Zu neuem Leben erweckt

Schmidlin Architekten
13. Mai 2021
Foto: Rasmus Norlander

Ein historisches Bauernhaus in Würenlingen war in prekärem Zustand, ehe Schmidlin Architekten es umbauten. Lisa Mäder berichtet von dem langen, spannenden Prozess.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?


Mit dem Umbau und einer neuen öffentlichen Nutzung wurde dem Bauernhaus von 1783 im historischen Dorfkern neues Leben eingehaucht. Das oberste Ziel war, respektvoll mit der wertvollen Bausubstanz umzugehen und den eindrücklichen Bestand sinnvoll zu ergänzen. Im Anbau wurden alle neuen technischen und funktionalen Anforderung untergebracht, sodass der Bestand nur mit gezielten Eingriffen angepasst werden musste. Da der gesamte Dachstuhl der Scheune wegen Wurmbefalls erneuert werden musste, sahen wir die Möglichkeit, eine zusammenhängende, dem historischen Original getreue Dachlandschaft auszubilden. 

Auch im Inneren wurden die drei Gebäudeteile (Scheune, Anbau und Wohnteil) neu miteinander verbunden. Der Besucher wird mit gezielt gesetzten Öffnungen durch das Haus geführt: Man gelangt durch die ehemalige Aussenmauer ins helle Foyer auf der Gartenseite und von dort wiederum hinauf in den Festsaal. 

Die charakteristischen Elemente der historischen Scheune bilden den Kontext für die neuen Nutzungen. So prägen zum Beispiel die imposanten Tenntore den Raum der Dorfbibliothek. Auch die Ausstellungsräume im ehemaligen Wohnteil tragen mit ihrer geringen Raumhöhe zur Einzigartigkeit der Dorfschüür bei.

Foto: Rasmus Norlander
Foto: Rasmus Norlander
Wie hat der Ort auf den Entwurf eingewirkt?


Schon beim ersten Besuch in Würenlingen waren wir fasziniert von der imposanten Schüür, welche dicht an der Dorfstrasse steht. Die Hauptachse des historischen Dorfkerns ist geprägt von Bauernhäusern, welche parallel zur Strasse angeordnet sind. Typisch befanden sich hinter den Haupthäusern einst meist kleinere Schopfbauten, die zu weitläufigen Wiesen mit Obstbäumen gehörten, welche sich dahinter anschlossen. Die rückwärtigen Obstgärten sind jedoch mit der Zeit verschwunden.   

Für die Bearbeitung des Wettbewerbs ergab sich eine besondere Ausgangslage, da die Wiese hinter der Scheune aufgrund des Rückbaus eines Kindergartenprovisoriums wieder frei wurde. Dies sahen wir als Chance, die besondere Lage der Dorfschüür mit ihrer zweiseitigen Orientierung – einer klaren Vorder- und Rückseite – zu stärken: Während der Hauptzugang auf der Strassenseite blieb, wurde die Rückseite mit dem neuen Anbau zu einem identitätsstiftenden Aussenraum für die Dorfgemeinde.

Foto: Roland Bernath
Foto: Roland Bernath
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?


Die Ortsbürgergemeinde trat als Bauherrin auf und war sehr stark in den Planungsprozess involviert. Wir kamen monatlich in einer Baukommission zusammen und besprachen das Projekt gemeinsam mit den Ortsbürgern; auch Vertreter der Vereine und aus der Kulturkommission sowie die Bibliothekarinnen waren beteiligt. Die einzelnen Mitglieder waren alle sehr interessiert und engagiert. Trotzdem gaben sie uns viele Freiheiten und waren stets offen für unsere Vorschläge. Ohne das Vertrauen der Bauherrschaft wären zum Beispiel der Holzboden und die Stoffdecke im Saal nicht möglich gewesen. Natürlich verlangte die Entwicklung dieser speziellen Details viel Geduld von allen beteiligten Parteien.

Foto: Roland Bernath
Gab es bedeutende Projektänderungen vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk?


