Das Ehepaar der Schweizer Fotografie – Luzzi und Michael Wolgensinger

Nadia Bendinelli
2. de juny 2021
Foto: Nadia Bendinelli

Das Buch «Mit vier Augen» bringt uns nicht nur die Arbeit, sondern auch das Leben der Zürcher Institution näher.

Gemütlich beisammen sitzen, duftenden Kaffee trinken und selbstgebackene Guetzli essen, dabei alte Fotoalben in Händen halten und den Geschichten zu den Bildern lauschen – in eine solche Szene wird man beim Blättern des Buches über Luzzi und Michael Wolgensinger versetzt. Dies schon durch die optische Aufmachung: Zu sehen sind einige fotografierte Alben mit eingeklebten Bildern. Diese Seiten transportieren den persönlichen Bezug, der «Mit vier Augen» auszeichnet. Die Danksagung der Herausgeber – Tochter und Neffe des bekannten Fotografenpaars – vervollständigt den Eindruck: Das Buch wurde von der Familie lange herbeigesehnt und konnte «nach vielen Jahren endlich» veröffentlicht werden. Uns erwartet also die Geschichte einer Familie – aber nicht nur das.

Foto: Nadia Bendinelli
Ein Fotoatelier, eine Gemeinschaft

1936 in Zürich gegründet, etablierte sich das Fotoatelier Wolgensinger als eines der relevantesten seiner Zeit. Die besondere Weltoffenheit des Paars führte bald dazu, dass sein Atelier zum Treffpunkt für Kreative und Intellektuelle von überallher wurde. Oft standen deren Projekte vor finanziellen Hindernissen, die als Einzelperson nicht zu überwinden waren. Die vielen Kontakte der Wolgensingers versprachen da hilfreiche Kooperationen. Gegen den damaligen Zeitgeist hegten die Frauen in diesem Kreis den Wunsch, sich beruflich auszudrücken – genauso wie ihre Ehemänner, die sie, auch das speziell für die Zeit, darin unterstützten. Luzzi war gebildet. Weil sie besonders an Literatur interessiert war, vertiefte sie sich gerne in Gespräche mit einigen Schriftstellern, die zu ihrem Freundeskreis zählten. Michael hingegen, der von derlei philosophischen Unterhaltungen weniger angetan war, widmete seine Aufmerksamkeit lieber dem Tun. 

Der Name Wolgensinger war ein Synonym für Perfektion, denn das Paar beherrschte sein Metier absolut. Glücklicherweise lagen die Stärken der beiden in unterschiedlichen Bereichen ihres Berufs, was zu rundum guten Ergebnissen beitrug. Michael, der vielseitig interessiert war, reiste oft und gerne durch Europa und Fernost. Dazu war er ausgesprochen erfinderisch und lotete die Grenzen der Technik mit immer neuen Ideen aus. Obwohl das Atelier rund zehn Personen beschäftigte, gab es zwei Aufgaben, die ausschliesslich Luzzi ausführte: das Retuschieren und die damals aufwendige Produktion von Farbfotografien. Darin war sie eine wahre Meisterin, ihre Arbeit war aussergewöhnlich präzise. Kein Bild verliess das Atelier ohne ihren Segen. 

Foto: Nadia Bendinelli
Foto: Nadia Bendinelli

Obwohl sein Kerngebiet die Sachfotografie war, widmete sich das Paar parallel auch anderen Feldern. Die grosse Neugier der Wolgensingers und ihre Begeisterung für neue Entdeckungen konkretisierten sich in zahlreichen Reisebüchern. Ab den 1950er-Jahren galt das Interesse des Paars vermehrt der Reportage, der Welt des Theaters, der Industrie- und der Architekturfotografie. Für letztere entwickelten die Wolgensingers eine eigene Bildsprache. Gebäudeaufnahmen haben meist eine dokumentarische Funktion: Die Klarheit des Bildes illustriert Architektursprache, Materialität, Licht und Schatten – auch sinnbildlich. Luzzi und Michael entschieden sich aber oft für eine Inszenierung der Bauten und teilten das Bild in Vorder-, Mittel- und Hintergrund auf. Ganz vorn rückten sie gerne ein Sujet aus der Umgebung ins Bild, das mit dem Bau selber wenig zu tun hatte – etwa Strassenlaternen, Autos oder Menschen. Diese Objekte oder Personen ziehen die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich und führen durch ihre Linien unvermittelt zur Architektur hin oder unterstützen die Aussage des Gebäudes. Das Inszenieren von Menschen, deren Wirkung im Bild und die Komposition wurden charakteristisch für ihre Architekturfotografie.

Ihr ausgesprochenes Interesse an den technischen Neuerungen des Fotografenberufs brachte die Wolgensingers sehr früh dazu, sich mit dem Film zu beschäftigen. Auch hier war ihnen – wie schon in der Fotografie – der experimentelle Ansatz wichtig, um eine eigene Ausdrucksform zu finden und die Grenzen des Möglichen auszutesten. Dieser Aufwand machte sich bezahlt: Sie erhielten 1953 eine wichtige Auszeichnung an den Internationalen Filmfestspielen von Venedig. Und den Filmpreis der Stadt Zürich gewannen sie 1964.

Foto: Nadia Bendinelli
Foto: Nadia Bendinelli
Das Buch

Neben Zeugnissen aus den unterschiedlichen Interessenfeldern des Paars sind in «Mit vier Augen» mehrere lesenswerte Essays zu finden. Tochter Lea teilt ihre Erinnerungen an das Leben, den Freundeskreis und das Schaffen ihrer Eltern. Eine persönliche Note, die mit der Erscheinung des Buches hervorragend harmoniert. Katharina Lang vertieft in sieben thematischen Etappen die Arbeit des Fotografenpaars und schafft ein Verständnis für den Kontext, indem sie jede Menge Hintergrundinformationen liefert. Einführung und Abschluss verfasste Guido Magnaguagno – seine Beiträge unterstreichen die Relevanz der Wolgensingers für die Schweizer Fotografie. 

Das «endlich!» der Herausgeber ist gut zu verstehen: Man findet bisher zwar einiges von dem Fotografenpaar, aber tatsächlich nicht viel über Luzzi und Michael. Schön, wurde das mit dieser Publikation gründlich geändert.

Mit vier Augen. Das Fotoatelier Luzzi und Michael Wolgensinger

Mit vier Augen. Das Fotoatelier Luzzi und Michael Wolgensinger
Lea Wolgensinger und Balz Strasser (Hrsg.)

240 x 320 Millimeter
228 Pàgines
220 Illustrations
Gebunden
ISBN 9783858814791
Scheidegger & Spiess
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