Terrestrische Architektur

jomini & zimmermann
29. Oktober 2020
Foto: Dominique Plüss

Als Beitrag zur Klimadebatte haben Valérie Jomini und Stanislas Zimmermann bei ihrem neusten Bau, einem Doppelhaus in Bellerive auf dem Mont Vully, auf die natürlichen und emissionsarmen Materialien Lehm und Holz gesetzt. Sie fordern ein radikales Umdenken der Architektinnen und Planer und eine Abkehr von den ressourcenintensiven Materialien der Bauindustrie. Stanislas Zimmermann erläutert das Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Sowohl die Bauherrin als auch wir wollten mit möglichst natürlichen und ressourcenschonenden Materialien bauen, um Räume mit guter Atmosphäre und gutem Klima zu schaffen und die Umwelt möglichst wenig zu belasten. Nach umfangreichen Recherchen wurden alle Innenwände mit ungebrannten Lehmsteinen gemauert, die Stützen und Decken aus massivem Fichtenholz gezimmert und die Böden in Lehmkasein realisiert. In den beiden Häusern wurden nur Lehmputze mit Erdfarben und Naturfasern ohne Farbpigmente verwendet. 

Ansicht der Ostfassade (Foto: Dominique Plüss)
Blick in den Innenhof (Foto: Dominique Plüss)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Zum mit Lehm ausgefachten Holzbau und dem Einbau eines Sitzofens mit Sandsteinabdeckung haben uns alte Schweizer Riegelbauten und die traditionelle japanischen Architektur inspiriert.

Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Aus der Topografie des Ortes wurde die Anordnung der Gebäudevolumen und die innere Organisation der beiden Häuser entwickelt. Die Innentreppe, die Raumabfolge und die Terrassen des westlichen Gebäudes folgen der Neigung des Hanges. Die Fassade aus Einsteinmauerwerk mit erdfarbigem Kalkputz entspricht den Fassaden der traditionellen Waadtländer Häuser im Dorfkern von Bellerive.

Innenraum im Tiefparterre von Haus West; gut zu erkennen ist im Vordergrund der Sitzofen mit Sandsteinabdeckung. (Foto: Dominique Plüss)
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Bei unseren bisherigen Bauten haben wir rohe, dauerhafte und kostengünstige Materialien und Konstruktionen verwendet, um eine möglichst gute räumliche Atmosphäre zu schaffen. Bei diesem Projekt haben wir – viel stärker als bis anhin – auf den Beitrag der Materialien zum Raumklima und auf die Reduktion der grauen Energie und der Treibhausgasemissionen geachtet.

Der Wohnbereich von Haus West wird vom Ofen und der Treppe, die vom Eingang herab führt, geprägt. (Foto: Dominique Plüss)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


Die seit bald zwanzig Jahren andauernde Klimadebatte hat sich in den letzten beiden Jahren soweit verdichtet, dass nun sowohl Bauherr*innen und Baufirmen als auch Architekt*innen bereit sind, neue Wege zu gehen. Die Zeit ist reif für die ‹Terrestrische Architektur› – der Begriff ist bei Tibor Joanellys gleichnamigen Artikel, erschienen in der Ausgabe 11 / 2019 von werk, bauen + wohnen, inspiriert. Terrestrische Architektur erzeugt Räume, Gebäude, Siedlungen und Städte, welche die physiologischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Benutzer*innen erfüllen, und berücksichtigt dabei die Belange der Mitmenschen und der Umwelt sowie die langfristige Bewohnbarkeit der Erde.

Terrassen von Haus West mit Trockenmauern (Foto: Dominique Plüss)
Situationsplan
Grundriss Hochparterre Haus West und Ost
Konstruktionsschnitt Haus West
Name des Bauwerks
Bellerive 23
 
Standort
Route de la Plantaz 11, 1585 Bellerive
 
Nutzung
Wohnen
 
Auftragsart
direkt
 
Bauherrschaft
privat
 
Architektur
jomini & zimmermann architekten ag, Zürich
Valérie Jomini, Stanislas Zimmermann 
Beteiligte Mitarbeiter*innen: Valeria Zamora, Joshua Panariello, Luca Baldazzi
 
Bauleitung 
pp bauleitungen, Muntelier
Pascal Pörner
 
Jahr der Fertigstellung
2020
 
Fotos
Dominique Plüss, Bern

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