Die Geschichte einer Aufstockung

Ernst Niklaus Fausch Partner
21. November 2019
Frontalansicht mit ablesbaren Bauetappen (Foto: Johannes Marburg)

Ernst Niklaus Fausch Partner haben in Kemptthal nahe Winterthur einer ehemaligen Industrieanlage neues Leben eingehaucht. Bertram Ernst erklärt, wie es gelang, Charakter, Atmosphäre und Charme des alten Baus zu erhalten und zugleich neue Arbeitswelten darin unterzubringen.

Name des Bauwerks «Brick» (Givaudan Business Center): Umbau einer ehemaligen Suppenabfüllerei und Kistennaglerei
Ort Kemptpark, 8310 Lindau/Kemptthal
Nutzung Bürogebäude mit 200 Arbeitsplätzen, Meeting-Infrastruktur und Sozialräumen
Auftragsart Städtebauliches Konkurrenzverfahren für das gesamte Areal 2014, 1. Rang; Machbarkeitsstudie in Konkurrenz für das Bürogebäude 2016, Zuschlag
Bauherrschaft Mettler2Invest AG, Kemptthal (Generalplaner) | Givaudan SA, Kemptthal
Architektur Ernst Niklaus Fausch Partner AG, Zürich: Bertram Ernst (verantwortlicher Partner), Bryan Graf (Projektleiter Ausführung), Tobias Sager (Projektleiter Projektierung), Reimund Houska
Innenarchitektur Verena Frey, Aarau
Landschaftsarchitektur Nipkow AG, Zürich
Fachplaner Leed-Planung: Amstein+Walthert AG, Zürich | Bauingenieur: WLW Bauingenieure AG, Zürich | Elektro-Planung: PBP AG, Zürich | HLKS-Planung: Oekoplan AG, Gossau, SG | Bauphysik: Zehnder&Kählin AG, Winterthur, ZH | Brandschutz: B-Planing AG, Pfungen, ZH | Lichtplanung: Lightsphere, Zürich | Innenbegrünung: Schrämmli GmbH, Brugg, AG | AV-Technik: Tingo, Muri AG | 
Bauleitung PPM Baumanagement AG, St.Gallen
Jahr der Fertigstellung 2019
Gebäudevolumen 24’065 m3
Energiestandard Leed-Gold
Massgeblich beteiligte Unternehmer Baumeisterarbeiten: Anliker AG, Zürich | Konstruktiver Holz- und Innenausbau: Blumer Lehmann, Gossau | Fassadensanierung: Keller Ziegeleien, Pfungen | Betonelemente: Paluselli AG, Diepoldsau, SG | Rekonstruktion Fenster: Antikhaus historische Fenster AG, Rümlang, ZH | Elektroinstallationen: Jaisli Xamax, Zürich | Lüftungsinstallationen: Engie Services AG, Winterthur | Metallbau: Krapf AG, Engelburg, SG | Metallbau: Metallraum, Bütschwil, SG | Innere (Brandschutz-)Verglasungen: BlessArt AG, Rüti, ZH | Schreinerarbeiten: Mobilwerk, Bernegg | Schreinerarbeiten: V.Burger AG, St.Gallen | Gipserarbeiten: Dämmtech AG, Staffelbach, AG | Innenausstattung: Theo Jakob, Zürich und Vitra, Weil am Rhein (D) | Fugenlose Bodenbeläge: Senn+Widmer, Romanshorn, TG | Kugel- und Tischleuchten: Zumtobel AG, Lustenau (AT)
Fotos Johannes Marburg, Genf
Frühere Nutzung der Räume; die Aufnahme entstand vermutlich in den 1940er-Jahren (Fotograf unbekannt)
Ansicht von der zentralen Werkgasse (Foto: Johannes Marburg)
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Unser Ziel auf planerischer Ebene war es, einem ganzen ehemaligen Industrieareal neues Leben einzuhauchen und es zu öffnen. Dies war eine enorme Herausforderung. Die Integration neuer Arbeitswelten in die einst für die industrielle Fertigung gestalteten Räume mit all den neuen technischen Gegebenheiten (Integration Haustechnik, Kommunikationstechnologie, Akustik und dergleichen mehr) war die architektonische Aufgabe. Zusammenfassend ging es also städtebaulich wie architektonisch darum, eine sich ergänzende Beziehung von Alt und Neu zu etablieren und eine Transformation des Areals sowie eine Öffnung der Nutzung zu schaffen.

Blick in die Werkgasse; gut zu erkennen ist der tektonische Aufbau der Fassade. (Foto: Johannes Marburg)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Inspiriert hat uns die Raumstruktur des Bestandes mit den gestapelten doppelgeschossigen Hallen, welche den ursprünglichen Produktionsprozess widerspiegeln. Diese Doppelgeschossigkeit haben wir – mit dem Bild klassischer Vorbilder zum Beispiel aus Schönbrunn im Hinterkopf – bei der Aufstockung mit den beiden lateralen Orangerien aufgegriffen. Aus der Auseinandersetzung mit der bestehenden sorgfältigen Gestaltung von Debrunner+Blankart aus den Jahren 1931 und 1940 haben wir neben der innenräumlichen und statischen Struktur auch das Masssystem für die Fassaden entwickelt. Dabei wurden neben dem prägenden Material – einem hellen Klinker aus Pfungen – auch die Proportionen und die Statik des bestehenden Baus aufgenommen. 

