Bauen im Bestand gewinnt

Susanna Koeberle
20. August 2020
Barbara Buser und Eric Honegger werden mit dem Prix Meret Oppenheim geehrt. (Foto: Mehdi Benkler)

Barbara Buser und Eric Honegger (baubüro in situ) gewinnen den Schweizer Grand Prix Kunst / Prix Meret Oppenheim 2020. Das Bundesamt für Kultur (BAK) ehrt damit die Arbeit zweier Architekturschaffender, die ein besonderes Verständnis ihrer Disziplin haben. Die beiden seien «Pioniere der Nachhaltigkeit», so das BAK. Susanna Koeberle hat sie zum Interview getroffen.

Susanna Koeberle: Ihr Büroname in situ leitet sich vom Wort Ort ab. Was bedeutet für Sie ein Ort? Geht es in Ihrer Praxis auch darum, Orte zu schaffen?

Barbara Buser: Das ist eine spannende Frage, auf die ich keine fertige Antwort parat habe. Ein Ort kann vieles sein. Bei uns geht es, wenn wir über Orte sprechen, meistens um Gebäude oder Areale. Die Idee von in situ ist, dass wir immer vor Ort und am Bestand arbeiten. Wir möchten die Hitze und die Kälte eines Ortes spüren. Das Allerwichtigste ist zu schauen, was es bereits vor Ort gibt und was wir daraus entwickeln können. 

Sie betonen auf Ihrer Website auch, dass Sie Bauten gemeinsam mit den Nutzer*innen entwickeln. Wie verstehen Sie die Rolle der Zivilgesellschaft in der Architektur?

BB: Diese Rolle ist immer unbedeutender geworden. Es gab früher mehr vernakuläre Architektur, heute wird vor allem für die Rendite gebaut. Architekt*innen gehen jeweils von Musterbewohner*innen aus und machen für die einen zu wenig und für die anderen zu viel. 

Eric Honegger: Früher bauten die Leute für sich selber – mit oder ohne Architekt*in. Da wusste man, welche Bedürfnisse man hat und und was man sich leisten kann. Das ist heute anders. Die Bauherrschaft bewohnt im Normalfall ihre Gebäude nicht mehr und denkt vor allem an ihre Investition und an die Mieter*innen. Da finden ganz andere Bedürfnisse Eingang in die Bestellung, die nicht das Wohlsein der Bewohner*innen oder die Art des Bauens berücksichtigen.

Sie pflegen demgegenüber eher ein kollaboratives Konzept von Architektur.

BB: Ja, wir sind überzeugt, dass dies nachhaltiger ist. Das war hier im Gundeldinger Feld, das wir mit unserem Büro entwickelt haben, auch der Fall. Wenn die Leute mitreden können, dann bleiben sie auch. In der Schweiz haben wir das Problem, dass 70 Prozent der Menschen Mieter*innen sind. Sie können nicht mitbestimmen und müssen sich dem allgemeinen Geschmack fügen. In anderen Ländern besitzen die Leute am Ende ihres Arbeitslebens ihr Haus oder ihre Wohnung, was auch eine Absicherung für das Alter ist. 

EH: Bei vielen Projekten planen wir mit den Nutzer*innen, nicht zwingend mit den Eigentümern. Wir planen und gestalten häufig erst, wenn die zukünftigen Mieter*innen schon da sind. Das ist gerade im Gewerbebereich gut möglich und erfolgversprechend. 

Bei der Entwicklung des Gundeldinger Feldes waren die Nutzer*innen in den Planungsprozess eingebunden. (Foto: Martin Zeller)

Was bedeutet das für den Entwurfsprozess und die Planung?

BB: Dass man gut zuhören und sich genug Zeit nehmen muss. Wir müssen auch zurückstecken können bezüglich unserer Ideen. Wir Architekt*innen sind für die äussere Gestalt verantwortlich oder dafür, wie ein Haus im Gelände liegt, aber innen sollen die Leute selber entscheiden können, wie es aussieht.

