Unter einem grossen Dach

W2H Architekten
1. Juli 2021
Foto: Rolf Siegenthaler // Fotografie

Die Siedlung Weissenstein ist eine der wichtigsten genossenschaftlichen Gartenstadtsieldungen der Schweiz. Andreas Wenger berichtet, wie das Team seines Büros W2H Architekten das Haupthaus der baugeschichtlich wertvollen Anlage saniert und umgebaut hat.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Die in den Jahren zwischen 1919 und 1925 erstelle Eisenbahner-Siedlung Weissenstein ist eine der bedeutendsten genossenschaftlichen Gartenstadtsiedlungen der Schweiz. Sie wurde errichtet, um die Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg zu lindern, die Pläne stammten von Franz Trachsel. Zusammen mit der Denkmalpflege, dem Stadtplanungsamt und den Grundeigentümern haben wir im Zeitraum zwischen November 2014 und März 2016 ein räumliches Entwicklungskonzept für die Siedlung erstellt. Integraler Bestandteil dieser Studie war auch die Betrachtung des schützenswerten Haupthauses des Weissensteinguts. Das Gebäude gilt heute als letzter in der Umgebung von Bern erhalten gebliebener dreigeschossiger Landsitz aus der Zeit des Spätbarocks.

Nach verschiedenen Raumanpassungen und Veränderungen an den Bauten erhielten wir 2016 den Auftrag, eine grosszyklische Sanierung zu planen. Zentral ausgerichtet auf die Dübystrasse verweist das Weissensteingut auf seine prägnante Rolle in der Siedlung. Mit gemeinschaftlichen Nutzungen und der Geschäftsstelle der Eisenbahner-Baugenossenschaft Bern (EBG) im Mittelhaus sowie Wohnraum für ältere Menschen im Südflügel sollte die Siedlung für unterschiedliche Altersgruppen ein einladendes Zentrum erhalten. 

Die Wohnungen wurden mit einem Balkon erweitert. (Foto: Rolf Siegenthaler // Fotografie)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?


Im imposante Dachraum befanden sich bisher Mansardenzimmer und Estrichräume. Wir haben doppelgeschossige Wohnungen eingebaut. Zwei zimmergrosse Lichtschächte leiteten Tageslicht bis in die Wohnungen im 1. Obergeschoss. Wir haben das Thema des Lichthofs daher aufgegriffen und weiterentwickelt. Dank der polygonalen Form, die sich geometrisch deutlich vom Bestand abgrenzt, wirken die neuen Eingangshallen als eigenständige, in den Dachraum hineingestellte Körper. Die vorgefundene Grosszügigkeit des Dachraums blieb erhalten und ist weiter erlebbar. Im Dialog mit der historischen Dachfläche dienen sanft aufgestellte Schlepplukarnen sowie die Oberlichtverglasungen der inneren Belichtung der Räume.

Dachwohnung mit Galerie (Foto: Rolf Siegenthaler // Fotografie)
Im Wohnraum einer der Dachwohnungen; dank der grosszügigen Verwendung von Holz knüpft der Umbau gestalterisch beim historischen Bestand an. (Foto: Rolf Siegenthaler // Fotografie)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Parallel zur Projektierung erfolgten partizipative Veranstaltungen, moderiert von Dencity, dem Kompetenzzentrum Urbane Entwicklung und Mobilität der Berner Fachhochschule. Der Bedarf an Flächen zur genossenschaftlichen Aneignung im Erdgeschoss wurde bestätigt und liess sich konsolidiert in das Raumprogramm integrieren. Man betritt das Gebäude neu über einen mittigen Zugang in der Verlängerung der alleeartigen Dübystrasse. Zusätzlich zu den genossenschaftlich genutzten Flächen im Erdgeschoss entstanden im Untergeschoss Räumlichkeiten für Veranstaltungen sowie Lager.

Die Age-Stiftung unterstütze das Projekt hinsichtlich der Förderung von Wohn- und Betreuungsangeboten fürs Älterwerden. Im Südflügel wurde durch den Lichtschacht ein neuer Aufzug geführt, ausserdem haben wir die Balkone vergrössert. Beide Massnahmen dienen dem Wohnen im Alter und erhöhen die Lebensqualität und den Komfort. Die bestehenden Mansardenzimmer wurden zu einer neuen, attraktiven Wohnung ausgebaut. 

Neu ist ein Sitzungszimmer der Eisenbahner-Baugenossenschaft Bern (EBG) im Erdgeschoss eingerichtet. (Foto: Rolf Siegenthaler // Fotografie)
Einbauten in den Büroräumen der EBG (Foto: Rolf Siegenthaler // Fotografie)
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten des Büros ein?


Unsere Arbeit ist geprägt von einem ständigen Abwägen zwischen dem Erhalt von historischen oder noch intakten Bauteilen und dem Entwerfen von neuen Elementen unter der Wahrung der Wertschätzung gegenüber dem Bestand. Gefundene Ornament- und Farbfragmente aus vergangenen Zeiten konnten wir bei diesem Projekt mit neuen Elementen zu einem stimmigen Gesamtbild zusammengefügen. 

Die Materialisierung der Wohnungen ist einfach und robust. (Foto: Rolf Siegenthaler // Fotografie)
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Verschiedene Bauetappen aus unterschiedlichen Zeitepochen prägen das Weissensteingut. Es galt, mit gezielten Eingriffen und insbesondere einer sorgfältigen Materialwahl dessen Charakter zu erhalten. In Anlehnung an die historische Gebäudesubstanz haben wir Holz im ganzen Dachraum verwendet. Offen sichtbar blieb die historische, primäre Tragkonstruktion des Daches. Die Decken und Wände haben eine Bekleidung aus hellem Fichtenholz erhalten. Das Zusammenspiel dieser Elemente prägt den Dachraum und verleiht ihm seine atmosphärische Kraft. Die neuen, eigens für die EBG entworfenen Einbauten im Erdgeschoss verweben sich leise mit dem spätbarocken Gebäude. 

Die Farbgestaltung dieses sanierten Badezimmers ist am historischen Vorbild orientiert. (Foto: Rolf Siegenthaler // Fotografie)
Situation
Grundriss Erdgeschoss
Grundriss 2. Obergeschoss
Querschnitt
Bauwerk
Sanierung Weissensteingut Bern
 
Standort
Hauensteinweg 12 und 14, 3008 Bern
 
Nutzung
Genossenschaftliches Wohnen und Büros der Geschäftsstelle der Eisenbahner-Baugenossenschaft Bern
 
Auftragsart
Direktauftrag
 
Bauherrschaft
Eisenbahner-Baugenossenschaft Bern 
 
Architektur
W2H Architekten AG, Bern
Andreas Wenger, Yves Studer, Markus Ernst, Luca Brunori, Florian Schmid, Gabriela Schär, Linda Sigrist und Christa Marti
 
Fachplaner
Weber + Brönnimann AG, Bern
EPS Elektroplanung Schneider AG, Münchenbuchsee
Enerplan AG, Bern
 
Jahr der Fertigstellung
2020
 
Gesamtkosten BKP 1–9
CHF 9,2 Mio.
 
Fotos
Rolf Siegenthaler // Fotografie, Bern

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