Am Scheideweg?

Elias Baumgarten
9. Mai 2019
Matthias Standfest hat das Startup Archilyse in Zürich gegründet. Bild © Archilyse

«Die Bauindustrie ist eine der am wenigsten digitalisierten Branchen überhaupt», weiss Matthias Standfest. Doch das werde sich ändern, ist er sicher. Ein grosser Umbruch stehe bevor. In Zürich hat er 2017 die Firma Archilyse gegründet. Ihre Software soll «Architekturqualität» mess- und optimierbar machen. Schon bald könnte sie an der Jurierung von Wettbewerben eingesetzt werden. Den klassischen Architekt*innen prophezeit Standfest eine düstere Zukunft. Wir haben ihn zum Interview getroffen.

  • Matthias Standfest ist ausgebildeter Architekt. Er hat an der ETH Zürich doktoriert. 2017 gründete er Archilyse als Spin-Off der ETHZ.
  • Das Startup bietet Software an, mit der Gebäude und Projekte analysiert und bewertet werden können. Zur Kundschaft gehören der Schweizerische Ingenieurs- und Architektenverein (SIA), die SwissLife, PriceHubble und Immoscout.
  • Vor allem mit der Halter AG arbeitet die Archilyse AG daran, ihre Bewertungen an Architekturwettbewerben zu nutzen. Sie könnten sowohl bei der Ausarbeitung der Vorgaben als auch der Jurierung Anwendung finden.
  • Standfest glaubt, dass die Architekt*innen momentan Gefahr laufen, aus der Wertschöpfungskette verdrängt werden. Künftig drohe ihnen überdies Konkurrenz durch Algorithmen, sagt er.
  • Er ist besorgt ob dem Eindringen von Konzernen wie Google und Facebook in die Baubranche.

Kann man Architekturqualität messen?

Elias Baumgarten: Archilyse wirbt damit, Daten in Gewinne zu verwandeln. Ihr habt eine Software entwickelt, die Analysen zu allen Phasen im Lebenszyklus eines Gebäudes liefert. Damit sollen Optimierungspotenziale ausfindig gemacht werden. Gerade für Entwickler, Investoren und Eigentümer klingt das verheissungsvoll – doch wie funktioniert das eigentlich?

Matthias Standfest: Die Idee ist, Architekturqualität objektiv messbar zu machen. Davon können alle entlang der gesamten Wertschöpfungskette profitieren. Heute werden Immobilien generell danach bewertet, wie nahe sie beim Stadtzentrum stehen und wie gross die Wohnungen sind. Das ist völlig unzureichend. Viele andere Kriterien bleiben dabei unbeachtet. So etwa die Effizienz der Grundrisse, die jeweilige Nachbarschaft, die Aussicht, die Anbindung an den öffentlichen Verkehr oder auch die Entfernung zum nächsten Spital.

Unsere Kunden kaufen Lizenzen. Um unsere Software zu nutzen, brauchen sie nur ein Bild des Grundrisses. Daraus entwickelt unser Programm automatisch ein 3D-Modell, das in ein bereits vorhandenes Umgebungsmodell gesetzt wird. Anschliessend können visuell aufbereitete Analysen abgerufen werden.

EB: Was genau meinst du dabei mit «Architekturqualität»?

MS: Archilyse erlaubt zum Beispiel zu evaluieren, wie familienfreundlich eine Wohnung ist. Dafür gibt es viele Faktoren. Wie ist etwa die akustische Trennung zwischen den Kinderzimmern und dem Wohnraum? Wie hell sind erstere? Kann ich aus der Wohnung auf den nächsten Spielplatz sehen und habe so die visuelle Kontrolle über meine Kinder, wenn sie draussen spielen? Wie weit ist der nächste Kindergarten entfernt? Sind kriminalitätsbelastete Räume in der Nähe, die ich als Gefahrenquellen meiden möchte? Wie sind die Grundrisse geschnitten? Wir wissen schliesslich aus Statistiken, dass Mikrogrundrisse häusliche Gewalt begünstigen. Oder denken wir, um ein zweites Beispiel zu geben, an einen Bürobau: Wie gut sind die Arbeitsplätze zu nutzen? Stört Sonneneinstrahlung auf den Bildschirmen? Wie effizient sind die Fluchtwege organisiert? Wie weit ist der Weg zur Toilette? Auch lässt sich mit unserer Software leichter Hand überprüfen, welche Normen erfüllt sind. Ist etwa die SIA 500 eingehalten und der Bau somit barrierefrei? Manches hiervon mag trivial wirken. Menschen können das doch auch ermitteln, mag man geneigt sein zu denken. Aber was ehedem langer Recherche- und Rechenarbeit bedurfte, kann mit wenigen Klicks erledigt werden.