EH: Ja, die Bewohner*innen sind schliesslich die Expert*innen ihrer Nutzung. Und wenn sie das nicht genau formulieren können, leisten wir Übersetzungsarbeit. Wir hatten zum Beispiel einen Fall, wo jemand sagte, er brauche eine neue Küche. Im Gespräch stellte sich heraus, dass das Problem woanders lag und wir es ganz einfach lösen konnten. Wir haben dann einen neuen Zugang zum Garten gebaut, die alte Küche konnte stehen bleiben. Die Nähe zu den Nutzer*innen ist für uns zentral. 

BB: Wir hatten gerade heute auf der Baustelle unseres Projekts «K 118» in Winterthur so eine Diskussion. Wir haben dann beschlossen, so wenig wie möglich zu machen, damit die Mieter*innen später – etwa die Farbe der Wände – selber entscheiden können. Es gibt einen Rohbau und wir stellen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. Das kann die Leute manchmal natürlich auch überfordern.

Inwiefern hängt dieses Vorgehen mit dem Umstand zusammen, dass Sie beide in Afrika gelebt und gearbeitet haben? Was haben Sie dort gelernt?

BB: Dass wir hier auf sehr hohem Niveau leben und jammern. Bevor ich ein zweites Mal nach Afrika ging, habe ich gemerkt, dass ich mich nicht mehr mit unwichtigen Details abgeben möchte. Ich fand, es gibt Wichtigeres zu tun. Ich habe auch gelernt, dass die wahnsinnige Qualität, mit der wir in der Schweiz bauen, gar nicht immer nötig ist. In Afrika musste ich Prioritäten setzen: Muss es gut aussehen, oder soll ich die löcherigen Moskitonetze auswechseln, damit die Leute nicht an Malaria erkranken? Da gehen einem schon die Augen auf. Man merkt, was wirklich wichtig ist im Leben und was nur Show.

EH: Ich habe aus dieser Erfahrung noch etwas anderes mitgenommen. Man kommt in eine Situation, in der man nichts kennt, weder das Land, die Kultur noch die Bauweise. Deswegen muss man bereit sein, gut zuzuhören und offen für unübliche Ideen zu sein, bevor man mit dem Bauen beginnt. Und man muss das wenige Geld, das man zur Verfügung hat, effizient einsetzen. Dafür muss man zuerst die Ressourcen ausfindig machen, die einem zur Verfügung stehen: Welches Baumaterial ist vorhanden? Was können die Leute? Ich habe auch gelernt, dass es für jedes Problem verschiedene Lösungen gibt. Hier in der Schweiz verfolge ich eigentlich genau den gleichen Approach, nur sind die Antworten andere. 

Beim Projekt «K 118» beträgt der Anteil wiederverwendeter Bauteile 80 Prozent. (Foto: Martin Zeller)

Ein zentrales Anliegen von in situ ist die Wiederverwendung von Materialien. Sie machen das schon lange. Was war damals ausschlaggebend dafür?

BB: Auch diesbezüglich spielt meine Erfahrung aus Afrika eine Rolle. Ich konnte es nicht mehr ertragen, zu sehen, was für hochwertige Materialien hierzulande weggeworfen werden, für die man in Afrika dankbar wäre. Deswegen habe ich 1995 kurz nach der Immobilienkrise die Bauteilbörse gegründet. Uns kommt es immer entgegen, wenn nicht mehr so viel Geld da ist. Viele Baumaterialien haben einen grossen ökologischen Fussabdruck. Umso mehr sollte man diese Baustoffe auch wiederverwenden, statt sie zu entsorgen, fanden wir. Zu den Hochzeiten der Bauteilbörse gab es 16 Standorte in der Schweiz, die vor allem Arbeitslose beschäftigten. Es fehlte damals aber in der Schweizer Architektur die Akzeptanz für die Innovation dieses Vorgehens. 
Vor drei, vier Jahren merkten wir allerdings, dass in Europa rund um die Schweiz junge Büros entstanden sind, die auch mit alten Bauteilen arbeiten. Wir wollten mit der Idee der Bauteilbörse einen Schritt weitergehen und haben uns zum Ziel gesetzt, ein ganzes Gebäude aus wiederverwendeten Materialien zu realisieren. Bei einem unserer aktuellen Projekte, dem «K118» in Winterthur, sind wir bei 80 Prozent wiederverwendeten Bauteilen angelangt. Dass es nicht 100 Prozent sind, hängt mit der Vorgabe zusammen, dass das Projekt nicht mehr kosten darf als ein gleichwertiger Neubau.

