Von Geschichte und Erneuerung

Hosoya Schaefer Architects
20. Juni 2024
Das geschichtsträchtige Haus, das wesentlich zur Identität der Einheimischen beiträgt, soll sie auf die anstehenden Veränderungen einstimmen. (Foto: Rasmus Norlander)
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Das Haus Myrte wurde 1845 von Heinrich Baumann erbaut. Das Wohnhaus war eines der ersten Gebäude, die an der um 1841 erweiterten Zugerstrasse errichtet wurden. Ursprünglich stand es ausserhalb des Dorfes, doch heute befindet es sich an einer städtischen Hauptstrasse mit Wohnblocks und Gewerbebetrieben. Da die meisten der damals errichteten kleinstädtisch-bürgerlichen Gebäude inzwischen abgerissen oder ersetzt wurden, ist das Haus Myrte eines der letzten architektonischen Zeugnisse seiner Entstehungszeit in der Gemeinde. Zusätzlich von Bedeutung ist, dass ein schlichter klassizistischer Walmdach-Bau für ein Bauernhaus etwas Aussergewöhnliches war und den Übergang vom bäuerlich-ländlichen zum bürgerlich-städtischen Wohnhausbau veranschaulicht.

Im Jahr 1984 wurde das Wohnhaus inventarisiert. 2010 ersuchte die Blattmann Metallwarenfabrik um die Aufhebung des Denkmalschutzes im kommunalen Inventar. Eine Prüfung durch die Denkmalpflegekommission des Kantons Zürich ergab, dass der Zustand des Hauses aufgrund der baulichen Veränderungen, die im Laufe der Jahre vorgenommen worden waren, nicht mehr erhaltenswert sei. Folglich wurde das Objekt 2011 von der Denkmalschutzliste gestrichen. Nichtsdestotrotz wurde 2022 beschlossen, das Haus Myrte als Zeitzeuge zu erhalten und instand zu setzen.

Das Haus Myrte vor dem Umbau: Zunächst schien die Substanz in einem guten Zustand, doch nach einer Untersuchung musste sie ertüchtigt werden. (Foto: Jos Schmid)

Viele Menschen in der Gegend erinnern sich noch gut an das historische Gebäude vor der Renovation. Einheimische erzählen viel und gerne davon. Das Haus beherbergte einst ein Lebensmittelgeschäft und eine Herrenschneiderei. Für uns als Architekten war es wichtig, möglichst viel Substanz des fast 200-jährigen Bauwerkes zu erhalten. Denn obwohl es nicht mehr unter Denkmalschutz steht, bewahrt es Geschichten und Erinnerungen als ein lokales Erbe, das wir nun mit unserem behutsamen Umbau in die Zukunft überführen. So bleibt das öffentliche Erdgeschoss bestehen und dient als Ausstellungsraum, um Anwohner und andere Interessengruppen über die Umnutzung des ehemaligen Fabrikgeländes in ein Quartier mit Wohn- und Gewerbeflächen zu informieren.

Früher fand sich der Grünton häufig in den Innenräumen von Fabriken. (Foto: Rasmus Norlander)
Das Gebäude besitzt ein Walmdach – eine Seltenheit bei Bauernhäusern in der Region. Es markiert als wertvoller historischer Zeuge den Übergang vom bäuerlich-ländlichen zum bürgerlich-städtischen Wohnhausbau. (Foto: Rasmus Norlander)
Wie gliedert sich das Gebäude in die Reihe der bestehenden Bauten Ihres Büros ein?


Hosoya Schaefer hat sich über die Jahre auf die Umnutzung, Entwicklung und Transformation sowohl von stillgelegten als auch von aktiven Industriearealen im In- und Ausland spezialisiert. Zu unseren Projekten gehören der TechCluster Zug, der Innovationspark Zürich, das SBB-Areal Neugasse in Zürich, das Quartier Elbbrücken der Hafencity in Hamburg und die Port City Riga in Lettland. 2018 wurden wir mit der Neuentwicklung des MEWA-Areals, der ehemaligen Blattmann Metallwarenfabrik, beauftragt. Die Überbauung besteht aus drei Gartenhäusern und sieben Hofhäusern mit insgesamt rund 160 Wohnungen. Das Ensemble aus dem bestehenden Haus Myrte und der ehemaligen Produktionshalle mit ihrem markanten Schmetterlingsdach wird zu einem identitätsstiftenden Artefakt, das in das Areal einführt und zum neuen Quartiertreffpunkt avanciert. Die Produktionshalle verwandelt sich in ein gemeinschaftliches Foyer beziehungsweise einen Wintergarten mit einer Mischnutzung aus Kulturveranstaltungen, Gewerbe und Gastronomie. 

