Architecture is a Human Right!

Elias Baumgarten
18. April 2019
Führung auf dem Zürcher Platzspitz. Bild: Architecture for Refugees SCHWEIZ

2015, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, wurde die Plattform «Architecture for Refugees» lanciert. Inzwischen denken die Initiatoren grösser und engagieren sich unter dem griffigen wie einprägsamen Motto «Architecture is a Human Right» für einen grundsätzlichen Wandel des gesellschaftlichen Klimas. World-Architects unterstützt sie dabei und bietet ihnen ein Forum. Mitbegründer Bence Komlósi hat mit uns über beide Projekte gesprochen.

  • «Architecture for Refugees» wurde 2015 auf die Schienen gebracht. Gestartet als Facebook-Seite hat sich auf architectureforrefugees.com mittlerweile eine multimediale Diskussionsplattform entwickelt.
  • Gesammelt werden dort Informationen über Problemstellungen und Lösungsansätze. Ziel ist es, einen fruchtbaren Diskurs anzuregen. Mittelfristig sollen aus diesem überzeugende Architekturprojekte erwachsen, die Integration voranbringen.
  • «Architecture is a Human Right“ hat grössere Ziele: Das gesamtgesellschaftliche Klima soll verändert werden. Eine Behausung zu haben sei ein Menschenrecht, so die Initiatoren. Sie docken sich damit bei Jorge Lobos an, der die Organisation «Emergency Architecture & Human Rights» (EAHR) leitet.
  • Bence Komlósi wirft der Architekturszene vor, zu passiv und bisweilen unkritisch zu sein. Er fordert Architekt*innen auf, politisch aktiv zu werden.

Flüchtlinge am Ostbahnhof von Budapest in 2015. Bild: Bence Komlósi
Diskursplattform aufbauen

Elias Baumgarten: Wie kamt Ihr dazu, «Architecture for Refugees» ins Leben zu rufen?

Bence Komlósi: Während der Hochphase der Flüchtlingskrise waren wir in Budapest am «Keleti», dem Ostbahnhof der Stadt. Das war unser erster Kontakt mit dem Thema. Das war in 2015. 2'000 bis 3'000 Leute waren dort im öffentlichen Raum gestrandet – nur mit Schlafsäcken, ohne Versorgung, ohne Nahrungsmittel, ohne Getränke. Das hat uns geprägt. Wir haben uns gefragt, was man unternehmen könnte. Ich meine, es ist recht leicht, Grundbedürfnisse zu befriedigen und Geld zu sammeln – nur ist das gewiss keine langfristige Lösung. Was aber können wir als Architekt*innen unternehmen? Wie kann Architektur die Situation mittel- bis langfristig verbessern? Zuerst haben wir einfach gegoogelt. Dabei fanden wir sofort jede Menge – Entschuldigung – dumme Shelter-Lösungen; ganz rudimentäre Ideen, die einfach ein Dach über dem Kopf bieten. Das hat nichts zu tun mit Integration, Inklusion und dem Organisieren eines guten Zusammenlebens.
Wir haben ferner auch realisiert, dass die Architekturschaffenden fast nicht über das Thema sprechen. Darum haben wir zunächst angefangen Material zu sammeln. Um es zu verteilen und verfügbar zu machen, haben wir zuerst eine Facebook-Seite erstellt und später unsere Webseite aufgeschaltet. Sie ist als eine Art Wikipedia zum Thema gedacht. Wir tragen dort alle Inhalte zusammen, die wir finden können – vom Essay bis hin zum konkreten Projekt.

Rennovation der Autonomen Schule Zürich. Bild: Architecture for Refugees SCHWEIZ

EB: Euer Fokus liegt also auf dem Diskurs?

