Architekturgrüsse aus Helsinki

Juho Nyberg
17. November 2022
Zur Feier des 100-jährigen Bestehens des finnischen Staates wurde die Bibliothek Oodi als Geschenk an die Bevölkerung und als modernes Zeichen der Identifikation gebaut. Mehr als andernorts gelten Architektur und Bildung in Finnland als hohe Güter. (Foto: Juho Nyberg)

Architektur prägt unseren Alltag und vermag darüber hinaus noch so manches mehr. Vielleicht auch aufgrund seiner geografisch etwas isolierten Lage hat Finnland in seiner vergleichsweise kurzen Geschichte als Nationalstaat die Architektur als etwas Identitätsstiftendes begriffen. So verstecken sich an älteren Bauten Figuren aus der Mythologie des Landes; die vier Laternen tragenden Muskelprotze an der Hauptfassade des Hauptbahnhofs von Helsinki warfen sich anlässlich der Hockey-WM (und natürlich des gewonnenen Titels) in Trikots der Nationalmannschaft. 

Eliel Saarinen (1873–1950) ist wohl der prägendste Architekt des Finnlands des frühen 20. Jahrhunderts, auch wenn er bereits 1923 in die Vereinigten Staaten emigrierte. Von ihm stammt der Bahnhof mit den Heldenfiguren. In den USA schuf sein Sohn Eero Saarinen (1910–1961) zahlreiche wichtige Gebäude, eines der bekanntesten ist das TWA-Terminal am Flughafen John F. Kennedy in New York.

Der Hauptbahnhof von Helsinki wurde von Eliel Saarinen gestaltet. Anlässlich der Hockey-WM wurden die Figuren an der Fassade ins Dress der finnischen Nationalmannschaft gekleidet. Wie dieses sympathische Beispiel zeigt, ist Architektur in Finnland ein wichtiger Bestandteil nationaler Identität. (Foto: Juho Nyberg)
Zwei Sagengestalten beim Eingang des Versicherungssitzes von Pohjola an der Aleksanterinkatu (Strasse in Helsinki); Bezüge zur Mythologie finden sich an vielen historischen Bauten der Stadt. (Foto: Juho Nyberg)
Alvar Aalto, Finnlands bekanntester Architekt, schuf den Campus der Technischen Universität

Als der finnische Architekt schlechthin darf bestimmt Alvar Aalto (1898–1976) genannt werden. Neben seinem Werk in Finnland verwirklichte er auch im nahen und fernen Ausland zahlreiche Bauten. Zudem sind viele seiner Möbel und Haushaltsgegenstände zu Klassikern gereift, die heute noch manche Wohnungseinrichtung ergänzen.

Der in den 1960er-Jahren erbaute Campus der Technischen Universität Helsinki wurde unter der Federführung Aaltos erstellt. Zahlreiche Bauten in Sichtbackstein nach seinen Entwürfen prägen das Areal, dessen Herzstück das formal an ein antikes Theater angelehnte Hauptgebäude darstellt. Die runde, abgestufte Form ist aussen wie innen deutlich erlebbar.

Mit der 2010 erfolgten Zusammenlegung dreier Universitäten wurde auch ein Namenswechsel zu Aalto University vollzogen – eine tiefe Verneigung vor dem grossen finnischen Architekten.

Das Hauptgebäude der von Alvar Aalto entworfenen Universität in Otaniemi bei Helsinki; heute trägt die Anlage seinen Namen. (Foto: Juho Nyberg)
Foto: Juho Nyberg
Der Vorlesungssaal im Inneren des Hauptgebäudes (Foto: Juho Nyberg)
Reima Pietiläs im Ausdruck grobe Bauten bilden einen Kontrast zu Aaltos Eleganz

Etwas abseits des Campus befindet sich das von Reima und Raili Pietilä (1923–1993 beziehungsweise 1926–2021) entworfene Dipoli-Gebäude. Der Architekturwettbewerb brachte einst keinen Sieger hervor, da keiner der Beiträge alle Anforderungen erfüllen konnte. Zwei Projekte wurden jedoch zur Überarbeitung ausgewählt. Schliesslich fiel der Entscheid zugunsten des Entwurfs von Pietilä. Das 1966 fertiggestellte Gebäude steht formal in starkem Gegensatz zu den eleganten Bauten Aaltos.

