Fenster zum Hof

jessenvollenweider
8. Oktober 2020
Foto © jessenvollenweider

Die Verdichtung unserer Städte ist eine wichtige Zukunftsaufgabe. Wie lässt sich zusätzlicher Wohnraum innerhalb von Blockrandbebauungen aus dem vorigen Jahrhundert schaffen? Ingemar Vollenweider zeigt einen überzeugenden Neubau der Genossenschaft Wohnstadt in einem ruhigen Hinterhof des Basler Wettsteinquartiers.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


In der vorgefundenen Situation: Das Grundstück in einem ruhigen Hinterhof im zentral gelegenen Wettsteinquartier ist allseitig umschlossen von einer Blockrandbebauung aus dem letzten Jahrhundert. Das Verhältnis von Rand und Füllung – auch hinsichtlich einer angemessenen Höhenentwicklung – sowie das Dilemma der neuen Nachbarschaft und Nähe, gekoppelt mit einer stückweiten Umkehrung von öffentlichem und privatem Raum sind die Themen dieses Ortes und unseres Entwurfes.

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Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Die Gebäudefigur entwickelt aus der Auseinandersetzung mit der introvertierten Hoflage eine eigenständige Identität. Mit durchgehend vier Geschossen schreibt sie dem Blockrand einen inneren Horizont ein, der konsequent unter dessen Traufkanten bleibt. Ihre Gebäudearme strecken sich so in das dreiecksförmige Grundstück, dass Situationen des direkten Gegenübers zu den parzellierten Häusern des Blockrands vermieden werden. Stattdessen entwickeln sich aus der abknickenden Gebäudelinie hofartig eingezogene Aussenräume, auf die sich die neuen Wohnungen orientieren und die dabei als räumlicher Filter zwischen Rand- und Hofbebauung erlebbar werden.

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Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Mit dem Wettbewerbsentscheid hat sich die Bauherrschaft auf den ersten Blick für ein für Wohnbaugenossenschaften eher ungewöhnliches Projekt entschieden, das seine Logik nicht aus feststehenden Standards, sondern aus den Bedingungen des Ortes ableitet. Die Entwicklung des Bauprojekts wurde in der Folge von der Bauherrschaft eng begleitet. Das Ziel war, einen kostengünstigen Wohnungsbau zu realisieren, der hohen Ansprüchen an eine nachhaltige und gebrauchsfähige Architektur genügt. Die Zusammenarbeit war sehr direkt, die Entscheidungswege kurz und transparent. Das gemeinsame Ziel war immer eine ganzheitliche Betrachtung und die Entwicklung integraler Lösungen, was sich – durchaus in einem baumeisterlichen Sinne – in einer effizienten Bauweise und einer sichtbaren, gegenständlichen Detaillierung widerspiegelt.

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Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Seit der Gründung unseres Büros setzen wir uns mit anspruchsvollen städtebaulichen Situationen für komplexe Neubauten sowie mit dem Umbau und der Erweiterung von bestehenden Bauten und Ensembles auseinander. Die Hofbebauung am Riehenring fügt sich in eine Reihe von eigenständigen Wohnungsbauten ein, die wir insbesondere auch im Wettsteinquartier bereits realisiert haben. Unterschiedliche Orte führten dabei zu unterschiedlichen Wohnszenarien. Dabei stellen wir immer wieder fest, dass Figur und Geometrie, im Sinne einer ökonomischen Interpretation vorhandener Situationen, zu zentralen Mitteln des Entwurfs werden – wie zum Beispiel auch bei den spezifischen Anbausituationen für die Erweiterung der CMS-Siedlung am Wettsteinplatz oder beim prägnanten Cluster von Wohngebäuden am Schaffhauserrheinweg.

