Für Bewohnende und Quartier

Nimbus Architekten
18. November 2021
Das Volumen mit dem fassadenbündigen und erhöhten Attikageschoss besetzt und stärkt den Strassenraum an der Kreuzung von Herdern- und Bullingerstrasse. (Foto: Georg Aerni)

Michael Bühler und Lukas Schaffhuser beantworten unsere Fragen zur Wohnsiedlung Herdern in Zürich. Die Anlage mit gemeinnützigen Wohnungen, fünf Gewerberäumen und Kindergarten ist ihr Erstlingswerk.

Herr Bühler und Herr Schaffhuser, worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Michael Bühler: Das Entwerfen einer städtischen Wohnsiedlung mit kostengünstigen Wohnungen für eine breite Bewohnerschaft inmitten der Stadt Zürich hat uns sehr motiviert. Es war eine Herausforderung, eine adäquate Antwort auf den heterogenen Kontext an städtebaulich prominenter Stelle zu finden und gut funktionierende Wohnungstypologien in einer Blockrandbebauung unter Einhaltung der engen Kostenvorgaben zu entwickeln.

Der Kopfbau mit der Vorzone und den Hauszugängen (Foto: Georg Aerni)
Der längere Schenkel der Siedlung begleitet den Strassenraum der Herdernstrasse. (Foto: Georg Aerni)
Welche Inspiration liegt diesem Projekt zugrunde?


Lukas Schaffhuser: Die Entwurfsidee sowohl für den Städtebau als auch für den architektonischen Ausdruck haben wir aus dem Ansatz, die Stadt weiterzubauen, heraus entwickelt. Das Gebäude sollte die vorhandene Blockrandstruktur auf selbstverständliche Art und Weise weiterführen und sich unaufgeregt in die städtische Struktur einfügen.

Blick aus dem angrenzenden Familiengartenareal in den Hofraum der Wohnsiedlung mit Brandwand und dem Kunst-und-Bau-Projekt «Wand Ding» von El Frauenfelder. (Foto: Georg Aerni)
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Michael Bühler: Am Bauplatz treffen zwei sehr unterschiedliche Stadträume aufeinander: der Strassenraum der Herdern- und Bullingerstrasse mit dem Schlachthof und dem Stadion Letzigrund als Nachbarn und der grüne, lebendige Hofraum des Familiengartenareals. Die Wohnungen der Siedlung sind zu beiden Räumen orientiert. Von den kleinen Balkonen vor den Küchen blickt man in den Strassenraum, wodurch eine Verbindung zwischen der Stadt und den Innenräumen entsteht. Die etwas grösseren Balkone zum Hof erweitern den Wohnraum auch in diese Richtung und eröffnen ausserdem schöne Blicke bis zu den Glarner Alpen.

Eingangshalle und Treppenhaus: Die mineralische Materialisierung der Fassade wird im Gebäudeinneren fortgesetzt und verbindet innen und aussen. (Foto: Georg Aerni)
Die geöffneten Faltschiebefenster der strassenseitigen Küchen erweitern den Innenraum über die kleinen Balkone in den Aussenraum. (Foto: Georg Aerni)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Lukas Schaffhuser: Mit dem Raumprogramm aus dem Wettbewerb hat die Bauherrschaft den Entwurf massgeblich mitgeprägt: Die Forderung nach knapp geschnittenen Wohnungen, die trotz hoher Personenbelegung ein grosses Mass an Privatheit bieten und dabei auch noch gut möblierbar sein sollten, war Treiber hinter unserer Suche nach der richtigen Wohnungstypologie.

Blick aus dem Eingangsbereich einer Wohnung Richtung Küche mit dem Schlachthof im Hintergrund. (Foto: Georg Aerni)
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


Michael Bühler: Die im Wettbewerb vorgeschlagene Fassade aus vorgehängten Betonelementen musste zum Projektbeginn aufgrund ökologischer und ökonomischer Bedenken seitens der Bauherrschaft überprüft werden. Die nun ausgeführte Konstruktion aus vorgehängten Betonelementen und vertikalen, verputzten Feldern verstärkt die Gliederung und Tektonik der Fassade deutlich. Das Gebäude tritt je nach Wetter, Licht und Tageszeit anders in Erscheinung. Es entsteht dabei ein hoher Wiedererkennungswert, welcher identitätsstiftend für das Quartier und die Bewohner*innen ist.

Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Lukas Schaffhuser: Der erste Platz im offenen Wettbewerb ermöglichte uns 2014, unser eigenes Büro zu gründen. Es handelt sich bei der Wohnsiedlung Herdern also um unser erstes realisiertes Projekt. Darum wird sie in unserer Bürogeschichte immer einen speziellen Platz einnehmen.

Blick aus dem Eingangsbereich einer Wohnung Richtung Wohnzimmer. Im Hintergrund sind das Familiengartenareal und die Hardautürme zu erkennen. (Foto: Georg Aerni)
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Michael Bühler: Wir sind sehr glücklich, dass die bereits im Wettbewerb vorgeschlagenen Faltschiebefenster der Küchen umgesetzt werden konnten. Die Fensterfronten der strassenseitigen Küchen lassen sich komplett aufschieben. Der Innenraum erweitert sich über die Balkone vor den Küchen in den Strassenraum. Gerade im Sommer entsteht dabei ein Raum, der sowohl Aussen- als auch Innenraum ist und von der untergehenden Abendsonne stimmungsvoll in Szene gesetzt wird.

Schwarzplan
Grundriss Erdgeschoss mit Situation
Grundriss Regelgeschoss
Grundriss Dachgeschoss
Detailgrundriss einer 3,5-Zimmer-Wohnung in einem Regelgeschoss
Detailgrundriss einer 4,5-Zimmer-Wohnung in einem Regelgeschoss
Name des Bauwerks
Wohnsiedlung Herdern
 
Standort
Herdernstrasse 60–66, Bullingerstrasse 100–102, 8004 Zürich
 
Nutzung
Mehrfamilienhaus mit Wohnungen, Gewerbeflächen und Kindergarten
 
Auftragsart
Architekturwettbewerb im offenen Verfahren nach SIA 142, 1. Rang, 1. Preis
 
Bauherrschaft
Stadt Zürich (Eigentümervertretung: Liegenschaften Stadt Zürich, Bauherrenvertretung: Amt für Hochbauten)
 
Architektur
Nimbus Architekten GmbH, Zürich
Projektleitung: Michael Bühler
Stv. Projektleitung: Lukas Schaffhuser
 
Fachplaner
Bauingenieur: SNZ Ingenieure und Planer AG, Zürich
Elektroingenieur: WSMAG, Walter Salm, Meier & Partner AG, Zürich
HLS-Ingenieur: Wirkungsgrad Ingenieure AG, Rapperswil-Jona
Bauphysiker: EK Energiekonzepte AG, Zürich
Landschaftsarchitekt: koepflipartner Landschaftsarchitekten, Luzern
 
Bauleitung
Coneco AG, Zürich, ZH
 
Jahr der Fertigstellung
2021
 
Gesamtkosten (BKP 1–9)
CHF 22,3 Mio.
 
Gebäudevolumen 
28205 m3 (gemäss SIA 416)
 
Energiestandard
Minergie-P-Eco (zertifiziert)
 
Kunst und Bau 
El Frauenfelder, «Wand Ding», 2020
 
Fotos
Georg Aerni, Zürich

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