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Zwillinge in Trosselfels

Clerici & Müller haben kürzlich einen Büro-, Gewerbe- und Wohnbau in Niederuzwil fertiggestellt. Regula Geisser wählt zwei Zeichnungen und zwei Fotos und beantwortet unsere fünf Fragen.
Die Zwillinge an der Ochsenkreuzung
Die Zwillinge an der Ochsenkreuzung
(Foto: Anna-Tina Eberhard)
Was hat Sie an der Bauaufgabe am meisten interessiert?

Interessant war die Herausforderung, in einem heterogenen Umfeld ein ebenso vielfältiges, wie flexibles Raumprogramm zu realisieren, mit dem Ziel das Ortsbild zu beruhigen und stärken, aber gleichzeitig mit neuen Qualitäten zu bereichern. Diese gegensätzlich erscheinenden Faktoren begleiteten uns durch den gesamten Entwicklungsprozess. Die Grundidee fand sich bereits in der Wettbewerbsphase. Das Kennwort Geminus, lat. Zwillingsfigur vermag den Kern der Idee verbal zu vermitteln. Zwei gleiche Bauten in Form und Aussehen bilden zusammen eine Zwillingsfigur, die einen öffentlichen Platz, die Raiffeisenbank, ein Restaurant, Geschäfte, Dienstleistungen und Wohnen beherbergt. Dies alles bildet zu einer charakteristischen Einheit zusammengefügt den Raiffeisenplatz Niederuzwil.

Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Die Entwurfsidee begründet sich im Wesentlichen aus dem ortsbaulichen Kontext von Niederuzwil und dem Gebiet Ochsenplatz. Wir finden eine offene, durchgrünte Siedlungsstruktur mit 2-bis 3-geschossigen Häusern, höheren städtischen Gebäuden, einer Kirchenanlage, sowie kleineren, ländlichen Holzhäusern vor. Kontraste, wie «gross» und «klein» sowie «alt» und «neu» prägen das Bild. Einen besonderen Stellenwert erhält in diesem Zusammenhang das Oswald-Heer Haus, das mitten in der Neubauplanungszone als schützenswertes Kulturobjekt bestehen bleibt.
Ein stark durchgrünter Siedlungsraum entlang der Bahnhofstrasse ist spürbar, verschwindet jedoch im ungeordneten Umfeld der Unterschiedlichkeiten. Das Projekt Raiffeisenplatz setzt sich zum Ziel, diesen übergeordneten Raum zu stärken und erlebbar zu machen. Mit der Positionierung von zwei identischen 5-geschossigen Gebäudevolumen wird der Grossraum markant gefasst und durch den dazwischenliegenden Platz entsteht eine grosszügige Öffnung.
Situation
Situation
Wie ist das Verhältnis des Entwurfs zum vollendeten Bauwerk? Gab es bedeutende Projektänderungen oder veränderte ein Lernprozess das architektonische Ziel?

Die gesetzte Grundidee der äusseren Erscheinung der Zwillingsfigur in Naturstein und dem eingebetteten Platz blieb jederzeit unangetastetes architektonisches Ziel. Dies beruhigte den Entwurfprozess entscheidend und war eine wichtige Stütze für die Bauherrschaft und das Architektenteam. Das Innere hingegen veränderte sich dynamisch mit den potentiellen Mietern der Gewerberäume, den sich laufend differenzierenden Vorstellungen zum Bankausbau, dem Komfort der Wohnungen und den Nutzungen des Erdgeschosses durch Restaurant und Läden. Diese laufenden Veränderungen erforderten eine maximale strukturelle Flexibilität, was sich auch auf die statische Struktur des Gebäudes auswirkte und entsprechend aufwändigere Statik mit Abfangdecken, Vorspannungen, tragender Fassade und kompaktem Erschliessungskern erforderte. Ebenso verhielt sich die Fassadenausbildung, die aus einer grafisch entwickelten Idee hervorging und erst durch ihre Funktion als tragende Fachwerkstruktur aus den Gesetzmässigkeiten der Ingenieurskunst ihre architektonische Form fand.
Bankhalle mit Luftraum
Bankhalle mit Luftraum
(Foto: Anna-Tina Eberhard)
Wie bezieht sich das Bauwerk auf Eure anderen Entwürfe und gliedert es sich in die Reihe Eurer Werke?

