Eingepasst im Ortskern

Kast Kaeppeli Architekten
22. April 2021
Foto: Roman Weyeneth

Adrian Kast und Thomas Kaeppeli erklären, wie sie in Sissach inmitten einer sensiblen, bauhistorisch wertvollen Nachbarschaft einen neuen Kindergarten realisiert haben.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Der neue Kindergarten liegt beim Schulhaus «Dorf» im Ortskern von Sissach. Direkt angrenzend an die Parzelle stehen denkmalgeschützte Wohnbauten, an die mit dem Kindergartenneubau angebaut wurde, um einerseits die Aussenraumfläche möglichst gross zu belassen und andererseits den Strassenraum nach den Vorgaben der Denkmalpflege weiterzuführen. Dies ergab einen kompakten, zweigeschossigen Baukörper mit dreiseitiger Orientierung zu den angrenzenden Aussenräumen. Zwei Stockwerke sind bei einem Kindergarten eher ungewöhnlich, weshalb gartenseitig eine offene Laube realisiert wurde, die die obere Kindergartengruppe direkt mit dem Aussenbereich verbindet.

Ansicht vom Pausenplatz (Foto: Roman Weyeneth)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Da sich der Neubau im historischen Ortskern von Sissach befindet, wurde gestalterisch bewusst eine Nähe zu den vielen Holzbauten in der Umgebung gesucht. Die Dachform steht in Bezug zu den direkt angrenzenden Wohnbauten, der zweigeschossige, gedeckte Aussenraum mit offener Erschliessung auf der Gartenseite interpretiert die häufig vorhandene Laubenerschliessungen der historischen Bauten rundherum neu. Die Fassade übernimmt das Prinzip der Stülpschalung mit aufgesetzten Deckleisten, welches häufig vorkommt in Sissach. Der Weg durch das Haus wird von der Durchquerung des gedeckten Aussenbereichs über die offene Vertikalerschliessung und auch durch alle Innenbereiche mit Sichtbezügen und Richtungswechseln maximal inszeniert. Josef Franks (1885–1967) Verständnis des Hauses als Weg und Platz war dabei eine Referenz und scheint uns für die Umsetzung eines Kindergartens eine inspirierende Vorstellung.

Treppenanlage im gedeckten Aussenraum (Foto: Roman Weyeneth)
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Durch den einseitigen Anbau an ein Bestandsgebäude wurde im Grundriss maximale Durchlässigkeit angestrebt. Die Haupträumen sind dreiseitig belichtet, und es gibt einen Rundlauf um den zentralen Kern mit Ausblicken längs und quer durch das Gebäude. Die Fassade zum Pausenplatz bildet ein Gegenüber zum alten Schulhaus. An dieser Stelle befindet sich auch der Zugang zum Gebäude, welches über den gedeckten Aussenbereich erschlossen ist. 

Da es sich um einen reinen Holzbau handelt – in Anlehnung an den Holzschuppen, der ursprünglich an dieser Stelle stand –, wurde das Material Holz in unterschiedlicher Ausführung und Behandlung sowohl im Innern als auch an der Fassade verwendet. Die haptischen Qualitäten des Materials sollten für die Kinder der zwei Klassen in unterschiedlicher Ausführung erfahrbar gemacht werden und zu einem warmen Charakter der Aufenthaltsräume führen.

Unterrichtsraum im Obergeschoss (Foto: Roman Weyeneth)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Bauherrschaft und Nutzer*innen haben sich vor allem bei innenräumlichen Themen eingebracht, bei denen es um Oberflächenbeschaffenheiten, nutzungsspezifische Fragen wie Schrankgrössen und dergleichen mehr ging. Auch die Aussenraumgestaltung der Grün- und Spielbereiche wurde in enger Zusammenarbeit mit der Nutzerschaft erarbeitet.

Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Aufgaben in denkmalpflegerisch sensiblem Kontext sind für uns sehr reizvoll. Wir sehen sie als Chance für den Entwurf. Den Umgang mit Bestandsgebäuden oder den Wert eines gewachsenen Ortes mit einem spezifischen Charakter versuchen wir in unserer Arbeit gewinnbringend einzubeziehen. Wir nutzen die vorgefundenen Qualitäten, denken diese weiter und suchen den spezifischen Zugang zur Aufgabe und zum Ort. Dies haben wir bereits bei mehreren Umbauten von Wohnhäusern und Neubauten für Schulhäuser und Kindergärten umsetzen können. 

Garderobe mit Blick Richtung Unterrichtsraum (Foto: Roman Weyeneth)
Gedeckter Aussenraum im Obergeschoss (Foto: Roman Weyeneth)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


Das Gebäude wurde als kompletter Holzbau im Minergie-Standard realisiert. In der Fassadenstruktur sind jeweils neben den Fenstern Lüftungsflügel für die Nachtauskühlung integriert.

Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Holz als natürlicher und traditioneller Baustoff leitet sich sowohl aus der Lektüre des Ortes als auch aus der Bauaufgabe ab. Ausserdem konnte damit der Wunsch der Bauherrschaft, das Projekt als Resultat eines Gesamtleistungswettbewerbs zu entwickeln, in guter Zusammenarbeit mit dem Holzbauer als Totalunternehmer erfüllt werden.

Situation
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss Obergeschoss
Längsschnitt
Querschnitt
Bauwerk
Doppelkindergarten an der Schulstrasse in Sissach
 
Standort
Schulstrasse 3a, 4450 Sissach
 
Nutzung
Doppelkindergarten
 
Auftragsart
Gesamtleistungswettbewerb mit Präqualifikation
 
Bauherrschaft
Einwohnergemeinde Sissach
 
Architektur
Kast Kaeppeli Architekten, Basel und Bern
Adrian Kast, Thomas Kaeppeli, Philipp Lutz, Kaspar Fischer und Sabine Pöschk
 
Totalunternehmer
Beer Holzhaus AG, Ostermundigen
 
Fachplaner
Pirmin Jung Ingenieure AG, Thun
Metron Landschaftsarchitekten, Bern
 
Bauleitung 
Beer Holzhaus AG, Ostermundigen
 
Jahr der Fertigstellung
2020
 
Fotos
Roman Weyeneth, Basel

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