Eine eierlegende Wollmilchsau

FSA haben kürzlich den Kopfbau der Chliriethalle in Oberglatt fertiggestellt. Barbara Frei und Martin Saarinen wählen fünf Zeichnungen und vierzehn Fotos und beantworten unsere acht Fragen.
Die Dachfläche knüpft nahtlos an den Bestand an
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Es gab kein Vorbild, keine Referenz. Der Kopfbau einer Dreifachturnhalle, die für alle möglichen Events genutzt wird, fiel einem Feuer zum Opfer. Es sollte schnell und mit begrenzten finanziellen Mitteln Ersatz geschaffen werden. Dieser sollte das neue Gesicht der Anlage werden und die Chliriethalle bedienen. Ein Hauptzugang mit Foyerbereich war ebenso vorzusehen, wie eine Grossküche mit eigener Anlieferung oder ein neuer Zugang zur Turnhallentribüne. Darüber hinaus sollte das unterteilbare Foyer des Neubaus auch als eigenständige Einheit für Bankette, Tagungen oder Feste genutzt werden, und nicht zuletzt wäre auch ein Lokal für die rund fünfzig Vereine in Oberglatt vorzusehen. Der Gordische Knoten wurde zerschlagen, indem längs zum bestehenden Bau eine Raumfolge aus Foyer, Rampe und einer Galerie angeordnet und sämtliche übrigen Räume daran angelagert wurden. Die Galerie mit Blick in die Baumkronen der parkähnlichen Umgebung war im Wettbewerbsprogramm nicht vorgesehen, jedoch zwingend für die Konzeption, denn nur so entsteht ein räumliches Gleichgewicht zwischen Anfang und Ende, Oben und Unten. Als «Added Value» mit ganz eigenen räumlichen Qualitäten ergänzt sie das Foyer, welches erfreulicherweise unlängst zum neuen Gemeindesaal mutierte.
Der Gemeindesaal öffnet sich in die parkähnliche Umgebung
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Von der mächtigen Kassettendecke der Neuen Nationalgalerie kann man lernen, dass eine pechschwarze Konstruktion das Licht und die Farbigkeit der Umgebung wunderschön bis in die Tiefe des Raumes leitet (schwarzes Trapezblech). Ein Wochenendaufenthalt in La Tourette reichte, um zu erkennen, dass man gewisse Dinge tun muss um sie zu tun (ZDF-Torwandfassade). Dass eine Wand flächig und gleichzeitig gegliedert erscheinen sollte, wäre noblerweise vom Palazzo Rucellai abzuleiten. Ein Blick auf die Backsteinwand der alten Chliriethalle reicht aber auch (Innenwände).
Vor dem Sportlereingang werden Fussballschuhe gewaschen
Unter der zeichenhaften Dachstirn befindet sich der Haupteingang
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?
Die Vereinskultur in Oberglatt ist reich und vielfältig. Die rund fünfzig Vereine mussten nach gewonnenem Wettbewerb selbstverständlich in den breit abgestützten Konkretisierungsprozess einbezogen werden. Das Resultat sind nebst betrieblichen Verbesserungen die fünf gewaltigen Fahnenschaukästen, die von der Galerie her die Rampe hinabtreppen. Dass man in der «Agglo» dem Prätentiösen, allzu Designten oder dem Chi-Chi im Allgemeinen eher skeptisch begegnet (diese These ist nicht verifiziert), kam unserer Vorstellung von Materialisierung und Detaillierung entgegen. Natürlich bot die Einbettung des freistehenden Hauses in das satte Grün der Oberglatter Sportanlagen in Verbindung mit dem ausladenden Dach die Möglichkeit, grosszügig mit Verglasungen zu operieren, ohne dass im Innern ein Gefühl der Exponiertheit entsteht. Die Nordausrichtung der Hauptfassade beschert keine solaren Gewinne, dafür konnte auf einen Sonnenschutz verzichtet werden, wodurch die Glattheit der Verglasung aussen zu der Tiefe der Fensterzargen kontrastiert, die sich wie überdimensionale Fenster aneinanderreihen und die Stahlpfosten, die das Dach tragen, verbergen.
Gemeindesaal mit verdunkelten Oblichtern
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?
Leider hat die Baukommission nach frisch verlegtem Industrieparkettboden beschlossen, diesen nicht wie geplant schwarz zu beizen. Wir bedauern den fehlenden Kontrast zur Decke, denn die geplante farbliche Einheit von Boden und Fensterzargen wäre nach unserer Auffassung interessanter als die nun doch etwas rustikale Variante. Nachbeizen ist immer möglich – die Hoffnung stirbt zuletzt.
