Froschkönig

Office Oblique
14. April 2022
Die «Lernloggien» der neuen Schule orientieren sich zum Pausenplatz. (Foto: Archphot)

Das junge Büro Office Oblique hat in Naters eine Primarschule realisiert. Konrad Scheffer und Sarah Haubner erklären, wie sie trotz knappen Budgets einen wandelbaren und heutigen pädagogischen Ansprüchen gerechten Bau geschaffen haben.

 

Frau Haubner, Herr Scheffer, worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe? 

Sarah Haubner: Aktuelle pädagogische Konzepte sehen die Öffnung des Klassenzimmers vor, um Raum für das selbstständige Lernen zu schaffen. Aufgrund des knappen Budgets wurde dieser zusätzliche Flächenbedarf im Raumprogramm nicht berücksichtigt. Zudem wurden konkrete Vorgaben für eine zukünftige Erweiterung gemacht. Der Grundriss musste also sowohl in der Lage sein, dem pädagogischen Anspruch Rechnung zu tragen, als auch weiterwachsen zu können. Wir entschieden uns daher für einen modularen Ansatz. Dabei gruppieren sich zwei Klassenzimmer um einen Garderobenraum, der als erweiterter Lernraum dient. Pro Obergeschoss bilden zwei dieser Raummodule eine offene Lernlandschaft. In einer zweiten Etappe kann dem Grundriss dieser Logik folgend ein weiteres Raummodul angehängt werden. 

 

Das Schulhaus bildet den Abschluss des Campus gegen Westen hin. (Foto: Archphot)
Welche Inspiration liegt diesem Projekt zugrunde?


Konrad Scheffer: Im Wettbewerb suchten wir nach weiteren Möglichkeiten, eine vielfältige Lernumgebung zu schaffen. Dabei sind wir auf die Freiluftschule in Amsterdam von Jan Duiker (1890–1935) gestossen, bei welcher der Unterricht auf grosszügige Balkone verlegt werden konnte. Mit unseren «Lernloggien» in Naters bieten wir zusätzliche Klassenzimmer im Freien an, ohne das Budget zu belasten. Die Loggien sind zum Campus und zur Sportwiese orientiert und verstärken die Kommunikation zwischen innen und aussen.

 

Die Eingangshalle (Foto: Archphot)
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


SH: Der Schulcampus von Naters ist eine neuzeitliche Entwicklung, begonnen in den 1970er-Jahren und im Laufe der Zeit um diverse frei platzierte Bauten ergänzt. Die typologische und volumetrische Heterogenität verleiht dem Ort einen gelassenen Charakter. Der Neubau für die Primarschule führt durch Setzung und Volumetrie die vorgefundene Logik der Aussenräume fort. Das Gebäude besetzt den westlichen Teil der Parzelle und bildet dort einen Schlussstein mit klar gefasstem Pausenplatz. Hinsichtlich des Massstabs weist es eine Nähe zu den umliegenden Wohnbauten auf und erscheint als «Lernvilla». Wir begreifen den Campus als eine eigene Welt, losgelöst von der historischen Architektur des Dorfkerns. Der Ausdruck des Schulhauses mit Fensterbändern und einer leichten Vorhangfassade folgt diesem Verständnis.

 

Der Garderobenraum im Erdgeschoss (Foto: Archphot)
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


KS: Im Wettbewerb war das Gebäude als Holz-Hybridbau konzipiert. Aufgrund des Budgets erwies sich dieser Vorschlag als nicht durchsetzbar, weshalb wir schon in einer frühen Projektphase die Strategie entsprechend geändert und das Gebäude als veredelten Rohbau weiterentwickelt haben. Die in Sichtbeton gehaltenen Wände und Decken prägen nun den Charakter der Innenräume. Die einzelnen Strukturelemente sind ablesbar und werden durch leichte Einbauten ergänzt. Im Erdgeschoss und im 1. Obergeschoss sind grossformatige Akustikpaneele bündig in die Decken eingelassen, im 2. Obergeschoss sind diese von der Decke abgehängt, um Raum für die offen verlegten Installationen zu lassen.

 

Der Garderobenraum im 2. Obergeschoss (Foto: Archphot)
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Projekte des Büros ein?


SH: Im Rahmen unserer Arbeit am Wettbewerbsbeitrag für Europan 14, aus welchem wir als Sieger hervorgingen, haben wir uns bereits mit industriellen Strukturen auseinandergesetzt. Damals war dies naheliegend, da es sich um ein Industrieareal handelte, auf dem auch weiterhin produktive Tätigkeiten stattfinden sollten. Wir schlugen dazu modularisierte Rohbaustrukturen vor, die Möglichkeiten zum Ausbau und zur Aneignung boten. Dieses Prinzip konnten wir auf das Projekt in Naters übertragen, obwohl sich sowohl Kontext als auch Aufgabenstellung grundlegend unterschieden. Das Primarschulhaus stellt sich als robuste Struktur dar, innerhalb derer Räume durch die Bespielung definiert und umgedeutet werden können. 

 

Situation
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss 1. beziehungsweise 2. Obergeschoss
Schnitt
Bauwerk 
Primarschulhaus Bammatta 
 
Standort
Weingartenstrasse 9a, 3904 Naters
 
Nutzung
Primarschulhaus
 
Auftragsart
Offener Wettbewerb, 1. Preis
 
Bauherrschaft
Gemeinde Naters
 
Architektur
Office Oblique GmbH, Zürich
Konrad Scheffer und Sarah Haubner
 
Jahr der Fertigstellung
2021
 
Gesamtkosten BKP 1–9 
CHF 5,3 Mio.
 
Gebäudekosten BKP 2
CHF 4,6 Mio.
 
Energiestandard 
Minergie
 
Fotos
Archphot

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