Nordische Überformung

JOM Architekten
28. Mai 2020
Strassenseitige Fassade mit Gartensitzplatz: Der Eingang wird durch zwei übereinander liegende Rundfenster akzentuiert. (Foto: Seraina Wirz)

JOM Architekten haben eine Aufstockung und Totalsanierung realisiert, bei der sich die Massnahmen von aussen als kraftvolle Neuerscheinung zeigen – inspiriert von skandinavischen Vorbildern. Michael Metzger beantwortet unsere Fragen zum Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Zu Beginn stand der Wunsch nach dem Einbau einer Küche in der ehemaligen Einzelgarage zum Eingang hin. Bei der Besichtigung realisierten wir, dass der unverstellte Ausblick auf den Zürichsee – von der Stadt bis nach Rapperswil – einzig vom Estrich aus sichtbar ist. So entstand die Idee der Dachaufstockung. Hinzu kam die energetische Sanierung der Fassade. Es war uns recht schnell klar, dass wir den neuen Fassadenaufbau mit der Dämmschicht zur kompositorischen Gestaltung eines neuen Ausdrucks nutzen wollten, bei dem die Aufstockung mit dem bestehenden Volumen zu einem neuen Ganzen verschmilzt. 

Das Haus vor dem Umbau (Foto: Matthias Lebo)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Durch den Bezug zum See lag für uns auf der Hand, Elemente der Nautik in den neuen architektonischen Ausdruck des Hauses einfliessen zu lassen. Diese Thematik setzt sich im Innenraum der Aufstockung fort. 
Wichtig war uns zudem, den neuen Aufbau nicht als für sich stehendes Bauteil zu entwerfen, sondern mit den hinzugefügten Elementen nach heutigen Konstruktionsweisen einen direkten Bezug zum Bestand herzustellen. Beispielsweise existierte beim Haus ein Eckfenster, das wir in der gegenüberliegenden Ecke im Obergeschoss reproduziert haben, um einen diagonalen Blick durch das Haus hindurch zu ermöglichen. 

Offenes Entrée mit neuen Holzelementen (Foto: Seraina Wirz)
Neuer Treppenaufgang in den Attikaaufbau verschmilzt mit bestehendem Möbel. (Foto: Seraina Wirz)
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Wir befinden uns in einem Einfamilienhausquartier an privilegierter Hanglage. Obschon die Grundstücke grösser sind als andernorts, ist das Bedürfnis nach Privatsphäre besonders ausgeprägt. Das hatte vor allem auf das Öffnungsverhalten des Hauses einen grossen Einfluss. Kleinere, präzise Öffnungen, welche einerseits den Blick auf den Zürichsee freigeben, andererseits aber die Intimität der Bewohner nicht stören, waren gefragt. Uns war wichtig, die vier Seiten des Hauses gleichwertig zu behandeln. So haben wir ein Fassadenthema geschaffen, dass ein Gleichgewicht zwischen Öffnung und Wand herstellt. Die Spannung der einzelnen Ansichten ergibt sich durch Variation der unterschiedlichen Geschossigkeit am Hang.
Durch den noch intakten, ursprünglichen Gartenbestand war es ein Leichtes, sich nur auf eine Neugestaltung der Einfahrt zu konzentrieren.

Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Schon während des Architekturstudiums und darüber hinaus habe ich mich mit der skandinavischen Moderne auseinandergesetzt. Über die nordische Herkunft der Eigentümer ergab sich so glücklicherweise schnell eine gemeinsame Basis im Empfinden von Architektur. Licht ist in der nordischen Architektur ein zentrales Thema, sowie ein Gespür für den dezenten Einsatz von natürlichen Materialien wie Holz – ein Glücksfall für uns!
Zum Prozess möchte ich Folgendes anfügen: Ein Projekt, bei dem die Auftraggeber zugleich die späteren Bewohner sind, kann nur über einen intensiven Dialog zum Erfolg führen. Man muss als Architekt die Bedürfnisse und Wünsche der Bauherren sehr ernst nehmen und daraus kreatives Potenzial schöpfen. Wir sehen uns da mehr als eine Art «Ideenumsetzer», die aus verschiedenen, teilweise divergierenden Ideen ein konsistentes Ganzes entwickeln.

