neue Baumasse auf mehrere mittelgrosse Volumen auf dem Gelände verteilten, in Überbauungsmustern, wie man sie in Peripherien antrifft, übernahmen wir mit unserem Bebauungskonzept ganz bewusst die grossmassstäbliche Volumetrie der vorhandenen Industriebauten und setzten kompakte Grossvolumen in den Fussabdruck des Bestandes. Die Geschichte des bisher industriell genutzten Ortes soll in der neuen Überbauung spürbar und die bestehende bauliche Dichte als identitätsprägendes Merkmal erhalten bleiben.

Direkt am Pfäffiker See kommt es so zur spannungsvollen Koexistenz des kleinteiligen dörflichen Zentrums mit den benachbarten grossmassstäblichen Ortsbausteinen der neuen Wohnüberbauung am See, und daher auch zu einem kontrastreichen Nebeneinander unterschiedlicher räumlicher Qualitäten.
Die Fabrikstrasse verbindet die Uferpromenade mit dem Bahnhof
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Die Inspiration geht immer vom Ort aus und natürlich von seiner Geschichte. Als Vorbilder zu nennen sind sicher Fernand Pouillon und Auguste Perret, die als Vertreter einer «anderen» Moderne nicht mit der Vergangenheit brachen, sondern daran anknüpften und sich durch ihre Werke mit ihr verbanden.

In der Tiefe des Areals werden drei Längsbauten in unterschiedlichen Abständen zueinander gesetzt. Die ehemalige Fabrikfront zur Seepromenade wird übernommen. Das Gebäude am See bietet jeder Wohnung eine grosszügige Loggia und birgt in den beiden untersten Stockwerken zweigeschossige Gartenmaisonetten, die – als Beitrag zur Verdichtung – wie private Reihenhäuser funktionieren, jedoch ins Grossvolumen integriert sind.

Eine schmale Wohngasse bildet den Zwischenraum zum zweiten Gebäuderiegel, der in Anlehnung an den früheren Warenumschlagplatz und die dortige Kranbahn fast zwei Geschosse über dem neuen Freiraum schwebt und eine hybride Lofttypologie beinhaltet, die sowohl für Wohnen als auch für Arbeiten geeignet ist.

Dahinter erstreckt sich eine weite, chaussierte Platzfläche, die durch ein grosszügiges Wasserbassin mit Schilfbecken unterteilt wird und mit lichten Baumgruppen bepflanzt ist. Spielgeräte aus Robinienstämmen und Hanfseilen, sowie mit Holzrosten belegte Sitzbänke akzentuieren den Freiraum zur multifunktionalen Bespielbarkeit für Gross und Klein. Mit der Gestaltung der Umgebung werden die Qualitäten des Seeufers in die Mitte der Überbauung hinein getragen und kommen so auch den beiden Längsbauten in zweiter, respektive dritter Bautiefe zugute.

Der Abschluss zur Tumbelenstrasse bildet ein übertiefes Gebäude mit schlanken Wohnungen, die auf den Etagen paarweise jeweils nach Süden eine kompakte Kleinwohnung rahmen. Ein zweigeschossiger Sockel mit Gewerberäumen belebt die Strasse. Das vierte Gebäude steht westlich des Platzes senkrecht zum See und begleitet den Weg über die Fabrikstrasse, welche die Uferpromenade zukünftig direkt mit dem Bahnhof verbindet. In ihm sind neben Familienwohnungen zwei öffentliche Kindergärten und eine private Krippe untergebracht. In allen Häusern sind im Erdgeschoss wegbegleitend Gewerberäume oder Wohnateliers angeordnet. 
Das Gebäude am See
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?
Der Ort ist die Quelle von allem. Unser Ziel bei diesem Projekt ist (wie eigentlich immer) die Kontinuität und eine angemessene Präsenz mit Ausstrahlung: Die Ortsgeschichte wird weitererzählt, mit einprägsamen Bauten von hohem Wiedererkennungswert, mit Gebäuden, die als Ensemble erscheinen und in diesem besonderen Fall die Massstäblichkeit der Industrieepoche aufnehmen.

