Den historischen Bestand neu erfinden

MET Architects
7. Juli 2022
Südostfassade (Foto: Ruedi Walti)
Herr Thalhofer, worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe? 


Bei diesem Projekt ging es um die Sanierung eines denkmalgeschützten Baus aus dem Jahr 1941. Es stellten sich also etliche Fragen, die es für uns im Laufe des Entwurfsprozesses zu beantworten galt: Wie bewerten wir den Zustand des Gebäudes – technisch, funktional und atmosphärisch? Welche Erinnerungswerte beinhaltet es, was sind seine räumlichen Angebote für die Zukunft? Wie können Anforderungen der Auftraggeber und der zukünftigen Nutzer*innen im bestehenden Gebäude erfüllt werden, sodass die dem ursprünglichen Entwurf innewohnende Qualität mindestens erhalten bleibt und besser noch gesteigert werden kann? Wie gelingt es uns bei einer Gesamtsanierung, die bis in den Rohbau führt, all das Neue zu etablieren, ohne dass das Alte zerstört wird, aber auch ohne dass das Zeitgemässe vernachlässigt wird, an das man sich später gerne erinnern möchte?

Treppenhaus im Hauptgebäude (Foto: Ruedi Walti)
Korridor im Erdgeschoss (Foto: Ruedi Walti)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Zu Beginn der Projektarbeit hat sich das Wirtschaftsgymnasium sehr zweckmässig präsentiert. Lange, nahezu unbelichtete Korridore und ein einfältiges Weiss in Weiss vermittelten eine Tristesse, die wir für ein Gymnasium nicht angemessen fanden. Untersuchungen am Bestand zeigten, dass dieser einst in Beigetönen gehalten war, die für eine atmosphärische Aufwertung der Innenräume jedoch ebenfalls zu wenig Potenzial besass. Einzige Ausnahme waren die grafisch gestalteten Böden aus Klinker in den Treppenhallen und Korridoren, die erhalten und repariert beziehungsweise teils neu interpretiert wurden. 

Bei den Überlegungen zur Gestaltung der Innenräume haben wir uns gefragt, welche Erinnerung wir mit welchen Materialien, Farbkombinationen und Formen evozieren können und wie nahe wir damit an eine Art erfundene Vorstellung von historischem Bestand kommen. Dieser Prozess war aufwendig, bot aber viele entwerferische Möglichkeiten.

Unterrichtszimmer (Foto: Ruedi Walti)
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Als Eintrittsstufe in die akademische Bildung unterliegt ein Gymnasium ähnlich wie eine Universität einem gewissen Standortwettbewerb, der einerseits natürlich inhaltlich geprägt ist, andererseits sehr viel mit technischen, aber vor allem auch räumlichen Angeboten zu tun hat. Das Wirtschaftsgymnasium ist eine campusartige Schulanlage, in deren Gebäuden sehr unterschiedliche Angebote zur höheren Bildung gemacht werden. Es war unsere Aufgabe, dem inhaltlichen Angebot einen ansprechenden räumlichen Rahmen und eine inspirierende Atmosphäre zu geben.

Praktikumszimmer für den Chemieunterricht (Foto: Ruedi Walti)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Historisch waren die Räume der Schulleitung im 1. Obergeschoss des Haupttrakts untergebracht. Im Sinne einer besseren Orientierung und Auffindbarkeit wurden Rektor, Konrektoren und die Schuladministration ins Erdgeschoss «versetzt». Nach einer ersten Schockstarre war die Schulleitung mit der Neupositionierung einverstanden. Sie wurde damit wohl zum eigentlichen Pionier für alle programmatisch bedingten räumlichen Veränderungen, die im Ergebnis nicht nur eine räumliche Neuordnung der Funktionen, sondern auch einen Neuanfang für das Lehren bedeuteten.