EH: Als wir unser Büro gründeten, stand genau wegen der Materialfrage und der grauen Energie das Thema Bauen im Bestand im Vordergrund. Der Idealfall ist für uns, das Gebäude möglichst so zu erhalten, wie es ist – das haben wir in den meisten Fällen auch geschafft. Marketingtechnisch ist unser Beitrag nicht immer einfach zu vermitteln, vor allem dann, wenn die Vorher-Nachher-Fotos fast gleich aussehen. Unser Ansatz ist, die Geschichte eines Baus weiterzuerzählen. Das macht auch die Aneignung durch die Nutzer*innen einfacher.

Das Thema Energie war in der Architektur lange tabu. Das sieht man auch daran, dass Solarenergie immer noch mit einer gewissen Skepsis behandelt wird. Warum ist das so?

BB: Die meisten Architekt*innen verstehen sich eben als Künstler*innen. Solarzellen auf einem Dach oder schlimmer noch an eine Fassade anbringen zu müssen, sehen sie als Einschränkung ihrer künstlerischen Freiheit. Auch wenn man ein Haus stehen lassen muss – etwa aufgrund eines Entscheids der Denkmalpflege –, empfinden das viele noch als einengend. 

EH: Gehen wir nochmals zurück zu den vernakulären Bauten: Dort findet man meist perfekte Lösungen, was Material und Energie betrifft. Heute ist die Aufgabe der Architekt*innen beschränkter. Spezialthemen wie die Energiefrage werden meist an Fachplaner*innen delegiert. Alle lösen jeweils Einzelaspekte, das finde ich problematisch. Architekt*innen haben nicht mehr den gesamten Planungsprozess im Griff.

Solaranlage am Kohlesilo in Basel (Foto: Martin Zeller)

Aber durch die Klimakrise haben diese Themen doch an Dringlichkeit gewonnen.

EH: Das Thema Klima ist vielleicht gesellschaftlich akzeptiert, aber im Alltag verliert sich das leider. Wenn es darum geht, wirklich etwas zu unternehmen, geschieht wenig. Viele Menschen fahren zum Beispiel weiter sehr viel mit dem Auto, obwohl sie eigentlich wissen, dass das falsch ist.

BB: Auch bei der Energiefrage spielt die Tatsache eine Rolle, dass Mieter*innen keinen Einfluss haben. Dem Eigentümer einer Mietwohnung ist es nicht so wichtig, wie sein Haus geheizt wird, denn die Mieter*innen übernehmen ja die Kosten für den Betrieb. Und weil Solarstrom am Anfang teurer ist, wird ein gewöhnlicher Investor da nicht aktiv. Zum Glück gibt es ein paar Gesetze, die das Schlimmste verhindern. 

EH: Man kann heute immerhin zwischen verschiedenen Lösungen wählen, das finde ich wichtig.

Wie schaffen Sie es, Ihre Bauherr*innen für solche Themen zu sensibilisieren?

EH: Barbara ist eher die Politikerin und gut im Öffentlichkeitsdiskurs. Wir versuchen, durch gute Beispiele zu überzeugen und umzusetzen, woran wir glauben.

BB: Man muss die Leute begeistern können. Natürlich kommen viele zu uns, die schon ein Bewusstsein dafür haben, Kritiker*innen bleiben in situ vielleicht gleich fern.

Umnutzung Lysbüchelareal in Basel (Foto: Martin Zeller)

Was wird diesbezüglich hierzulande in der Architekturausbildung getan?

BB: Die Universität Liechtenstein hat einen Lehrstuhl für Re-use und Up-cycling geschaffen. Auch ein Professor an der EPF Lausanne beschäftigt sich mit Wiederverwendung. Doch es ist alles am Anfang. Wir selber bekommen zurzeit viele Anfragen für Vorträge oder Semesterkritiken, das zeigt ein Umdenken.