Entwürfe und Gebäude können anhand verschiedener Kriterien bewertet werden. Bild © Archilyse

EB: Ich stelle fest, «Architekturqualität» ist für euch die technische und ökonomische Performance eines Gebäudes sowie die Effizienz seiner Gestaltung. Der baukulturelle Wert eines Objekts – seine Ästhetik, seine Materialisierung und Details, die handwerkliche Qualität der Ausführung und dergleichen mehr – scheinen zunächst keine Rolle zu spielen. Es braucht wenig Phantasie, um sich vorzustellen, dass es für so manchen Bauherrn interessant wäre, eure Software bei der Bewertung von Wettbewerbsentwürfen einzusetzen.

MS: Das bahnt sich gerade tatsächlich an. Es ist uns in einem Pilotprojekt mit der SwissLife und PriceHubble der Nachweis gelungen, dass die von uns ermittelte Architekturqualität in direktem Zusammenhang mit den nachher erzielten Mieteinnahmen steht. Bescheinigte Archilyse hohe Qualität, sprudelten die Einnahmen. Es stimmt also, was unsere Software errechnet. Das war ein Meilenstein für uns. Mit diesen Ergebnissen konnten wir an Entwickler herantreten, allen voran Halter. Gemeinsam beraten wir gerade darüber, wie man unsere Analysen in Wettbewerben nutzen könnte. Wir könnten der Jury zum Beispiel sagen, was der familienfreundlichste Entwurf ist. Oder wir könnten eiskalt prognostizieren, welche Gestaltung den grössten Mietertrag generieren wird. Im Extremfall liesse sich sogar voraussagen, welches Projekt gesamthaft, unter Berücksichtigung aller Bau- und Lebenszykluskosten sowie der Mieteinnahmen, die höchste Rendite verspricht. Unser Programm erlaubt aber nicht nur Bewertungen, sondern auch das Erstellen präziserer Vorgaben. Denkbar wäre ferner, dass Architekt*innen bei der Ausarbeitung ihrer Entwürfe von dem Tool profitieren.

EB: «Architekturqualität» würde dann wohl nur noch in Franken bemessen. Baukulturelle Erwägungen gerieten vollends in den Hintergrund. Dieser Fokus auf den Profit und dessen Maximierung hat einen besonders faden Beigeschmack, weil es in unseren Grossstädten an leistbarem Wohnraum mangelt und teils selbst die Mittelschicht verdrängt wird. Ich denke, dass die grossflächige Implikation eurer Software die Mietpreise noch weiter nach oben treiben würde.

MS: Die Entscheidungen von Entwicklern und Investoren sind geldgetrieben, das ist leider so. Aber auch diese entwickeln in erster Linie was am Markt gefragt ist. Und wenn man dann Mieter*innen ermöglicht, ihre Nachfrage an objektive Kriterien zu binden, ihnen erklärt worauf sie bei der Wohnungssuche achtgeben müssen, dann wird der Markt auch Druck auf die Entwickler ausüben, nicht nur billig, sondern gut zu bauen. Wir demokratisieren somit Architektur. Momentan können wir, das muss ich zugeben, allenfalls Aussagen zu räumlichen Qualitäten, Blickbeziehungen und dergleichen tätigen. Wo sind etwa bevorzugte Aufenthaltsorte? Wir fühlen uns in manchen Räumen messbar wohler als in anderen. Zu diesen Themen wird momentan weiter mit Hochdruck geforscht. Die ETH Zürich, mit der wir kooperieren, ist dabei federführend.

Bei allem, was man hingegen (noch) nicht messen kann, eigentlich nur den psychologischen Auswirkungen von Materialien und Oberflächen, müssen wir derzeit passen. Wobei es auch hier Modelle und Ideen gibt, dies mathematisch abzubilden. Das ist allerdings aufwendig und geschieht daher noch nicht. Dafür bräuchten wir eine grössere Forschungsgruppe. Ich denke aber, dass ästhetische Kriterien sich mittelfristig messen und auch prognostizieren lassen.

Aus Grundrissen werden mit wenigen Mausklicks 3D-Modelle generiert und analysiert. Bild © Archilyse
Computer versus Mensch

EB: Denkt man das zu Ende, könnten Algorithmen, die auf eurer Software basieren, Architekt*innen in der Zukunft ablösen.