BK: Erst einmal geht es darum, eine fruchtbare Debatte anzustossen und verschiedene Akteuer*innen in einen Austausch zu bringen. Es fehlt vielfach noch immer am Wissen um Problemstellungen und Bedürfnisse. Das wollen wir ändern. Dafür braucht es einen langen Atem. Zudem sind in den letzten Jahren schon einige interessante Projekte entstanden, die wir präsentieren und diskutieren. In nächster Zeit wird sich unser Fokus wohl allmählich vom theoretischen Diskurs und der Wissensvermehrung wie -vermittlung hin zur Debatte um gebaute oder auch umgenutzte Architektur verschieben. 
Was mir noch wichtig ist: Architekt*innen halten sich zu oft in ihrer kleinen Filterblase auf. Doch es bedarf hier eines interdisziplinären Diskurses, in den auch die Betroffenen eingebunden sind.

EB: Das klingt gut. Wie stimuliert ihr diesen Austausch über die Architekturszene hinaus konkret?

BK: Wir organisieren mit «Architecture for Refugees SCHWEIZ» zum Beispiel regelmässig Workshops. Immer sind diese gratis und stehen so allen offen. Dort haben wir Gäste aus verschiedenen Disziplinen und Bereichen – von Architektur bis Politik – und meist aus 15 oder mehr verschiedenen Ländern. Zudem haben wir in Zürich schon viele Stadtführungen aufgegleist. Da waren Flüchtlinge genauso dabei wie Architekt*innen und Student*innen, aber auch andere Bürger*innen. Wir besuchen dabei wichtige Orte wie den Hauptbahnhof, den Platzspitz oder auch die Pestalozzi-Bibliothek.

«Lüchtturm-Festival 2018» in Zürich. Bild: Architecture for Refugees SCHWEIZ

EB: Du hast vorher von «dummen Shelter-Lösungen» gesprochen. Doch wie geht es besser?

BK: Es braucht eine Art Social Engineering. Wir müssen achtgeben auf die Durchmischung unserer Häuser und Quartiere, wenn wir die Integration voranbringen wollen. Natürlich ist diese Erkenntnis mittlerweile nicht mehr neu. Aber es gibt noch zu wenige Projekte, die diese umsetzen. Hierzulande sind viele Unterkünfte abseits gelegen. Es gibt dort keine funktionierenden Nachbarschaften. Die Möglichkeiten zu Arbeiten oder diese Orte überhaupt zu verlassen sind aufgrund der gesetzlichen Vorgaben sehr limitiert. Den so wichtigen Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung gibt es kaum. Das zeigt auch: Architektur alleine kann die Probleme unmöglich lösen. Architekt*innen müssen aufhören, sich immerzu nur als Künstler*innen zu verstehen, die sich auf Fragen der Ästhetik zurückziehen. Vielmehr sollten sie als politischer Akteure auftreten. Viele von uns sind einfach zu passiv und auch zu unkritisch.
Zudem: Wir halten uns, das ist gut untersucht, zu etwa 20 Prozent unserer Zeit in unseren Wohnungen auf und zu 50 in Gemeinschaftsräumen – zum Beispiel am Arbeitsplatz oder im Café. Die restlichen 30 Prozent verbringen wir im öffentlichen Raum. Das heisst, wir müssen uns verstärkt auf Begegnungsräume ausserhalb der Wohnungen konzentrieren. Dies findet mit Fokus auf der Durchmischung, der Integration und der Inklusion noch zu wenig statt.

EB: Gibt es Unterstützung für «Architecture for Refugees»? Wer greift Euch unter die Arme?

BK: Wir arbeiten international, national und lokal. Die Situation ist dabei von Land zu Land unterschiedlich. In der Schweiz unterstützt uns zum Beispiel die Stadt Zürich. Hinzukommen einige kleine Stiftungen und Architekt*innen. Wir reden dabei von kleinen Summen. Wir könnten sicherlich mehr (finanzielle) Hilfe gebrauchen.

Führung durch die Pestalozzi-Bibliothek in Zürich. Bild: Architecture for Refugees SCHWEIZ
Grösser denken

EB: Neu baut Ihr die Plattform «Architecture is a Human Right» auf. Wie kam es dazu?