Die Galerie führt zur Turnhallentribüne…
…und ist auch für kleine Versammlungen nutzbar
Fensterzargen verbergen die Tragstruktur
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?
Nein. Zum einen verunmöglichte die relativ knappe Planungs- und Bauzeit, allzu Grundsätzliches in Frage zu stellen. Zum anderen erwies sich der Wettbewerbsentwurf sowohl funktional als auch gestalterisch als stimmig. Es ging einfach alles auf. Interessanterweise wagte es ausserhalb unseres Büros niemand, die durch die ZDF-Torwand inspirierte «Blubberfassade» (eine Wortschöpfung unseres Fotografen Hannes Henz) in Frage zu stellen. Erstaunlich.
Fahnenschaukästen der Vereine führen zum Tribünenzugang
Unter der Dachkehle ist der Gemeindesaal unterteilbar
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?
Es gibt Parallelen zu früheren Bauten: Ein bestehendes Dach als vereinheitlichendes Element über einen Anbau hinauszudehnen, erkennt man auch beim Kino Xenix. Eine Wand zu gliedern, um sie aus näherer Distanz auch als Gefüge wahrzunehmen, ist im Pfarreihaus St. Josef oder im Kindergarten-Umbau Kügeliloo ebenso ein Thema, wie auch im Gemeindesaal Oberglatt, bloss ungleich subtiler: Erst auf den zweiten Blick fällt die klassische Einteilung in glatte Sockel- und mit rauem Glasfasergewebe bekleidete Hauptpartie auf. Neu ist die Verwendung «unedler» Baumaterialien, wie Trapezblech, Welleternitplatten, Industrieparkett, Metallzargentüren oder dem banalstmöglichen Handlauf. Dies hat zwei Gründe: Zum einen suchen wir immer ein gewisses Mass an Gewöhnlichkeit, weil uns Bauten, die an jeder Ecke unsere Aufmerksamkeit erheischen, auf die Nerven gehen. Andererseits ist bei gegebenem Budget die Einteilung in billig und teuer cleverer, als allgegenwärtiges Mittelmass. Es ist wie beim Einkaufen: Günstiges Waschmittel (Trapezblech), dafür guter Wein (Fensterzargen).
Stubenartiges Vereinslokal
In der durchlöcherten Blechfassade wiederspiegelt sich die Umgebung
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?
Energetische und konstruktive Überlegungen bewogen uns dazu, Aussenwand und Dach im Gegensatz zum bestehenden Gebäude aus vorfabrizierten Holzelementen mit bis zu 20 Metern Länge fertigen zu lassen. Das geringe Gewicht der Dachelemente erlaubte es, diese am Bestand anzuhängen. Dass die Decke alle Installationen zur Be- und Entlüftung, zur Entrauchung im Brandfall, zur Beschallung und Schallabsorption, zur Beleuchtung sowie zur Verdunkelung der Oblichter aufnehmen sollte, begünstigte die Materialwahl: In die relativ schlanken Holzelemente war alles integrierbar ohne sich bauphysikalische Probleme einzuhandeln. Ein schöner Nebeneffekt der leichten Konstruktion: In der Stille hört man leise den Regen prasseln.
Atmosphärisch irgendwo zwischen Scheune und Villa
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Holz, Spachtel und Farbe. Wie so oft waren es die Schreiner und Maler, die den Bau mit ihrem Können und grossem Einsatz im Wortsinne geradebogen. Denn Kosten- und Termindruck sowie einzelne fragwürdig arbeitende Firmen verunmöglichten eine hochpräzise möbelähnliche Ausführungsqualität, wie sie in kleinen Räumen, wie dem Kino Xenix oder dem Pfarreihaus St. Josef noch möglich war. Wer den unfertigen Bau vor dem inneren Auge hat, staunt über die Präzision des fertigen Baus.
Partner Bau der Woche
Vectorworks
Kopfbau der Chliriethalle
2014

Oberglatt ZH

Auftragsart
Wettbewerb nach Präqualifikation

Bauherrschaft
Gemeinde Oberglatt

Architektur
Frei + Saarinen Architekten GmbH, Zürich

Fachplaner
Tragwerk: WGG Schnetzer Puskas Ingenieure AG, Zürich
HLSE-Ingenieur: Amstein + Walthert AG, Zürich
Bauphysik: Amstein + Walthert AG, Zürich
Brandingenieur: Amstein + Walthert AG, Zürich
Gastroplanung: Hosta AG, Basel

Bauleitung
Bautermin Walder AG, Embrach
 
Fotos
Hannes Henz, Zürich

Vectorworks BDJ