MS: Soweit sind wir noch nicht. In nächster Zeit wird die Luft zunächst für Technische Zeichner*innen dünn werden. Auch Architekturstudent*innen, die in ihren Ferialpraktika BZO-Volumina berechnen, werden bald der Vergangenheit angehören. Das finde ich auch erstrebenswert – ich bin nicht Mensch, um die Arbeit eines Roboters zu erledigen. In der ferneren Zukunft werden Algorithmen aber tatsächlich zumindest die Ideen von Architekt*innen herausfordern. Vielleicht werden sie auch zu hilfreichen Spar­rings­part­nern? Was es künftig gewiss nicht mehr geben wird, sind Gestalter*innen, die sich in jungen Jahren einen Stil zurechtlegen und diesen bis zur Pensionierung durchexerzieren. 

EB: In einem Interview mit der fsp Architekten AG am «Digital Real Estate Summit 2017» hast du gesagt, wir würden heute darüber streiten, ob wir unsere Autos von Computern steuern lassen dürfen, darüber, ob das im Sinne der Sicherheit vertretbar ist. Doch in der Zukunft, so glaubst du, werden wir debattieren, ob es noch akzeptabel ist, Menschen selbst fahren zu lassen. Der Mensch wird in dieser Logik zur Gefahrenquelle. Gilt das auch in der Architektur?

MS: Grundsätzlich ja, doch aus einer anderen Perspektive: Unsere Gesellschaft ist unter Druck, ob wir nun den Kopf davor in den Sand stecken oder nicht. Wir steuern – neben vielen anderen Problemen – auf eine Klimakatastrophe zu. Zudem steht die Verdichtung unserer Städte an. Unsere Böden sind zunehmend verödet. Wir müssen mit den Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, viel verantwortungsvoller umgehen als die Babyboomer es getan haben. Für mich heisst Verantwortung, die besten Werkzeuge einzusetzen, die zur Verfügung stehen. Und hier entsteht innert der nächsten zwei Dekaden ein Problem für Architekt*innen: Wollen sie sich gegen die digitale Konkurrenz behaupten, werden sie in diesem Umfeld argumentieren müssen, wieso man suboptimal bauen sollte. Sicher lässt sich das für Repräsentationsbauten und Leuchtturmprojekte überzeugend darstellen. Eine wirklich künstlerische Architektur wird gewiss nicht aussterben. Aber bei profanen Aufgaben, Wohnhäusern und Bürobauten etwa, wo hoher Innovationsdruck herrscht, werden Algorithmen mit Sicherheit massiv eingreifen.

EB: Trotzdem wird in der Architekturszene meist noch vorwiegend über das Für und Wider von BIM und dergleichen mehr diskutiert.

MS: Der Zug ist längst abgefahren. Mit der Digitalisierung verhält es sich wie mit dem Klimawandel: Sie kommt unaufhaltsam. Eigentlich ist sie schon längst im Gange. Das kann man verleugnen und ignorieren, dann hat man nur noch begrenzte Zukunftsperspektiven – oder man arbeitet damit und bereitet sich auf den Wandel vor.

Das Hochhaus zur Palme in Zürich. Wo sieht man am besten auf Bäume in der Umgebung? Bild © Archilyse
Verdrängungskampf

EB: Nun bist du selbst ausgebildeter Architekt – nehmen wir an, du hättest ein eigenes Büro, was wäre deine Strategie um dein wirtschaftliches Überleben für die Zukunft zu sichern?

MS: Das ist eine schwierige Frage. Es ist, als ob ich vor 120 Jahren einem Pferdezüchter angesichts des unwiderstehlichen Vormarsches des Automobils etwas raten sollte. Die Realität in der Baubranche ist eine ganz drastische: Es gibt Besteller und Hersteller. Dazwischen werden die Planer*innen allmählich aufgerieben. Sie büssen unaufhaltsam an Autorität ein. Jedes Mal, wenn Dir als Architekt*in ein Bauherr sagt, Du müsstest diese Tür verwenden oder jenes Produkt einsetzen, beweist das diesen Verlust an Einfluss. Dieser Prozess dauert nun schon fast zwei Jahrzehnte an. 