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Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Aus der atmosphärischen Identität des Hinterhofes leitet sich für die Fassaden ein Materialkonzept ab, das komplementär zu den monolithisch gemauerten und verputzten Häusern des Blockrands den Qualitäten des leichteren Baustoffs Holz nachspürt. Dabei ist das Haus in Hybridbaubauweise erstellt. Die Decken und Treppenhauskerne sowie kurze Tragscheiben in der Fassadenebene sind in Stahlbeton ausgeführt. Dies erlaubt im Hof einen speditiven Betonrohbau. Alle Innenwände sind gemauert und kombinieren eine handwerkliche Konstruktion mit nachhaltigem Wohnkomfort. Die Fassade als Holzkonstruktion erinnert nicht nur an die typische Materialität von Hofeinbauten, sondern nutzt für die innerstädtische Hoflage die Vorteile der Vorfabrikation. Die komplementäre Farbgebung in Grün- und Rottönen mit weissen Akzenten prägt die neue Hofatmosphäre. Die grüne Oleith-Farbe von Beeck ist eine Weiterentwicklung der schwedischen «Slamfärg» und entfaltet auf der sägerohen Holzschalung eine ganz eigene, sanft leuchtende Wirkung. Als Symbiose von Silikat- und Ölfarbe ist sie härter als die traditionelle Schlammfarbe, sie versintert gewissermassen und schafft dadurch längere Renovationsintervalle.

Schwarzplan
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss 1. Obergeschoss
Querschnitt
Name des Bauwerks
Genossenschaftswohnen am Riehenring
 
Standort
Riehenring 3, 4058 Basel
 
Nutzung
Genossenschaftswohnen
 
Auftragsart
Studienauftrag
 
Bauherrschaft
Wohnstadt Bau- und Verwaltungsgenossenschaft, Basel
 
Architektur                      
jessenvollenweider architektur ag, Basel
Anna Jessen, Ingemar Vollenweider, Sven Kowalewsky
Wettbewerb: Lukas Back, Clemens Hauptmann, Philip Heckhausen, Christina Leibundgut, Anna M. Leischner, Michael Meier
Planung 2013–2015: Benedikt Kister (Projektleitung bis 41 Ausschreibung), Veronika Neurohr, Florian Reichling
Realisation 2018–2020: Jan Geldermann (Projektleitung), Stephanie Kowalewsky
 
Planungsteam
Gesamtleitung: jessenvollenweider architektur ag
Bauleitung: Omlin Architekten GmbH, Bern
Tragwerk: ZPF Ingenieure AG, Basel
Holzbauplanung und Brandschutz: Makiol Wiederkehr AG, Beinwil am See
Landschaftsarchitektur: August + Margrith Künzel Landschaftsarchitekten, Binningen
Farbtechnische Beratung: Luzia Borer, Öl + Kalk GmbH, Basel
 
Fachplaner
Energie: Waldhauser + Hermann AG, Münchenstein
Sanitär: BLM Haustechnik AG, Zürich
Elektro: BSK Baumann + Schaufelberger Kaiseraugst AG, Basel
Bauphysik: Moritz Zimmermann 
Akustik: Bau- und Raumakustik, Lärmschutz, Martin Lienhard, Langenbruck
Geologe: Geotechnisches Institut, Basel
 
Jahr der Fertigstellung
2020
 
Gesamtkosten BKP 1–9
CHF 15,5 Mio.
 
Gebäudekosten BKP 2
CHF 13,9 Mio.
 
Gebäudevolumen
17'284 m3 
 
Kubikmeterpreis
804 CHF/m3
 
Energiestandard
Planungsziel 2000-Watt-Gesellschaft
 
Massgeblich beteiligte Unternehmer
Baumeister: Knecht Bauunternehmung AG, Münchenstein
Zimmermann: GGS AG, Gelterkinden
Holzelementbau: Hürzeler Holzbau AG, Magden
Holzfenster: Hasler Fenster AG, Therwil
Spengler: Scherrer Metec AG, Zürich
Metallbauarbeiten: Metallbau Bühler AG, Zwingen
Schreinerarbeiten: Jäggi AG, Arlesheim, Hürzeler Holzbau AG, Magden
Baumschutz: vita arborea Wald- und Baumpflege GmbH, Nusshof
Umgebung Gartenbau: Salathé Rentzel Gartenkultur AG, Oberwil
 
Fotos                                  
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Vorgestelltes Projekt

KEPENEK

GESTALTUNG ‘SKY LOUNGE’, SCHINDLER BESUCHERZENTRUM, EBIKON

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