Die gelochten Fensterländen aus Aluminium verweisen auf die Geschichte der Blattmann Metallwarenfabrik. (Foto: Rasmus Norlander)
Welche Inspiration liegt diesem Projekt zugrunde?


Das Haus soll künftig ein freundliches Wahrzeichen für das gerade entstehende Quartier sein und es mit der Geschichte der Metallwerkstatt verbinden. Dazu haben wir die Stuckfassade in Grüntönen gestrichen. Solche Farben wurden in der Vergangenheit häufig für Fabrikinnenräumen gewählt. Gelochte Aluminiumläden ersetzen die früheren Holzläden. Sie sind eine Hommage an den von Hans Coray im Jahr 1938 entworfenen Landi-Stuhl, der in der Blattmann Metallwarenfabrik hergestellt wurde.

Die Geschäftsräume im Erdgeschoss blieben beim Umbau erhalten. (Foto: Rasmus Norlander)
Im Haus finden aktuell Infoanlässe, Vorträge und Ausstellungen statt. (Foto: Rasmus Norlander)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?


Obwohl das Gebäude äusserlich in einem guten Zustand war, ergab eine Bauuntersuchung, dass dessen Struktur ertüchtigt werden musste. Folglich haben wir es durch den gezielten Einsatz von Stahlbeton stabilisiert, ausserdem wurden seismische Messpunkte platziert. Darüber hinaus wurden Boden und Dach gedämmt. Wo es die Raumhöhe zuliess, haben wir die alten Heizkörper durch eine Fussbodenheizung ersetzt. Vorläufig wird das bestehende Gasheizsystem noch beibehalten. Aber in Zukunft soll das Haus Myrte wie alle neuen Gebäuden auf dem MEWA-Areal mittels Geothermie geheizt werden.

Mit neuen Bauteilen aus Stahlbeton wurde die Tragstruktur des Hauses ertüchtigt. (Foto: Rasmus Norlander)
Elemente wie die alten Balken wurden teils freigelegt, was den Innenräumen einen besonderen Charakter verleiht. (Foto: Rasmus Norlander)
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Da es sich um einen Umbau handelt, konnten bestehende Elemente in die Neugestaltung einbezogen und zelebriert werden. Zum Beispiel haben wir durch Deckendurchbrüche die alten Balken im Erdgeschoss und im zweiten Obergeschoss freigelegt, was den Räumen einen besonderen Charakter verleiht. Auch trugen wir die Schichten einer Innenwand solange ab, bis das Backsteinmauerwerk zum Vorschein kam. Das neu freigelegte Sichtmauerwerk wurde weiss eingefärbt. Die historische Holztreppe und ihr Geländer wurden restauriert – das ermöglicht den Nutzenden, mit dem Gebäude haptisch in Kontakt zu treten. Und schliesslich haben wir das Haus neu mit Fensterläden aus Aluminium ausgestattet. Das Leichtmetall spielt nämlich in der Geschichte der Blattmann Metallwarenfabrik eine wichtige Rolle. Durch all diese gestalterischen Massnahmen bleibt die Geschichte des Hauses für die Nutzenden von heute erlebbar.

Blick auf die offen gezeigte Konstruktion des alten Walmdachs (Foto: Rasmus Norlander)
Die zukünftige Überbauung des MEWA-Areals mit dem Haus Myrte in der Mitte der unteren Bildhälfte (Axonometrie: © Hosoya Schaefer Architects)
Situation (© Hosoya Schaefer Architects)
Pläne von oben nach unten: Grundriss Erdgeschoss und Längsschnitt (© Hosoya Schaefer Architects)
Bauwerk
Haus Myrte
 
Standort
Zugerstrasse 72, 8820 Wädenswil
 
Nutzung
Projekt-Showroom mit Büroräumen, Wohnen
 
Auftragsart
Direktauftrag
 
Bauherrschaft
Blattmann Metallwarenfabrik AG, Wädenswil
 
Architektur
Hosoya Schaefer Architects AG, Zürich
 
Fachplaner
Bauingenieur: Dr. Lüchinger+Meyer Bauingenieure AG, Zürich
HLKS-Ingenieur: Consultair AG, Wädenswil
Elektroingenieur: eik-engineering ag, Winterthur
Bauphysik und Brandschutzexperte: Kuster + Partner AG, Chur, Lachen, St. Moritz und Basel
Lichtgestaltung: LLAL AG, Zürich
 
Bauleitung 
Hosoya Schaefer Architects und Gasser Baumanagement GmbH, Zug
 
Fertigstellung
2024
 
Fotos
Rasmus Norlander und Jos Schmid

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