BK: Wir leben in einer Zeit, in der es viele drängende Probleme gibt. Dass eine grosse Zahl von Menschen auf der Flucht ist – weltweit fast 70 Millionen laut UNHCR – ist nur eines davon. Weitere grosse Themen sind der Klimawandel, die Ressourcenschonung und die Nachhaltigkeit sowie besonders auch der Mangel an Wohnraum. Wir müssen über die Verfassung der gesamten Gesellschaft sprechen. Es reicht nicht, nur nach der Unterbringung und Integration von Flüchtlingen zu fragen. Wir wollen langfristig nichts weniger als einen Teil dazu beitragen, das gesellschaftliche Klima zu verändern. Wir wünschen uns eine inklusive, egalitäre Gesellschaft.
Auch wenn in den letzten Jahren die Awareness grösser geworden ist, gerade für soziale Problemstellungen, und bereits einiges unternommen wurde, muss noch viel geschehen.

EB: Warum aber «Architecture is a Human Right»?

BK: Es gibt die Organisation «Emergency Architecture & Human Rights» in Dänemark. Sie wurde von Jørgen Taxholm gegründet. Ihr Leiter ist Jorge Lobos. Die beiden haben uns zu diesem Wahlspruch inspiriert. Wie zum Beispiel Bildung oder Sicherheit und sogar der Anschluss an eine Gemeinschaft, muss auch ein Zuhause zu haben ein Menschenrecht sein, das heisst für alle möglich. Ebenso ist der Zugang zu öffentlichen Räumen, Gemeinschaftsräumen, nach unserem Dafürhalten ein Menschenrecht. Und wir adressieren damit nicht bloss eine Gruppe von armen Menschen irgendwo weit weg – ungleichen Zugang zu Wohnraum gibt es auch hier in Mitteleuropa.
Übrigens vertreten wir damit keine neue Idee. Die ersten Bauten, die mit dem Anspruch entstanden, Wohnungen für die Arbeiterklasse zu schaffen, datieren zum Beispiel aus dem 19. Jahrhundert. Auch in den 1960er- und 1970er-Jahren wurde das Thema vielfach diskutiert und in utopischen Visionen verarbeitet. Und trotzdem hat es nichts von seiner Aktualität eingebüsst – im Gegenteil.

EB: Das klingt sehr idealistisch. Was unternehmt ihr konkret?

BK: Wir bespielen eine eigene Landingpage auf world-architects.com. Dort sammeln wir Inhalte und Ideen, Projekte und Essays. Zudem organisieren wir Talks live auf Facebook, in denen wir mit verschiedenen Architekt*innen konkrete Projekte besprechen.
Besonders wichtig ist mir, nachhaltige Bauten zu zeigen, Häuser und Anlagen, die basiert auf einer regionalen Wertschöpfungskette entstanden sind, mit lokalen Handwerkern, Materialien und Bautechniken für die Menschen, die am Bauplatz leben.

EB: Letzteres klingt nach erstaunlich konservativen Werten. Mir fällt jüngst vermehrt auf, dass in unserer Generation das Denken in festen politischen Lagern weniger ausgeprägt ist und Ideen daher nicht so schnell verworfen werden, nur weil man ihre Ursprünge im falschen vermutet.

BK: Ich verwende gerne den Begriff der «Balance», die es zu finden gilt. Natürlich kann was ich eben skizziert habe auch rasch in Richtung Einigelung, Isolation und sogar Nationalismus kippen. Das kann man aktuell leider in meiner Heimat Ungarn beobachten. Zugleich lässt sich jedoch mit dem Fokus auf die Lokalsituation sehr viel Positives erreichen. Es braucht einen offenen Diskussionsprozess. Patentrezepte gibt es nicht. 

Die Plattformen «Architecture is a Human Right», «Architecture for Refugees» und «Architecture for Refugees SCHWEIZ» können Sie mit Zusendungen vom konkreten Projekt bis hin zu Beiträgen in Textform unterstützen. Ausserdem können Sie die beiden letzteren auch auf Facebook finden. Debattieren Sie mit!

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