Nach knapp dreijähriger Bauzeit ist so ein Ort in und für Pfäffikon mit starker, einzigartiger Identität entstanden, wobei der Wert und der Charme der Vorgängerbauten in den neuen Wohnhäusern weiterleben. Die Erinnerung bleibt so im Gedächtnis des Ortes auch weiterhin haften.
In einer zweigeschossigen Gartenmaisonette
In einer Loft, über dem Platz schwebend
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?
Die kompakten Grossvolumen erreichen sehr gute Gebäudehüllwerte, bündeln Energie und sparen Baumaterialien. Herkömmliche und durch die Wiederholung der handwerklichen Tradition vielfach geprüfte und verfeinerte Konstruktionen und dauerhafte, gut bekannte Materialien implementieren die Nachhaltigkeit. Wärmedämmung und Verglasung sind in Übereinstimmung zum Minergie-Standard. Die Verwendung bewährter, ökologischer Baustoffe ist eine Selbstverständlichkeit.
Räumliche Platzausweitung, unter dem Haus hindurch
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Die Materialisierung und Farbgebung der vier Gebäude wurden innen wie aussen differenziert und auf die unterschiedlichen Häuser und Wohnungstypen individuell abgestimmt, jedoch so, dass sie im Ensemble verbindend wirken und ein zusammengehöriges Ganzes bilden.

Decken und tragende Aussen-, Kern- und Hauptwände sind in Massivbauweise. Die den Platz nördlich und zum See hin rahmenden Bauten haben verputzte Kompaktfassaden mit verblendeten Sockelgeschossen in Klinkersteinen. Aus demselben Klinker ist das Zweischalen-Sichtmauerwerk des Hauses senkrecht zum See. Das schwebende Hofgebäude hat eine Betonelementfassade und Holz-Metall-Fensterfronten nach beiden Seiten. Die vier Erschliessungstürme, auf denen der Gebäuderiegel schwebt, sind mit Profilit-Gläsern ummantelt, die nachts durch ringsum laufende Lichtbänder wie Laternen erhellt werden. Alle Häuser haben Textilmarkisen unterschiedlicher Farben zum Sonnenschutz. Entlang der Uferpromenade sind die Loggien zudem durch Vorhänge geschützt.
Bei der Gestaltung der Innenräume wurde grosser Wert auf wohnliche und natürliche Materialien in entsprechender Farbgebung gelegt.
Situation
Erdgeschoss
Obergeschoss
Schnitt
Wohnungen Gebäude B
Wohnungen Gebäude A und C
Wohnungen Gebäude D
Partner Bau der Woche
Wohnüberbauung Am See
2016
Zürich

Nutzung
129 Wohnungen, 16 Lofts, 1'500 m2 Gewerbeflächen, 2 Kindergärten und
1 Hort

Auftragsart
1. Rang in zweistufigem Wettbewerbsverfahren 2011

Bauherrschaft
ZKB / Swisscanto Anlagestiftung, Zürich

Architektur
Reto Visini Architekten Zürich (vormals Anne-Marie Fischer und Reto Visini)
Projektteam: Reto Visini, Anne-Marie Fischer, Leo Habsburg, Irene Martin, Jose Manuel Catedra, Alex Jaeggi, Jakob Florek

Fachplaner 
Bauingenieur: Suisseplan Ingenieure AG, Zürich
HLS-Ingenieur: Amstein + Walthert AG, Zürich
Elektro-Ingenieur: Riesen Elektroplanungs GmbH, Volketswil ZH
Bauphysiker: Steigmeier Akustik + Bauphysik GmbH, Baden AG
Landschaftsarchitektur: Reto Visini Architekten Zürich (vormals Anne-Marie Fischer und Reto Visini)

Bauleitung 
BW Generalbau AG, Winterthur ZH

Gebäudevolumen
101'616 m³ (SIA 416)

Energiestandard
Minergie-Standard, zertifiziert

Fotografie
Bruno Helbling