Aula (Foto: Ruedi Walti)
Eingangstür zur Mensa (Foto: Ruedi Walti)
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


Bei einem Umbauprojekt gibt es, insbesondere wenn das Gebäude aus einer Zeit des Mangels stammt, fortlaufend Anpassungen an neue Erkenntnisse, die der Bestandsbau bis dahin im Verborgenen gehalten hat. Egal, ob es sich dabei um konstruktive Schwächen, unbekannte Materialien oder überraschende Raumzusammenhänge handelt, immer geht es letztlich darum, den eigenen Entwurf respektive das gewählte Vorgehen für äussere Einflüsse offenzuhalten. Dann gelingt es, neue, auch unvorhergesehene Erkenntnisse aus dem historischen Bestand zu integrieren beziehungsweise zu etwas Neuem weiterzuverarbeiten.

Mensa (Foto: Ruedi Walti)
Kiosk in der Mensa (Foto: Ruedi Walti)
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten Ihres Büros ein?


Das Wirtschaftsgymnasium ist das fünfte von insgesamt sieben denkmalgeschützten Schulhäusern, die wir im Kanton Basel-Stadt nach Wettbewerbsgewinnen sanieren durften beziehungsweise aktuell noch sanieren. Im Grunde geht es im Bestand immer wieder von Neuem darum, den historischen Entwurf zu entschlüsseln, die innere Logik des Hauses zu verstehen und sich das nötige architektonische Vokabular anzueignen, welches unabdingbar ist, um die unterschiedlichen Fragen der jeweiligen Gebäude sinnstiftend zu beantworten. Ähnlich dem Erlernen von Sprachen können die Techniken mit steigender Anzahl flüssiger angewandt werden, aber um ein wirkliches Gefühl für die Zwischentöne zu bekommen, also für Dinge, die gemeint, aber nicht gesagt wurden, braucht es immer wieder die Suche nach dem jeweils Besonderen des Projektes.

Turnhalle (Foto: Ruedi Walti)
Situation
Grundriss Erdgeschoss
Längsschnitt
Querschnitt
Bauwerk
Wirtschaftsgymnasium Basel
 
Standort
Andreas-Heusler-Strasse 41, 4052 Basel
 
Nutzung
Wirtschaftsgymnasium
 
Auftragsart
Umbau und Gesamtsanierung
 
Bauherrschaft
Bau- und Verkehrsdepartement des Kantons Basel-Stadt, Städtebau und Architektur, Hochbau, Basel
 
Architektur
MET Architects GmbH SIA, Basel
Inga Federe, Andrea Perletti, Karolina Zgardzinski und Ines Weege
 
Fachplaner
Bauingenieur: wh-p Ingenieure AG, Basel
Landschaftsarchitektur: META Landschaftsarchitektur GmbH, Basel
Elektro: Eplan AG, Reinach
HLK: hermann&partner, Basel
Sanitär: Schmutz+Partner AG, Basel
Bauphysik: Gruner AG, Basel
 
Bauleitung 
Rapp Architekten AG, Münchenstein
 
Jahr der Fertigstellung
2021
 
Gesamtkosten BKP 1–9 
33,8 Mio.
 
Gebäudekosten BKP 2 
28,0 Mio.
 
Gebäudevolumen 
54165 m3
 
Kubikmeterpreis 
624 CHF / m3
 
Energiestandard
Minergie Umbau, keine Zertifizierung
 
Massgeblich beteiligte Unternehmer 
Marti AG, Basel
Hinze Fensterbau GmbH, Tecknau
ph plus GmbH, Basel
Ernst Frey AG, Kaiseraugst
Kästli & Co. AG, Belp-Bern
Elektro: swisspro NW AG, Allschwil
alltech Installationen AG, Muttenz
Högg Liftsysteme, Lichtensteig 
AS Aufzüge AG, Schönbühl
Gysin Asiko AG, Böckten
Senn Konstruktionswerkstätten AG, Therwil
Tschudin AG, Münchenstein
Stiftung Weizenkorn, Basel
Cristofoli AG, Basel
Bernadi+Huber AG, Basel
Abt Bodenbeläge AG, Basel
Meier Maler AG, Basel
Marcel Fischer AG, Allschwil
Moritz Maler AG, Augst
Heer AG, Reinach
 
Fotos
Ruedi Walti, Basel

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