Es besteht eine klare Verwandtschaft zum Raiffeisengebäude in Wittenbach St.Gallen. Das Gebäude zeigt Ähnlichkeiten bei Grundriss, Fassade, Eingangssituation und Nutzungsflexibilität. Es charakterisiert sich gleichermassen durch eine tragende Fachwerkfassadenstruktur in Ortbeton, die jedoch im Gegensatz zum massiven Ausdruck der Fassade Niederuzwil durch die Verwendung von Metall und Glas eine leichte, netzartige Ausprägung hat. Der Eingang ist an der Gebäudeecke stützenlos aus dem Netzwerk ausgeschnitten, was durch eine Fachwerkaufhängung der darüberliegenden Fassadenwände realisiert wird. Die Nutzungsflexibilität wird bei beiden Bauten im Wesentlichen durch den stützenfreien Grundriss mit tragender Fassade und massivem Kern ermöglicht. Beide Banken von Raiffeisen befinden sich an einem öffentlichen Platz und stehen durch das bewusste Weglassen einer Sockelausbildung direkt auf ihm.
Gebäudeschnitt
Gebäudeschnitt
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Die aktuelle Thematik der Nachhaltigkeit in Energiegewinnung und Grauer Energie von Konstruktionslösungen hatten für die Bauherrschaft hohe Priorität. Eine nachhaltige Lösung, die auch in 30 Jahren noch tadellos funktioniert, wurde angestrebt. Dabei entschied sich die Bauherrschaft für eine aufwändige und ökologische Lösung mit 40 Erdsonden in 180m Tiefe, verteilt unter dem gesamten Areal. Diese erbringen mittels Wärmepumpen den gesamten Heiz- und Warmwasserbedarf sowie im Sommer die gesamte Kühlleistung der Geschäftsräumlichkeiten. Ebenso vermag die grosse Zahl der Sonden das benachbarte Hochhaus mit Wärmeenergie zu versorgen. Der Raiffeisenplatz wird so um die Funktion eines Wärmekraftwerks reicher.
Das Fassadenmaterial Naturstein war sowohl vom architektonischen Ausdruck wie auch von der Energiebilanz des geringen Bedarfs an Grauer Energie Wunschmaterial. Entscheidend war aber auch die Herkunft des Gesteins. Die positive Ausstrahlung und die guten Alterungseigenschaften des gewählten Steins, Trosselfels aus Deutschland, überzeugten nach intensiven Diskussionen sowohl die Bauherrschaft wie auch das Architektenteam.
Der Platz mit gebrochener Maggiagneis-Pflästerung bildet einen Kontrast zur grossformatig geschnittenen Trosselfels-Fassade.
Der Platz mit gebrochener Maggiagneis-Pflästerung bildet einen Kontrast zur grossformatig geschnittenen Trosselfels-Fassade.(Foto: Anna-Tina Eberhard)
Luogo
Niederuzwil SG
Zentrum Raiffeisen
2010

Niederuzwil SG

Bauherrschaft
Raiffeisenbank Oberbüren-Niederbüren-Uzwil
Oberbüren SG

Auftragserteilung

eingeladener Wettbewerb

Architektur
Clerici & Müller, dipl. Architekten, St.Gallen SG
Projektleitung: Regula Geisser, Georg Streule; Mitarbeit: Carole Serwart, Fabio Neuhaus

Bauleitung

Trunz & Wirth AG, dipl. Architekten, Henau SG
Baumanagement: Karlpeter Trunz

Energiestandard
Minergie

Fotos
Anna-Tina Eberhard

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