Mit den Materialien Kiefernholz, Kupfer und Stein prägen lokale, traditionelle Baustoffe den facettiert geformten Baukörper. Der Standort auf einer Kuppe des felsigen Hügels und sein grober Ausdruck gehen eine schöne Symbiose ein. Reima Pietilä selbst beschrieb das Gebäude wie folgt: «Nach der Sprengung des Hügels ergaben die zerbrochenen Steinhaufen ein erstes Bild, dem man mit der langsamen, kriechenden Bewegung der Struktur folgen konnte. Das metaphorische Bild der Reptilien: der silhouettierte Dinosaurier, der die rhythmische Konsistenz der Verlangsamung unterstreicht.»

Das 1966 vollendete Dipoli-Gebäude von Reima und Raili Pietilä steht architektonisch in deutlichem Kontrast zu den eleganten Bauten Aaltos. (Foto: Juho Nyberg)
Tapiola – eine Gartenstadt wächst und wächst

Rund eine Viertelstunde Fussmarsch vom Universitätscampus entfernt liegt die Gartenstadt Tapiola (Schwedisch: Hagalund). Der Name des Stadtteils von Espoo bezieht sich auf Tapio, den Gott des Waldes in der finnischen Mythologie.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Finnland mit grosser Wohnungsknappheit zu kämpfen. Um dieser Herr zu werden, entstanden verschiedenste Initiativen, darunter die Stiftung, die sich für die Entwicklung der Gartenstadt einsetzte. Für den Bau von Tapiola fanden Stiftungen und Vereine unterschiedlichster Lager zusammen: sowohl stark bürgerlich orientierte Organisationen mit teilweise sogar militärischem Hintergrund als auch Mieter- und Familienverbände. Ihr gemeinsames Ziel war es, einen Mikrokosmos der finnischen Gesellschaft zu schaffen. So wurden viele verschiedene Haustypen entwickelt und gebaut: Reiheneinfamilienhäuser stehen in Nachbarschaft zu Backsteinbauten mit Geschosswohnungen unterschiedlicher Grösse. Auch erste Wohnhochhäuser wie der elfgeschossige Mäntytorni (1954 fertiggestellt) wurden bereits in den 1950er-Jahren entworfen.

Der erste Baustein des Zentrums von Tapiola war der Büroturm Tapiotorni. In den 1960er-Jahren war der Bau aufgrund seiner Typologie sehr innovativ. (Foto: Juho Nyberg)

Das Zentrum der Gartenstadt wurde in mehreren Etappen erstellt. Als Mittelpunkt und Wahrzeichen entstand zunächst der 1961 fertiggestellte Tapiotorni. Am Fuss desselben wurde alsbald das erste moderne Einkaufszentrum Finnlands errichtet, der Heikintori. Die vergleichsweise flachen Gebäude und die breiten Gassen dazwischen liessen die Weite der Gartenstadt mit der Modernität der Shoppingcenter verschmelzen.

Die Einkaufsstrasse im Zentrum von Tapiola; hier entstand Finnlands erstes modernes Einkaufszentrum. (Foto: Juho Nyberg)

Die Entwicklung des Stadtteils geht bis heute stetig weiter. Einer der wichtigsten Bausteine ist das Kulturzentrum von Arto Sipinen (1936–2017) aus dem Jahr 1989. Neben der üblichen Bibliothek beherbergt der Bau auch eine Volkshochschule und die Musikakademie.

