Umgedreht, umorganisiert, umgebaut

Mentha Walther Architekten
12. November 2020
Im Anbau aus den 1980er-Jahren fügt sich eine neue Treppe aus Buchenholz in den Bestand ein. (Foto: Beat Bühler Fotografie)

Das junge Team von Mentha Walther hat ein Einfamilienhaus aus den 1930er-Jahren, das 1989 erweitert wurde, in zwei eigenständige Hälften unterteilt. Jeanine Walther spricht über den gelungenen Umbau.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Ein Haus mit Baujahr 1933 und dessen Anbau von 1989 sollten zu zwei eigenständigen Hälften umgebaut werden. Ganz unterschiedliche Architektursprachen prägen die beiden Hausteile. Sie wurden beim Umbau herausgeschält und mit neuen Elementen so ergänzt, dass der individuelle Charakter der Haushälften gestärkt wird – Alt und Neu verschmelzen dabei zu einem selbstverständlichen Ganzen.

Auf dem Situationsplan zu erkennen sind von links nach rechts der südliche Holzpavillon, das Haus von 1933, der Anbau von 1989 und der östliche Pavillon. 
Im offenen Wohnraum des einstigen Erweiterungsbaus wurden die charakteristischen Betonablagen bei der Gestaltung der Küche aufgegriffen. Die Durchgänge zum aussenliegenden Treppenhaus sind neu mit Glasbausteinen verschlossen. (Foto: Beat Bühler Fotografie)
Dank der Glasbausteine profitiert die Galerie weiterhin vom indirekten Lichteinfall. (Foto: Beat Bühler Fotografie)
Die durchgehende Galerie im Obergeschoss wurde unterteilt und den Zimmern zugeordnet. Die neuen Treppen liegen auf einem Holmen auf und scheinen dadurch zu schweben. Mit den Steckverbindungen und Netzen des Geländers fügen sie sich spielerisch in die rohe Optik 1980er-Jahre-Ästhetik ein. (Foto: Beat Bühler Fotografie)
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Bedingt durch die Lage direkt an der Forchbahnlinie wurde die Liegenschaft seit der Schliessung sämtlicher unbewachter Bahnübergänge 2013 nicht mehr direkt von der Forchstrasse, sondern über eine Zufahrtstrasse im Süden erschlossen. Auf diese neue Ankunftssituation galt es beim Umbau zu reagieren. Wir haben das durch die Hanglage teilweise freiliegende Untergeschoss des älteren Hausteils ausgebaut und einen neuen Haupteingang von Süden her geschaffen. Der neue Eingangsbereich öffnet sich zum Treppenhaus, die Treppe wurde nahtlos ergänzt und verbindet das neue Gartengeschoss mit den bestehenden Wohngeschossen.  

Der Hausteil aus den 1980er-Jahren hat einen eigenständigen Zugang im Osten erhalten. Zwei neue Holzpavillons markieren die Ankunftsorte und holen die Besucher*innen an der Strasse ab. Sie nehmen die Parkierung sowie Velo- und Containerunterstände auf und bilden die neuen Adressen der beiden Haushälften. Ein privater Aussenraum spannt sich zwischen den Häusern, deren Pavillons und dem dichten Baumbestand rundherum auf. So werden innerhalb des grossen Grundstücks klare Zonen geschaffen, die den jeweiligen Hausteilen zugeordnet sind. 

Das Dachgeschoss des Gebäudeteils von 1933 wurde als Bibliothek und Atelier ausgebaut und mit neuen Lukarnen versehen. Schreinereinbauten bilden vierseitig die Raumabschlüsse und nehmen eine Tagesliege als Lesenische auf. (Foto: Beat Bühler Fotografie)
Links der Blick ins Schlafzimmer, rechts ins neue Bad (Foto: Beat Bühler Fotografie)
Das Entrée im ausgebauten Gartengeschoss knüpft optisch an die bestehenden Geschosse darüber an. (Foto: Beat Bühler Fotografie)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Die zentralen Entwurfsthemen haben wir bereits in den ersten Studien erarbeitet. Die Bauherrschaft hat den Prozess eng begleitet, zeigte sich begeisterungsfähig und gab uns grossen, gestalterischen Freiraum. Besonders bei der Materialwahl und Ausformulierung der Einbauten war dieses Vertrauen für das stimmige Endresultat von grosser Bedeutung. Neben der energetischen Ertüchtigung und dem Einsatz von erneuerbaren Energien war die Unterbringung einer Bibliothek ein wichtiges Anliegen der Bauherrschaft. Im Dachgeschoss wurden dafür brachliegende Raumreserven genutzt und ein heller Bibliotheks- und Atelierraum geschaffen. Für den Anbau aus den 80ern war der Wunsch, dass das Haus möglichst familientauglich werden und unterschiedliche Wohnformen ermöglichen soll. So haben wir aus der eingebauten Garage ein Atelierzimmer mit Bad gemacht, welches vielseitig genutzt werden kann: als Schlafzimmer, Arbeitsatelier oder Einliegerstudio. 

Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Unsere Architektur will nicht provozieren. Wir wollen ein stimmungsvolles Gesamtgefüge erschaffen, Emotionen wecken und mit Feingefühl auf die Bedürfnisse der Nutzer*innen und das Bestehende eingehen – wir suchen im Vorhandenen die Grundlage für das Neue. Dies bezieht sich sowohl auf Umbauten als auch auf Neubauten. Der Umbau auf der Forch zeigt, wie wichtig ein stetes Abwägen der Eingriffe und deren Tiefe ist, um schlussendlich etwas Neues zu schaffen ohne das Bestehende zu negieren; hier das Haus aus den 1930er-Jahren mit Kork, Klinker und Elementen der Moderne, dort ein Anbau aus den späten 1980er-Jahren mit Sichtmauerwerk und Holztäferdecken, gerahmt von eigenständigen Pavillons mit einer neuen Material- und Formensprache.

Der südliche Holzpavillon bildet den Ankunftsort und die Adresse des westlichen Hausteils. Er nimmt Auto- und Veloparkplätze, die Container und einen Lagerraum auf. Ein Pendant steht auf der Ostseite und markiert die Adresse des östlichen Hausteils. (Foto: Beat Bühler Fotografie)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


Im Umbau muss genau abgewogen werden, welches die geeigneten Mittel zur energetischen Ertüchtigung sind. Wir glauben an eine gesamtheitliche Betrachtung, in welcher wir mit gezielten Massnahmen möglichst grosse energetische Verbesserungen erreichen können, ohne dass wir damit das Jahrzehnte bewährte bauphysikalische Gleichgewicht eines Gebäudes aus der Balance zu bringen. Die zentrale Frage ist dabei: «Wo, was und wie viel?» Auch das Ausnutzen von vorhandenen Raumreserven oder der gezielte Einsatz von Handwerk und Material sind in dieser Betrachtung für uns wichtig und gehen oft im Diskurs um Labels unter. Bei diesem Projekt hatten wir zum Beispiel die Möglichkeit, mit handgefertigten Steinzeugfliesen zu arbeiten, und die Pavillons sind als raumbildende Holzkonstruktion erstellt. Natürlich wurde auch konventionell energetisch saniert; eine neue Erdsondenheizung, eine dachintegrierte PV-Anlage und eine partielle Hüllensanierung bilden dabei die Basis. Technisch wie architektonisch interessiert uns aber viel mehr, mit der Konstruktion und der Wahl geeigneter Rohstoffe energetisch sinnige und architektonisch sinnliche Projekte zu schaffen.

Die freitragende Dachkonstruktion spannt sich wie ein Regenschirm über dem Pavillon auf. (Foto: Beat Bühler Fotografie)
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Durch die sehr diversen Grundvoraussetzungen ist nicht ein Material von besonderer Bedeutung für dieses Projekt, sondern der gezielte Einsatz von verschiedenen Materialen und Farben. Sie unterstützen dabei den Gesamtausdruck des jeweiligen Hausteils oder Pavillons. In der älteren Hälfte haben wir beispielsweise Korkböden gefunden, welche wir leider ersetzen mussten. Wir haben das Material beibehalten, jedoch mit dem Verlegemuster gespielt. Die verwendeten Materialien und Farben sind wiederkehrende Elemente, um so eine gewisse Ruhe im Projekt zu schaffen. Sie unterstützen die Architektur und ziehen sich wie einer roter Faden durch das Projekt.

Grundriss Gartengeschoss
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss Obergeschoss
Grundriss Dachgeschoss
Schnitt A
Schnitt C
Schnitt D
Bauwerk
Umbau eines Einfamilienhauses zum Doppeleinfamilienhaus
 
Standort
Alte Forchstrasse 53 und 55, 8127 Forch
 
Auftragsart
Direktauftrag
 
Bauherrschaft
privat
 
Architektur
Mentha Walther Architekten GmbH, Zürich
Projektleitung: Jeanine Walther
Beteiligte Mitarbeiter*innen: Nicolas Mentha, Pietro Banzato, Leonie Fuhrer
 
Fachplaner 
Holzbauingenieur: Pirmin Jung Schweiz AG, Rain
Bauingenieur: Aschwanden & PartnerIngenieure & PlanerAG, Rüti
Bauphysik: Weber Energie und Bauphysik AG, Schaffhausen
Lichtplanung: Elvira Keller Lichtgestaltung, Büttschwil
 
Bauleitung 
Team Konstruktiv Architektur- und Bauatelier, Zürich
 
Jahr der Fertigstellung
2020
 
Massgeblich beteiligte Unternehmer 
Baumeister: Spleiss AG, Küsnacht
Zimmermann: Künzle Holz AG, Jona
Fenster: Wenger Fenster AG, Wimmis
Elektriker: Marocom AG, Zürich
Heizung / Sanitär / PV: Baltensperger AG, Zürich
Küchen- & Treppenbauer: Stulz Schreinerei Innenausbau AG, Malters
Schreinerarbeiten: Ernst Wieland AG, Zürich
Gipser: M.R. Baumli GmbH, Zürich
Bodenbeläge Holz, Linoleum, Kork: Parkett Maier AG, Zürich
Plattenreplikation: Vesely Fassadenagentur, Lindau am Bodensee, Deutschland
Plattenarbeiten: Zulli AG, Urdorf
Maler: Maler Berardelli, Forch
Gärtnerarbeiten: Amman Gärten AG, Zürich
 
Fotos
Beat Bühler Fotografie, Zürich

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