Schmale Küchenzeile in der ehemaligen Garage des Hauses (Foto: Seraina Wirz)
Zimmer im Attika-Aufbau mit unverstelltem Seeblick (Foto: Seraina Wirz)
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Obschon dieses Haus nun mit Elementen der klassischen Moderne einen eher zeitgenössischen Ausdruck aufweist, gliedert sich das Objekt meiner Meinung nach gut in eine Reihe mehrerer Umbauten, die wir bereits realisiert haben, ein. Dabei streben wir jeweils einen fein austarierten Dialog zwischen Alt und Neu an. Dieses Leitmotiv des Verwischens zwischen Altem und Neuem hat uns auch bei diesem Projekt stark beschäftigt und scheint sich zu einem roten Faden in unserem Umgang mit Transformationsprojekten zu entwickeln.

Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


Die gestalterischen Herausforderungen bestanden vor allem darin, mit der Transformation eines neuen Aufbaus auf den alten Bestand einen adäquaten Ausdruck zu finden. Es war uns, wie schon erwähnt, alsbald klar, dass die bestehende Aussenwand eine zusätzliche isolierende Schicht erhalten muss. Diese Tatsache hat uns Freiheiten für die Komposition von neuen Öffnungen eingeräumt. Gleichzeitig mussten wir einen Ausdruck, der vormals allein auf eher kleinen Öffnungen beruhte, mit dem Versprechen einer 270-Grad-Seesicht verbinden.Aus energietechnischen Überlegungen haben wir uns gegen neue grosse Fensterfronten entschieden, sondern mit präzise gesetzten Lochfenstern und Wandflächen gearbeitet – wir haben sozusagen «Mut zur Wand» bewiesen.
In konstruktiver Hinsicht möchte ich die aussenbündig angebrachten Langfenster des Wohnraums hervorheben. Durch die Aufdickung der bestehenden Wand mit Isolationsmaterial wird die Laibung sehr tief. Bleibt die Fensterebene an der ursprünglichen Stelle in der Wand, würde man durch die Isolation der Laibungen sehr viel an Licht verlieren. In den nordischen Ländern, wo Tageslicht ein besonders wertvolles Gut ist, wird dem durch das aussenbündige Setzen der Fenster entgegengewirkt; dieser Kniff wird wie selbstverständlich angewendet. Zudem kann man sich durch die tiefe Laibung ins Fenster setzen – eine weitere Qualität im Wohnraum.

Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Da sind mehrere Produkte beziehungsweise handwerkliche Arbeiten hervorzuheben. Im Aussenbereich stechen die an die Dampfschifffahrt erinnernden, öffenbaren Rundfenster aus Metall sowie die horizontal gegliederten und nach innen abgekröpften Rundprofil-Absturzsicherungen der Terrassen ins Auge. Im Innern sind es die diversen Elemente der Schreinerarbeiten – angefangen bei der Eingangstür, über die lamellierte Holzstütze in der Eingangshalle, diverse Futterverkleidungen der Fenster und abschliessend der neuen Treppe mit gedrechseltem Holzhandlauf ins oberste Geschoss –, welche dem Haus ein dezentes nordisches Flair verleihen.

Die Axonometrien zeigen den Zustand vor und nach dem Umbau.
Grundrisse
Name des Bauwerks
Haus «Im Wydler»
 
Nutzung
Einfamilienhaus
 
Auftragsart
Direktauftrag
 
Bauherrschaft
privat
 
Architektur
JOM Architekten, Zürich
Julian Brües, Filomena Carboni, Lukas Dinten, Philippe Jorisch, Michael Metzger, Stefan Oeschger, Simon Schlegel
 
Fachplaner
Bauingenieur: Ruggli & Partner Bauingenieure AG, Zürich
Holzbau Planung: Holzabbund Wädenswil, Wädenswil
Haustechnik Beratung: Jungenergie AG, Zürich
Bauphysik: Raumanzug GmbH, Zürich
Landschaftsarchitektur: égü Landschaftsarchitekten GmbH, Zürich
 
Jahr der Fertigstellung
2019 
 
Gebäudevolumen
1218 m3 (gemäss SIA 416)
 
Fotos
Seraina Wirz

Philippe Jorisch, Stefan Oeschger und Michael Metzger im Interview über die Digitalisierung der Bauwirtschaft und ihr Ziel einer attraktiven, fossilfreien und dauerhaften Architektur

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