Wenn Architekt*innen sich einen Teil ihrer einstigen Macht zurück erkämpfen wollen, dann müssen sie sich einen neuen Platz in der Wertschöpfungskette erarbeiten und zusätzliche Aufgaben übernehmen. Was heisst das konkret? Sie könnten sich zum Beispiel in die Herstellung einmischen, indem sie den Herstellern direkt den G-Code für ihre CNC-Maschinen geben. Damit hätten sie ein Stück Terrain zurückgewonnen. Oder sie könnten die Bauunternehmer mit allerhand Zahlen und Daten versorgen und so ihren Einflussbereich vergrössern. Aber die Realität ist, dass Architekt*innen Expert*innen für Schönheit werden. Das ist tragisch! Architektur war einst die initiale Ingenieursdisziplin. Und jetzt? Die Architekturschaffenden haben sich verdrängen lassen. 

Europa auf dem Abstellgleis

EB: Der Digitalisierungen werden künftig massiv Jobs zum Opfer fallen – längst nicht nur in der Baubranche. Sorgst du dich um die Gesellschaft, deren Zusammenhalt und den sozialen Frieden?

MS: Es geht um Macht. Ich will ein historisches Beispiel geben: Als die ersten CNC-Maschinen aufkamen, waren die Arbeiter*innen in den Vereinigten Staaten oftmals noch gewerkschaftlich organisiert und bisweilen streiklustig. Die Akademiker*innen hingegen nicht. Die United States Air Force (USAF) hat in dieser Situation etliche der neuen und sündhaft teuren Maschinen an Schlüsselbetriebe verschenkt. Die white collar worker konnten diese Anlagen bedienen und gewannen rasch an Bedeutung und Einfluss. Viele Arbeiter*innen hingegen wurden überflüssig, und die Macht der Gewerkschaften war gebrochen. 

Heute stehen wir vor einer ähnlichen Situation. Und ich ängstige mich tatsächlich: Die grossen Digitalisierungskonzerne drängen in die Baubranche. Sie bauen nicht nur einzelne Häuser, sondern ganze Stadtteile. Google zum Beispiel verwirklicht in Toronto mit den Sidewalk Labs gerade ein eigenes Quartier. Facebook und Microsoft arbeiten an ähnlichen Projekten. Diese Firmen sind dabei Bauherrinnen, sie planen und konstruieren, sie sind quasi Generalunternehmerinnen. Im Fall der Sidewalk Labs, die weitgehend aus Holz gebaut werden, schreiben die Programmierer*innen von Alphabet sogar die Ablängprogramme. Es braucht nur noch Produzenten. Ein Grossteil der Baubranche ist damit schlagartig aussen vor. Diese bedrohliche Entwicklung wird in Kontinentaleuropa völlig verschlafen. Unsere gesellschaftliche Pflicht wäre eigentlich, ein Alternativszenario aufzuzeigen und dergleichen bei uns zu verhindern. Doch es geschieht nichts.

Momentan läuft ein Verdrängungswettbewerb. Dabei geht es nicht länger primär darum, Mitbewerber auszuschalten, sondern andere Akteure aus der Wertschöpfungskette zu verdrängen.

EB: Da du von der Notwendigkeit sprichst zu handeln: Auf eurer Webseite findet sich unter den gelisteten Kunden der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (SIA). Dieser hat jüngst mehrfach seinen Führungsanspruch in der Debatte um die Digitalisierung betont. Kannst du etwas zur Zusammenarbeit sagen?

MS: Schon zur Amtszeit Hans-Georg Bächtolds wurde auf Initiative des SIA-Präsidiums ein gemeinsames Pilotprojekt gestartet. Wir konnten dabei aufzeigen, dass man Normen recht einfach mittels Software schon in der Entwurfsphase berücksichtigen könnte. Architekt*innen könnten beim Zeichnen unmittelbar feststellen, ob diese erfüllt sind. Der SIA könnte sich dazu an einen BIM-Server andocken oder ein eigenes Portal aufbauen. So würden die Normen, die heute vorwiegend in Papierform existieren, wahrlich digitalisiert. Diese Idee kam gut an beim Präsidium und wurde unter Joris van Wezemael weiterverfolgt. Im jetzigen Vakuum aber ist unklar, wohin die Reise künftig gehen soll. Wir wissen nicht, wie der SIA weiter vorgehen möchte. Aktuell arbeiten wir an Anwendungen zur SIA 416.

Matthias Standfests breiter akademischer Hintergrund in Architektur, Maschinenbau und Philosophie mündete im Interesse für Künstlicher Intelligenz und Machine Learning in Bezug auf architektonische Entscheidungen. Mit seiner Doktorarbeit an der ETH Zürich legte er 2017 der Grundstein für Archilyse.

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