Die Stimme des Hauses

horisberger wagen und stehrenberger architektur
4. März 2021
Das Landenberghaus bildet den seeseitigen Abschluss zum historischen Städtli. An der Giebelfassade ist die Überformung des mittelalterlichen Mauerwerks ablesbar. (Foto: Beat Bühler)

Katharina Stehrenberger beantwortet unsere Fragen zum Landenberghaus in Greifensee. Den Kulturbau im denkmalgeschützten Kern hat sie mit dem Büro horisberger wagen gebaut.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Das mittelalterliche Städtchen von Greifensee mit Schloss, Kirche und Seeanstoss ist ein aussergewöhnlicher Ort. Mit einem partiellen Neubau an diesen historischen Kontext anknüpfen zu können, ist eine sehr schöne Aufgabe, zumal es sich um eine öffentliche Nutzung handelt. Das Kernstück bildet der grosse Festsaal unter dem Dach. Die Kombination der inszenierten Bruchsteinmauern mit dem modernen Holzbau lässt eine besondere Atmosphäre entstehen.

Blick zum Schloss und Landenberghaus: Zusammen mit dem ehemaligen Pfarrhaus wird das Gebäude zum Kulturzentrum im Herzen von Greifensee. (Foto: Beat Bühler)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Für die Hauptnutzung des Saals haben wir uns von verschiedenen Bildern, aber auch von zeitgemässen Bühnenkonzepten leiten lassen. Primär der gehobenen Kammermusik und dem Theater dienend, lässt sich der Saal mit seiner umlaufenden Galerie und der versenkbaren Bühne flexibel für alle Arten von Veranstaltungen nutzen. Die vormalige Guckkastenbühne wurde – im Sinne des Theaterregisseurs Peter Brook – durch das offene Konzept des «leeren Raums» ersetzt.

Die versenkbare Bühne lässt auch kleinere Darbietungen zu. Bei Bedarf kann auch in der Raummitte oder auf der Galerie inszeniert werden. (Foto: Beat Bühler)
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Bereits im Wettbewerb war klar: Das Fragment der mittelalterlichen Städtlimauer, das Grundrisse, Schnitte und Volumetrie des Baus definiert, ist das entwurfsbestimmende Element. Dies nicht nur in ästhetischer oder denkmalpflegerischer Hinsicht, sondern auch bezüglich der Raumakustik. Die historischen Bruchsteinmauern aus grob gebrochenen Sand- und fein geschliffenen Flusssteinen streuen den Klang facettenreich. Entsprechend nannten wir das Wettbewerbsprojekt «Die Stimme des Hauses».

Hinter den bis zu acht Meter hohen Pfosten zeigt sich die überformte Bruchsteinmauer des ehemaligen Palas. Zusammen mit den parabelförmigen Deckenträgern und dem Galeriegeländer tragen die Natursteinwände massgeblich zur Raumakustik bei. (Foto: Beat Bühler)
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


Seit dem Wettbewerbsentwurf haben sich zwei Dinge verändert: Zum einen hat die Städtlifassade einen steinigen Ausdruck bekommen – das Holz zeigt sich jetzt erst im Inneren. Die zweite Änderung betraf das Tragprinzip des Daches: Im Wettbewerb hatten wir die durchlaufenden Balkenträger beidseitig mit der Bruchsteinmauer verbunden und die Galerie daran aufgehängt. Auf Wunsch von Bauherrschaft und Denkmalpflege einigten wir uns auf eine selbsttragende Dachkonstruktion, die zusammen mit dem betonierten Galeriering nun ihrerseits die unbelastete Bruchsteinmauer sichern muss …

Der Lastabtrag des Daches wird an dieser Stelle sichtbar – die sich zur Wand hin verjüngenden Brettschichtträger enden vor der Bruchsteinwand. Die mit Holzzapfen verbundenen Träger geben ihre Last auf die kräftigen Pfosten ab. (Foto: Beat Bühler)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


Materielle und konstruktive Klarheit ist uns wichtig. Nicht nur bezüglich der denkmalpflegerischen Themen der Innen- und Aussenfassade wurde ein zeitgenössischer Umgang gefunden, auch im Innenausbau kam moderne Technik zum Einsatz. Tragkonstruktion, Decken- und Wandverkleidun­gen stellten hinsichtlich Einpassung in die eigenwilligen Geometrien der Bruchsteinmauern sowie den Forderungen der Raumakustik hohe Ansprüche an Vermessungs- und Fertigungsmethoden. Dank dem Einsatz von CNC-Technik konnten Kanneluren gefräst und Löcher geschnitten werden, um den Holzelementen so ihren spezifischen Ausdruck zu verleihen.