Projekt- und insbesondere Planänderungen wurden vor allem durch die einsturzgefährdeten Bruchsteinmauern und die eingeknickte Wand zwischen Scheune und Wohnteil hervorgerufen. Als wir das Gebäude zum ersten Mal sahen, war es in einem desolaten Zustand. Um keinen Einsturz der Mauern zu riskieren, konnten wir das Mauerwerk erst relativ spät im Planungsprozess freilegen und neu ausmessen. Die Lage der Mauern war bis dahin eine Unbekannte, wir mussten sämtliche Pläne an die neue Ausmessung anpassen. 

Die gesamte Bauausführung war sehr aufwendig und komplex. Während der Bauzeit war die Sicherung des Mauerwerks eine grosse Herausforderung. Sie musste in genauer Abstimmung mit der Aufrichte des Holzbaus sowie den Unterfangungen der Wände erstellt werden. Dies ergab laufend Änderungen in der Planung und verlangte grosse Flexibilität. 

Foto: Rasmus Norlander
Welches Produkt oder Material hat zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?


Im Wissen, dass die Gemeinde über einen grossen Eichenbestand verfügt, haben wir bei der Wettbewerbsabgabe den Holzboden im Festsaal mit Schmunzeln als «Riemenboden aus Würenlinger Eiche» beschrieben. Im Verlauf des Vorprojekts war die Bauherrschaft noch etwas skeptisch bezüglich der Kosten und der Machbarkeit. Dennoch gab sie uns die Chance, gewisse Abklärungen zu tätigen und den möglichen Prozess bis zum Einbau zu klären. Nachdem wir eine Sägerei gefunden hatten, welche bereit war, die Eichenstämme zu fällen, bei sich über ein Jahr zu lagern, zu trocknen und anschliessend für den Einbau vorzubereiten, ging alles ganz schnell. So fanden wir uns bald nach einer geeigneten Neumondphase mit dem Förster der Gemeinde und dem Säger im Wald und suchten gemeinsam die Eichenstämme aus, welche später die massiven Riemen im Saal ergeben würden. 

Foto: Roland Bernath
Situation
Grundriss Erdgeschoss
Längsschnitt
Querschnitt
Bauwerk
Dorfschüür Würenlingen 
 
Standort
Dorfstrasse 35, 5303 Würenlingen
 
Nutzung
Kulturzentrum mit Festsaal, Dorfbibliothek und Ausstellungsräumen
 
Auftragsart
Wettbewerbsverfahren mit Präqualifikation
 
Bauherrschaft
Ortsbürgergemeinde Würenlingen
 
Architektur
Schmidlin Architekten ETH SIA, Zürich
Projektleitung: Lisa Mäder
Mitarbeit: Hubert Holewik und Chasper Schmidlin 
 
Fachplaner
Holzbauingenieur und Brandschutz: Makiol Wiederkehr AG, Beinwil am See
Bauingenieur: Caprez Ingenieure AG, Zürich
Elektroingenieur:  HHM (Hefti Hess Martignoni), Aarau
HLS: Raumanzug Gmbh, Zürich
Lichtplanung: CH Keller Design AG, St Gallen
Signaletik: Teo Schifferli, Zürich
Landschaftsarchitektur: Ganz Landschaftsarchitekten, Zürich
 
Bauleitung
LUMO Architekten AG, Döttingen
Mike Spannagel
 
Jahr der Fertigstellung
2020/21
 
Gesamtkosten BKP 1–9
CHF 6,35 Mio.
 
Gebäudekosten BKP 2 
CHF 6,1 Mio.
 
Gebäudevolumen
5936 m3
 
Kubikmeterpreis 
1069 CHF/m3
 
Massgeblich beteiligte Unternehmer 
Baumeisterarbeiten: Birchmeier Bau AG, Döttingen
Holzbau: Vögeli Holzbau AG, Kleindöttingen
Fenster, Türen und Tore: Erne Holzbau, Laufenburg
Schreinerarbeiten: ARGE Holz Design, Schreinerei Meier AG, Würenlingen, mit Müller AG, Tegerfelden
Toni Suter GmbH, Würenlingen
Stoffdecke im Saal: Spescha Schreinerei, Rueun
Lagern, trocknen und Vorbereitung der Eichenriemen: Sägerei P. Ächerli, Regensdorf
Gipserarbeiten: Bruno Bütikofer AG, Leuggern
 
Fotos
Rasmus Norlander und Roland Bernath

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