Tapiola ist über Jahrzehnte gewachsen: links der Tapiontorni (1961), rechts das Kulturzentrum (1989). (Foto: Juho Nyberg)
Oodi – eine Bibliothek wird zum Ort für alle, wirklich alle

Die Zugänglichkeit von Bildung wird in Finnland als hohes Gut angesehen. Davon zeugt die grosse Anzahl an Bibliotheken, die im ganzen Land selbst in kleinsten Ortschaften zu finden sind. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich Finnland zu seinem 100-Jahr-Jubiläum selbst ausgerechnet eine Bibliothek geschenkt hat.

Auf dem weitläufigen Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs von Helsinki sind seit dessen Aufhebung verschiedenste Gebäude entstanden. Die Entwicklung verlief in Etappen: Zu Beginn standen noch einige alte Güterschuppen neben Neubauten, doch mittlerweile ist das zentral gelegene Areal fertig entwickelt. Als letzter Baustein hat sich das Oodi dazugesellt. Offiziell als Zentralbibliothek bezeichnet, ist es weitaus mehr. Zunächst öffnet es an allen Tagen der Woche. Egal, wann man das schwungvoll gestaltete Gebäude betritt, es herrscht stets ein emsiges Treiben. Im Erdgeschoss finden sich neben dem Restaurant auch die vollautomatische Bücherausleihe und -rückgabe, ein EU-Infopoint, der Auskunft zu verschiedensten Themen gibt, sowie ein Kino.

Im mittleren Geschoss geht die Post erst richtig ab: Gratis buchbare Bürokojen werden von Student*innen genutzt, auf den mit Teppich überzogenen Stufen dösen ein paar Menschen neben Familien, die sich hier einen kleinen Imbiss genehmigen. Gleich nebenan sind Computerarbeitsplätze mit 3D-Druckern und Plottern eingerichtet, in einem verglasten Computerraum belegen Rentnergruppen Computerkurse. Ganze Familien drängen sich in die eigens dafür bereitgestellten Computerspielzimmer: Während die Kinder sich vor dem Bildschirm austoben, lümmelt der Vater auf dem Sofa und beschäftigt sich mit seinem Handy. Instrumente zum Ausleihen hängen wie in einem Museum an der Wand. Sie können in einem der Tonstudios eingesetzt werden, aus denen ab und an ein dumpfer Rhythmus nach aussen dringt.

Die eigentliche Bibliothek befindet sich in der obersten der drei Etagen. Das frei geschwungene Dach wird von einigen Oberlichtern durchdrungen, derweil die Glasfassade Ausblicke in alle Richtungen zulässt. Die Tektonik der Decke wird in einigen Bereichen vom Boden aufgenommen, so steigt eine Ecke des Geschosses an und man erklimmt im Gebäude eine höhere Position, von der aus sich die ganze Pracht der Bibliothek überblicken lässt. Auch hier ist die Vielfalt der Besucher*innen so gross wie das Angebot. Bücher in knapp zwanzig Sprachen, Zeitungen, Magazine, Musiknoten und Comics bieten für jeden etwas.

Das Bibliotheksgeschoss im Oodi (Foto: Juho Nyberg)
Starkes Gebäude mit Schwächen – Schwarmintelligenz erzwingt neuen Eingang

Das Geschenk ist von der finnischen Bevölkerung seit seiner Eröffnung sehr gut angenommen worden, die Angebote werden rege genutzt. Doch bei aller Euphorie und Freude: Kleine Verbesserungen an der Architektur sind in der noch kurzen Zeit seit der Fertigstellung bereits notwendig geworden. So hat sich gezeigt, dass die Besucherströme nicht über den Haupteingang fliessen, denn dieser ist zwar schön auf den grossen Platz orientiert, doch der Bahnhof und das Stadtzentrum liegen in Richtung der hinteren Ecke der Bibliothek. Das hatte zur Folge, dass ein Nebeneingang erweitert wurde und nun einen Grossteil der Besucher*innen empfängt – einfach, weil er dort liegt, wo er gebraucht wird.

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