Hinter den kannelierten und partiell gelochten Paneelen aus geölter Esche verbergen sich auch Lüftungs- und Heizelemente. (Foto: Beat Bühler)
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Charakteristisch ist das Zusammenspiel der Materialien Stein, Metall und Holz. Um das Saalvolumen zu vergrössern, wurde die historische Bruchsteinmauer mit zeitgemäss geschnittenen und behauenen Sandsteinquadern überformt. Damit wird die Volumenvergrösserung des Saals innen wie aussen ablesbar. Ein weiteres prägnantes Element sind die Alugüsse der Fassadenelemente, welche das Tageslicht in den Saal filtern – sie wurden nach Vorgaben von Beat Zoderer in der Kunstgiesserei St. Gallen hergestellt. Die mannshohen Brettschichtträger aus Weisstanne, eingekerbten Pfosten und ein umlaufendes Galeriegeländer prägen mit den ornamentierten Paneelen wiederum den Saalraum und werden so Teil des «Klangkörpers».

Der räumliche «Klangkörper» kann mit semitransparenten Akustikvorhängen auch variiert werden. Der umlaufende Vorhang bietet zudem einen geschützten Künstlerzugang zur Bühne. (Foto: Beat Bühler)
Situation
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss 1. Obergeschoss
Grundriss 2. Obergeschoss
Querschnitt
Längsschnitt
Bauwerk
Landenberghaus Greifensee
 
Standort
Im Städtli 20/22, 8606 Greifensee
 
Nutzung
Kulturgebäude
 
Auftragsart
Projektwettbewerb im offenen Verfahren mit 87 Teilnehmenden, 2013, 1. Rang 
 
Bauherrschaft
Politische Gemeinde Greifensee
 
Architektur
horisberger wagen und stehrenberger architektur, beide Zürich
Mitarbeit: Mario Wagen, Katharina Stehrenberger, Detlef Horisberger, Christian Huber und Aline Sidler
 
Fachplaner 
Landschaft: Andreas Geser Landschaftsarchitekten, Zürich
Tragwerk: dsp Ingenieure + Planer, Uster
Bauphysik: Bakus, Zürich
HLKS: Waldhauser + Hermann, Münchenstein
Elektroingenieur: elprom, Dübendorf
 
Spezialisten 
Akustik: Kahle Acoustics, Brüssel, Belgien
Klangarchitektur: Andres Bosshard, Zürich
Licht: mosersidler AG für Lichtplanung, Zürich
Bühne: Hans-Jörg Huber, Planungsbüro Theater- und Lichttechnik, Horgen 
Gastro: GaPlan GmbH, Würenlingen
Farbkonzept: Fontana & Fontana AG, Rapperswil-Jona
Signaletik: Kaspar Thalmann, Uster 
 
Bauleitung 
Schlatter Bauleitungen, Wernetshausen
 
Jahr der Fertigstellung
2019
 
Gesamtkosten BKP 1–9 
CHF 11,72 Mio.
 
Gebäudevolumen
Landenberghaus 1256 m3, Pfarrhaus 356m3
 
Energiestandard
Gemäss kantonalen Wärmedämmvorschriften
 
Kunst am Bau
Beat Zoderer, Wettingen: Fassadenelemente aus Aluguss
 
Massgeblich beteiligte Unternehmer 
Verputz- und Natursteinarbeiten: Meier-Ehrensperger AG mit Arnet & Co. AG, beide Zürich
Zimmerarbeiten: Jampen Holzbau, Hittnau
Fensterbau: Huber Fenster AG, Herisau
Schreinerarbeiten: Danuser Schreinerei, Herisau
Malerarbeiten: Christian Schmidt Malermeister AG, Zürich
Textilien: Annette Douglas Textiles AG, Wettingen
 
Fotos
Beat Bühler Fotografie, Zürich

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