Die textilen Kugelleuchten, die wir zusammen mit der Innenarchitektin Verena Frey entwickelten, sind akustisch wirksam und als Reminiszenz an den historischen Zustand wichtig, um den hallenähnlichen Raumeindruck zu erhalten und zu stärken.

Im Hallenraum mit etwa 60 Arbeitsplätzen (Foto: Johannes Marburg)
Foto: Johannes Marburg
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?

Der Ort hat in zweierlei Hinsicht auf den Entwurf eingewirkt. Kulturell dahingehend, dass es uns wichtig war, die Raumstimmung der industriellen Arbeit auch in der neuen Arbeitswelt spürbar zu halten. Der zweite wichtige Punkt war die Prägnanz des Materials: Klinker aussen, Beton innen. Diese Baustoffe wollten wir in ihrer Kraft erhalten und stärken.

Um diesen beiden Punkten gerecht zu werden, wurden in einem eigens entwickelten Innenausbaulement an der Brüstung alle technischen Installationen – von der Lüftung und Kühlung bis hin zur Kommunikation – konzentriert geführt. So konnten alle Räume technisch auf neustem Bürostandard erschlossen werden und haben trotzdem ihre Stimmung und Atmosphäre behalten. Die industrielle Vergangenheit und die neue Arbeitswelt sind in Einklang miteinander.

Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?

Bauen ist ja immer Bauen für eine bestimmte Bauherrschaft. Somit ist klar, dass ein Bauwerk stets auch mit ein Resultat der Ansprüchen der Auftraggeber*innen ist. Beim «Brick» waren es allerdings nur sehr allgemeine Vorgaben zur Anzahl Arbeitsplätze, kombiniert mit dem Anspruch, ein attraktives Arbeitsumfeld bieten zu können, welches dem Corporate-Gedanken von Givaudan entspricht. Die Idee der Orangerien als Orte des informellen Austausches war nicht vorgegeben, sondern wurde von uns auf Basis der räumlichen Analyse und der Betrachtung der Arbeitsabläufe bei Givaudan vorgeschlagen. Als klar war, dass die gestellten Anforderungen allesamt erfüllt werden konnten, waren wir relativ frei in der architektonischen Ausformulierung und erfuhren dabei viel Unterstützung, auch von der kantonalen Denkmalpflege, die das Projekt begleitete. Bei der Auswahl der Pflanzen in den Orangerien war dann natürlich das Aroma-Fachwissen von Givaudan zentral und bestimmend.

Orangerie als informeller Ort des Austausches (Foto: Johannes Marburg)
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?

Neben der eigentlich immer üblichen Budgetrunde, welche bei diesem Projekt erst relativ spät kam, gab es konzeptionell keine grösseren Anpassungen. Hingegen wurden das Bürolayout und die interne Nutzungsverteilung bis zum Schluss diskutiert und geändert, was aber dank der flexiblen Grundstruktur des Gebäudes kein Problem darstellte.

Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?

Bei vielen unserer Projekte – seien sie städtebaulich oder architektonisch, Neubauten oder Umbauten – bildet die Auseinandersetzung mit bestehenden Strukturen auf unterschiedlichen Massstabsebenen vielfach den Ausgangspunkt unserer Arbeit. Bei diesem Projekt war jene sowohl städtebaulich wie auch architektonisch sehr direkt, da es sich um ein kantonales Schutzobjekt in einem schützenswerten Ortsbild ISOS A handelte. Dabei ging es uns nie um ein didaktisches Absetzen des Neuen vom Bestehenden, sondern um ein dialektisches Miteinander von bestehenden und neuen architektonischen und planerischen Setzungen.

Foto: Johannes Marburg
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Für uns spannend war es, ein Gebäude in Leed-Gold, dem zweithöchsten internationalen Nachhaltigkeitsstandard, zu entwickeln. Im Unterschied zu reinen Bau-Ökologie-Standards hat Leed neben Vorgaben zur Dämmung, zum Energieverbrauch bei Erstellung und Betrieb sowie der Materialisierung auch Einfluss auf die Gestaltung der Arbeitsumgebung oder die räumliche Qualität der Erschliessung. Deswegen erschliesst zum Beispiel eine einzige neue Treppe als abwechselnd kaskadierende attraktive Raumskulptur alle Geschosse. Schattierungen von Grau prägen die Räume. Ergänzt werden diese Farbtöne durch die Holzflächen in Eiche, die farbigen Teppichbeläge der Galerien, die Treppenkörper in gebürstetem Aluminium und die fein abgestimmte Farbigkeit des Büroausbaus.

Treppenhaus als Kommunikationsraum (Foto: Johannes Marburg)
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Beim ehemaligen Maggi-Areal ist es offensichtlich, welches Material prägend ist: ein heller Klinker aus Pfungen. Die bestehenden Fassaden haben wir mit diesem Klinker saniert und grosse Löcher, welche über die Jahre in die Fassaden geschlagen wurden, damit wieder geflickt. Die Fassade der Aufstockung baut auf den Grundmassen, Proportionen und der Materialisierung des Bestandes auf. Dies durch die Weiterführung der modulierten Pfeiler, die Zweigeschossigkeit der Fensteröffnungen sowie durch den um 45 Grad abgedreht vertikal versetzten Klinker. So wird die Geschichte des Baus weitergestrickt.

Schwarzplan
Erdgeschoss
Grundriss 1. Obergeschoss, Regelgeschoss
Grundriss 3. Obergeschoss
Querschnitt
Längsschnitt
Treppenaxonometrie
Fassadenschnitt

Vorgestelltes Projekt

DIA – Dittel Architekten

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