Wertschätzung und Gestaltungsfreude

Schmid Schärer
6. de juny 2024
Foto: Jason Klimatsas
Herr Schärer, worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Im Planerwahlverfahren war neben der Honorarofferte und Qualifikationsnachweisen ein Vorgehensvorschlag zum Entwurf verlangt. Wir fanden bei unserer Recherche heraus, dass die 2013 gebaute Erweiterung von RWPA Architekten an der Gemeindeversammlung durch einen Ad-hoc-Antrag um 4 Klassenzimmer gekürzt wurde. Daraus erwuchs die Idee, dass wir diesen mit dem Betonpreis ausgezeichneten Entwurf in seiner ursprünglichen und stimmigen Länge zu Ende bauen wollen. Natürlich gab es bürointern Diskussionen, ob man das machen dürfe. Wir waren auch die einzigen, die dies vorschlugen. Auf Nachfrage fanden wir aber heraus, dass RWPA sich darüber freuten.

Das vorhandene Ensemble ist baugeschichtlich wertvoll und inventarisiert, die alte Turnhalle steht sogar unter Denkmalschutz. (Foto: Jason Klimatsas)
Welche Inspiration liegt diesem Projekt zugrunde?


Da die Erweiterung der Schulräume durch unsere Vorgänger bereits entworfen war, musste für die neue Turnhalle eine Gestalt gefunden werden, die sich in das preisgekrönte und inventarisierte Gebäudeensemble integriert und als erster Holzbau in der Reihe trotzdem seinen eigenen Ausdruck findet. Im Inneren haben wir bestehende Materialien und Details aufgenommen, überformt und mit neuen Farben ergänzt. Im Zuge der Oberflächensanierungen haben wir diese dann auch in den Bestandsbau zurückgespielt.

Das Bestandsgebäude ist ein preisgekrönter Betonbau aus dem Jahr 2013. Er wurde nun auf seine ursprünglich von RWPA Architekten vorgesehenen Proportionen vergrössert. (Foto: Jason Klimatsas)
Die Ausblicke in die landwirtschaftlich geprägte Umgebung sind sorgfältig inszeniert. (Foto: Jason Klimatsas)
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Im Äusseren arbeiteten wir nach dem gleichen Prinzip, vergrösserten jedoch den Radius für die Referenzen. Die Schule liegt zwischen den Dörfern Lufingen und Augwil mitten in einem landwirtschaftlich genutzten Gebiet vis-à-vis einer Gärtnerei mit Treibhausanlagen. Die Fassade des Erweiterungsbaus von 2013 ist durch hohe dünne Stützen in engem Raster strukturiert, und die denkmalgeschützte alte Turnhalle am anderen Ende des mäandrierenden Ensembles vervollständigte unser Inspirationsrepertoire. So fingen wir an, mit transluzenten Polycarbonatstegplatten und vertikalen Lisenen aus Holz zu spielen. 

Blick in die neue Turnhalle (Foto: Jason Klimatsas)
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


Volumetrisch hatten wir die Turnhalle zuerst entsprechend dem bestehenden Rhythmus des Gebäudemäanders um 90 Grad abgedreht. Es zeigte sich aber, dass aufgrund des immer stärker ansteigenden Terrains grosse Erdbewegungen nötig werden würden. Daher entschieden wir uns, nur die Giebelrichtung zu drehen und das Volumen nicht abzuwinkeln. Dies gab uns die Möglichkeit, ein aussergewöhnliches und trotzdem günstiges Turnhallendach zu konstruieren. Brettschichtholzträger werden mit dreieckigen Schwertern aus Sperrholz beidseitig bestückt, welche eine einfache Dreischichtholzplatte mit darüber liegendem Warmdach tragen.

Aussergewöhnlich ist die Dachkonstruktion der neuen Turnhalle: Brettschichtholzträger und dreieckige Schwerter tragen ein Warmdach auf Dreischichtholzplatten. (Foto: Jason Klimatsas)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


Ja. Wir setzten uns intensiv mit dem Widerspruch auseinander, einerseits eine massive Betonarchitektur der 2010er-Jahre weiterzubauen und gleichzeitig an unsere eigenen Entwürfe hohe Ansprüche bezüglich des Netto-Null-Ziels zu stellen. 

2013 spielte die graue Energie und deren CO2-Ausstoss für die meisten Architekten noch keine Rolle. Bezüglich der Tageslichtausbeute und der natürlichen Lüftung hatte der alte Entwurf jedoch grosses Potenzial. Mit dem Einbau von motorisierten Lüftungsklappen in den Klassenzimmerfenstern und Oblichtern konnten wir mit einer kontrollierten natürlichen Fensterlüftung nicht nur die Luftqualität mittels CO2-Fühler regulieren, sondern auch eine automatische Nachtauskühlung ermöglichen, die den Betrieb der installierten Splitkühlgeräte unnötig macht. Die Turnhalle ist ebenfalls nur mit einer automatisierten Fensterlüftung ausgestattet. 

Für die Fassaden fanden transluzente Leichtbauelemente aus Polycarbonat Verwendung. (Foto: Jason Klimatsas)
Die Garderoben sind in fröhlichen Farben gestaltet. (Foto: Jason Klimatsas)
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Pionierhaft ist die Polycarbonatfassade aus Rodecca-Leichtbauelementen. Die 60 Millimeter dicken, 500 Millimeter breiten und 5 Meter hohen Paneele sind so leicht, dass sie von einer Person allein getragen werden können. Dabei erreichen sie einen U-Wert von 0.7. Wir haben überschlagen, dass wir mit ihnen knapp zwei Drittel der CO2-Menge einsparen im Vergleich zu einer Glasfassade mit Aluprofilen. Ein weiterer Vorteil der transluzenten Fassade ist der diffuse Tageslichteinfall: Es gibt keine Blendwirkung, und daher steht kein Sonnenschutz der Tageslichtnutzung im Wege.

Foto: Jason Klimatsas
Situation (© Schmid Schärer)
Grundriss Erdgeschoss (© Schmid Schärer)
Längsschnitt (© Schmid Schärer)
Querschnitt (© Schmid Schärer)
Bauwerk
Erweiterung der Primarschule und Neubau einer Turnhalle in Lufingen
 
Standort
Hintermarchlenstrasse 31 und 33, 8426 Lufingen
 
Nutzung
Schulraumerweiterung und Turnhallenneubau
 
Auftragsart
Planerwahlverfahren mit Zugang zur Aufgabe
 
Bauherrschaft
Primarschule Lufingen
 
Architektur
Schmid Schärer Generalplaner GmbH, Zürich
Roger Schärer, Asako Berwert, Jacqueline Alexandra von Rooy, Charlotte Reuse, Emily Arthers, Salome Roggensinger, Lisa Seefried, Simon Kunzler, Remo Baumgartner und Patrick Schmid
 
Fachplaner
Balzer Ingenieure AG, Winterthur
P.Keller+Partner AG, Baden
HKP Bauingenieure AG, Zürich
Steigmeier Akustik + Bauphysik GmbH, Baden
 
Fertigstellung
2023
 
Gesamtkosten BKP 1–9 
CHF 10.5 Mio.
 
Gebäudekosten BKP 2 
CHF 8.53 Mio.
 
Gebäudevolumen
11'800 m3 (gemäss SIA 416)
 
Kubikmeterpreis
720 CHF/m3 (BKP2)
 
Energiestandard
Minergie ECO unzertifiziert
 
Fotos
Jason Klimatsas, Zürich

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