Schule im Schopf

Felgendreher Olfs Köchling
11. März 2021
Foto: Georg Aerni

Die Primarschule Feld in Azmoos ist erfrischend unkonventionell gestaltet. Johannes Olfs spricht über das gelungene Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Die Herausforderung im heutigen Schulbau liegt darin, grosse zusammenhängende Lernlandschaften zu schaffen und diese trotz der geforderten Kompaktheit gut natürlich zu belichten. In Azmoos ist die Antwort darauf ein grossflächiger, zweigeschossiger Baukörper. Die Schüler steigen nur eine Treppe hinauf und sind schon bei ihren Klassenräumen. Die vertikale Verbindung bringt Licht ins Erdgeschoss und bildet das Zentrum des Gebäudes. Die nicht-hierarchische Raumstruktur des Obergeschosses mit der Halle, allen Klassen, Gruppenräumen, Aula, Bibliothek und Lehrerzimmer schafft ein starkes Miteinander und «funktioniert wie ein Dorf mit Platz und Strassen, die zu den einzelnen Schulstuben führen», wie es im Jurybericht heisst. 

Foto: Georg Aerni
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Der Ort ist für uns grundsätzlich der räumliche Ratgeber. Der baukulturelle Kontext entscheidet über die Materialisierung. Das Programm organisiert die Gebäudestruktur und bestimmt oft auch die Form und den Ausdruck. Aus diesen drei Faktoren entsteht für uns der Entwurf. Manchmal sind die Kriterien miteinander übereinstimmend und manchmal widersprüchlich. Im zweiten Fall entsteht dann eine Art Collage wie auch beim Schulhaus in Azmoos. Es ist quasi eine Schule in einer Shedhalle. Die Dachform organisiert nicht nur die Belichtung, sondern bringt einen kleineren Massstab in das Projekt – nicht nur aussen, sondern auch im Inneren. Die hölzernen «Schulstuben» (Jurybericht, 2015) sind mit ihrem kleinen Massstab auf die Kinder zugeschnitten.

Foto: Georg Aerni
Foto: Georg Aerni
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Das Schulhaus erzählt mit seiner Gestalt von der Geschichte des Ortes als ehemals landwirtschaftlich genutzter Raum zwischen zwei Ortskernen. Es tritt als niedriger, liegender Baukörper in Erscheinung. Mit seinem gefalteten Dach passt sich das einfache Holzhaus gut in die umgebende Bebauung ein. 

Das neue Schulhaus gliedert das Grundstück in zwei Freiräume mit unterschiedlichen Qualitäten: im Süden der grosszügige Rasenplatz mit dem Charakter einer Festwiese und dem Bezug zur Kirche, im Norden, beim Schuleingang, der kleinteilige, romantische Obstgarten am Weg. Mit der kompakten Setzung stärkt das Volumen die Identität der verschiedenartigen Freiräume. Der Kindergartenanbau formt einen intimen Vorplatz mit Brunnen als Adresse an der Strasse. Die innere Eingangshalle verbindet den Vorplatz mit den überdachten Pausenräumen zum Sportplatz hin. Letztlich hat der Neubau die bestehenden Qualitäten des Ortes sichtbar gemacht und betont. 

Foto: Georg Aerni
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Zu einem guten Projekt gehört immer eine gute Bauherrschaft. In diesem Fall war sie von Anfang an von unserem Entwurf überzeugt und fühlte sich in ihrem Bedarf und mit dem Ausdruck des Gebäudes verstanden. Aber nicht nur die Bauherrschaft, sondern auch die Bauleitung vor Ort, das Büro Gauer Architektur, die Fachplaner und die Unternehmer haben bei Kostendruck und Problemen während des Bauprozesses alles daran gesetzt, das Bestmögliche herauszuholen. Das ist nicht selbstverständlich.

Foto: Georg Aerni
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


Natürlich, alle! Die Herausforderung liegt sicher darin, sich davon nicht zu stark ablenken zu lassen.

Insbesondere begegnet uns aktuell immer wieder der Wunsch, schon in der Wettbewerbsauslobung mit nachwachsendem Rohstoff und am besten mit lokalen Materialien zu bauen. Beides konnten wir hier mit Holzständerwänden und -decken aus lokaler Weisstanne realisieren. Fassade, Innenverkleidung, Fenster, Türen und Möbel sind auch aus diesem Material gefertigt. 

Foto: Georg Aerni
Situation
Grundriss Obergeschoss
Schnitt
Bauwerk
Primarschule Feld
 
Standort
Gelalunga 2, 9478 Azmoos
 
Nutzung
Schulhaus
 
Auftragsart
Offener Realisierungswettbewerb, 2015
 
Bauherrschaft
Politische Gemeinde Wartau
 
Architektur
Felgendreher Olfs Köchling Architekten, Berlin und Azmoos
Projektleiterin: Nicole Zehnder
Projektarchitekten: Insa Thiel, Henrike Reinhold, Stefan Bohe, Moritz Scheible
 
Fachplaner
Bauingenieur und Brandschutzplanung: Merz Kley Partner AG, Altenrhein
HLKS-Planung: Technoplan Sargans AG, Sargans
Elektroplanung: Marquart Elektroplanung + Beratung AG, Buchs
Bauphysik: Lenum AG, 9490 Vaduz, Liechtenstein
 
Bauleitung 
Gauer Architektur GmbH, Azmoos SG
 
Jahr der Fertigstellung
2020
 
Gesamtkosten BKP 1–9
CHF 17,4 Mio.
 
Gebäudekosten BKP 2 
CHF 14,8 Mio.
 
Gebäudevolumen
23 400 m3
 
Kubikmeterpreis
632 CHF pro m3
 
Energiestandard
Minergie-A 
 
Kunst am Bau 
Hubert Bischoff, Wolfhalden: «Drei Wilde aus Wartau», hölzerne Skulpturen in der Eingangshalle 
 
Massgeblich beteiligte Unternehmer 
Baumeister: Marty Bauleistungen AG, Azmoos
Holzkonstruktion: Blumer-Lehmann AG, Gossau
Dacheindeckung: Scherer Metec AG, Zürich
Oberlichter: HP Gasser AG, Lungern
Fenster: Huber Fenster AG, Herisau
Aussentüren, Innere Verglasungen: Schreinerei Bärtsch, Trübbach 
Innenausbau und Schreinerarbeiten: Alpiger Holzbau, Sennwald
 
Fotos
Georg Aerni, Zürich

Andere Artikel in dieser Kategorie