Den Wolf gezähmt und für die nächsten Jahre scharf gemacht

Niedermann Sigg Schwendener Architekten
9. Dezember 2021
Foto: Beat Bühler Fotografie

Niedermann Sigg Schwendener Architekten haben das Alterszentrum Wolfswinkel instand gesetzt – eine reizvolle, doch schwierige Aufgabe. Philipp Sigg berichtet von der Auseinandersetzung seines Teams mit dem Bestand.

Herr Sigg, worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Die Herausforderung bestand darin, die vorhandenen architektonischen und räumlichen Qualitäten der bestehenden Bausubstanz herauszuschälen, mit gezielten Eingriffen zu schärfen und mit viel Fingerspitzengefühl in die heutige Zeit zu überführen. Es war eine echte Herkulesaufgabe, das Erzeugen einer hohen Aufenthaltsqualität und Gebrauchstauglichkeit, die energetische Verbesserung der Gebäudehülle zur Erfüllung der Anforderungen des energiepolitischen Modells der 2000-Watt-Gesellschaft, die Erneuerung der haustechnischen Anlagen sowie die Behebung der brandschutztechnischen Mängel innerhalb des sehr engen Korsetts der bestehenden Gebäudestruktur unter einen Hut zu bringen.

Foto: Beat Bühler Fotografie
Welche Inspiration liegt diesem Projekt zugrunde?


Alterszentren bestehen mitunter aus Kleinwohnungen, die auf das Wesentliche reduziert sind. Der Umgang mit diesen «Minimal Units» beziehungsweise das sorgfältige Prüfen von architektonischen Eingriffen, welche die Grundrisse verändern, war ein spannender Teil der Bauaufgabe. Durch eine konsequente Verdichtung nach innen konnte für die zahlreichen Studios die zwingend notwendige Komfortsteigerung erreicht werden. In allen Wohnungen wurde jeweils eine behindertengerechte Nasszelle mit Dusche eingebaut, ohne dabei die Zimmergrundfläche zu beschneiden.

Foto: Beat Bühler Fotografie
Foto: Beat Bühler Fotografie
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Das Alterszentrum Wolfswinkel bildet durch seine Höhenentwicklung einen zentralen Teil des Quartierplans Isengrind aus den 1960er-Jahren. In unmittelbarer Nähe befinden sich die Unités von Georges P. Dubois (1911–1983). Insofern war die Auseinandersetzung mit den städtebaulichen Eigenschaften des Ortes wie auch das Verständnis für die eigenwillige Formgebung des Bestandes eine wichtige Grundlage. Charakteristische Gestaltungselemente wie Bauteilfügungen, Elementhaftigkeit oder Farbigkeiten zeichnen den Geist der Anlage nach und überführen diese in die heutige Zeit.

Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Die Stadt Zürich hat die Planungsaufgabe durch ein Planerwahlverfahren vergeben. Dabei wurde zu Beginn lediglich ein Teilbereich der architektonischen Fragestellung als Zugang zur Aufgabe bearbeitet. Die eigentliche architektonische Auseinandersetzung mit der bestehenden Gebäudestruktur unter Beachtung der betrieblichen und ökonomischen Anforderungen vollzog sich dann als iterativer Prozess unter Beteiligung des Betreibers (Alterszentren), der Eigentümerin (Immo Stadt Zürich) und der Bauherrenvertretung (Amt für Hochbauten). Die Lösung wurde in enger Zusammenarbeit entwickelt.

Foto: Beat Bühler Fotografie
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


Aufgrund des Planerwahlverfahrens sowie der Planungsnähe der Bauherrschaft sind einschneidende Projektänderungen ausgeblieben. Vielmehr hat ein kontinuierlicher Austausch zwischen dem Auftraggeber und uns Architekten einen Prozess ermöglicht, in dessen Verlauf die architektonischen beziehungsweise konstruktiven Möglichkeiten innerhalb des Bestandes ausgelotet wurden. Die bereits im Planerwahlverfahren entwickelte Detail-Visualisierung zum Bewohnerzimmerfenster konnte somit beinahe unverändert umgesetzt werden.

Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Unser Büro bearbeitet ein breites Spektrum verschiedener Bauaufgaben. Wir entwickeln konstruktive Lösungen mit Schwerpunkten in den Bereichen Alter und Pflege, Schule und Sport sowie Wohnen. Das Alterszentrum Wolfswinkel ist neben dem Pflegezentrum Bombach bereits unser zweites umfangreiches Instandsetzungsprojekt mit thematisch ähnlicher Ausgangslage für die Stadt Zürich.

Foto: Beat Bühler Fotografie
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Bei der Neugestaltung der Fassaden haben wir bestehende architektonische Elemente aufgenommen, um bei der baukulturell bedeutsamen Architektur des Bestandes anzuknüpfen. Das neue Fassadenkleid aus farbig glasierten Keramikplatten und rötlichem Fugenmaterial ist Ersatz für die eingefärbten Fassadenbetonplatten, die rückgebaut werden mussten. Die Haut aus reflektierender Keramik beschreibt zusammen mit den klar gefassten und in den Proportionen angepassten Fenstern der Bewohnerzimmer aus farblos eloxiertem Aluminium die wohl augenscheinlichste Veränderung des Alterszentrums.

Situation
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss 2. Obergeschoss
Südfassade 
Bauwerk
Alterszentrum Wolfswinkel
 
Standort
Wolfswinkel 9, 8046 Zürich-Affoltern
 
Nutzung
Altersheim
 
Auftragsart
Planerwahlverfahren Stadt Zürich, 2013
 
Bauherrschaft
Stadt Zürich
 
Architektur
Niedermann Sigg Schwendener Architekten AG, Zürich
Philipp Sigg (GL), Simone Retter (PL), Karla Pilz, Melanie Trabert und Daniel Weller
 
Fachplaner 
Landschaftsarchitektur: Haag Landschaftsarchitektur GmbH, Zürich
Bauingenieur: Ingenieurbüro Heierli AG, Zürich
HLKS-Ingenieure: 3-Plan Haustechnik AG, Winterthur
Elektroplaner: Amstein + Walthert AG, Zürich
Gastroplaner: planbar AG, Zürich 
Bauphysik: Raumanzug GmbH, Zürich 
Beleuchtungsplaner: Reflexion, Zürich 
QS Brandschutz: VSS Brandschutz AG, Hettlingen 
MSRL-Planer: Boxler Engineering AG, Jona 
 
Bauleitung 
GMS Partner AG, Zürich-Flughafen
 
Jahr der Fertigstellung
2020 
 
Gesamtkosten BKP 1–9 
CHF 46,5 Mio.
 
Gebäudekosten BKP 2 
CHF 36,2 Mio.
 
Gebäudevolumen 
29660m3 (gemäss SIA 416)
 
Energiestandard
Minergie-ECO-Standard für Neubauten inklusive der Zusatzanforderung für die Beleuchtung
 
Kunst am Bau
Instandstellung Brunnenanlage von Charlotte German-Jahn, Gerda Steiner und Jürg Lenzlinger: «Drei Dioramen»
 
Fotos
Beat Bühler Fotografie, Zürich

Vorgestelltes Projekt

Kunik de Morsier

Audemars Piguet Watch Manufacture

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