Nehmen wir ein aktuelles Projekt: Wo liegen die Schwierigkeiten in der Kommunikation?

BB: Bei «K 118» haben die Behörden sehr gut mitgespielt. Die Bauherrschaft, die Stiftung Abendrot, hat, wie schon angedeutet, eine harte Bedingung gestellt: Das Ganze dürfe nicht teurer sein als ein entsprechender Neubau. Doch sie hat zugleich viel Mut bewiesen, das muss man ihr hoch anrechnen.

EH: «K 118» ist eindeutig ein Experiment. Dort wo das nicht der Fall ist, wird es schwieriger, unsere Praxis zu erklären und durchzusetzen. Bauherrschaften sind nicht immer bereit, zu diskutieren. Doch erst im Gespräch kann man die Sinnfrage stellen und wirklich effizient entscheiden. Wenn man ein Gebäude überlädt mit Anforderungen, dann steigt auch der Preis. Solche Themen empfinde ich generell als die grösste Schwierigkeit. Und es kostet Nerven.

«K 118» sei ein Experiment, sagt Eric Honegger. (Foto: Martin Zeller)

Sie entwerfen auch Konzepte für Zwischennutzungen. Wo sehen Sie dort Chancen?

EH: Zwischennutzungen sind gerade bei Arealentwicklungen sinnvoll. Finden schon vor dem Baubeginn Nutzungen statt, schafft das schrittweise eine Vertrautheit und die Möglichkeit einer kollektiven Aneignung. Mit solchen Pioniernutzungen kann man vieles überprüfen und ausprobieren. Es ist ein Planungsinstrument. In der klassischen Arealentwicklung stehen Gebäude nach dem Kauf lange leer, man verliert viele Jahre. Bei Abbruch und Neubau zieht sich dieser Prozess sogar noch länger. Bis ein Neubau Patina ansetzt und zu leben beginnt, vergehen zehn bis zwanzig Jahre.

BB: Mit der Zwischennutzung versuchen wir auch, eine Adresse zu schaffen. 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

BB: Dass man bei jedem Bauprojekt prüft, ob ein Abbruch überhaupt nötig ist oder ob man aus dem bestehenden Gebäude noch etwas machen kann. Und dass man bei jedem Neubau 10 bis 20 Prozent alte Bauteile verwendet. Ich bin überzeugt, dass das die Fantasie anregt. Wir sollten das als Ressource sehen, was wir schon haben, und nicht noch mehr Abfall produzieren.

EH: Dass man mit weniger zufrieden ist. Und nicht immer in den Kategorien grösser, schneller, schöner oder teurer denkt. Das bedeutet nicht unbedingt Verzicht. Aber vielleicht muss man halt bei minus zwanzig Grad draussen auch drinnen einen Pullover anziehen. 

Barbara Buser ist diplomierte Architektin mit NDS Energie. Nach Einsätzen in der Schweizerischen Technischen Zusammenarbeit im Sudan und in Tansania gründet sie 1995 den Verein Bauteilbörse Basel sowie den Dachverband Bauteilnetz Schweiz. 1996 lanciert sie mit Max Honegger die denkstatt sàrl, die sich als Think Tank auf Projektentwicklungen im urbanen wie ländlichen Kontext spezialisiert. 1998 entsteht aus der Zusammenarbeit mit dem Architekten Eric Honegger das baubüro Mitte für die Umnutzung der ehemaligen Volksbank zum Unternehmen Mitte in Basel. Heute beschäftigt das daraus hervorgegangene baubüro in situ rund 60 Mitarbeiter*innen. 2017 wird sie in die Stadtbildkommission Basel berufen. Sie gründet die Predigerhof AG und die Klara13 AG mit. 2018 erhält sie den Prix cültür und den Bebbi Prys in Basel.
 
Barbara Buser und Eric Honegger sind Mitbegründer des Gundeldinger Felds und der Kantensprung AG, welche seit 2000 die ehemalige Maschinenfabrik in Basel umnutzt. Sie gründen auch die Kantensprung Stiftung zur Förderung von urbanen Transformationen (2014), die unterdessen gmbh für Zwischennutzungen aller Arten von Liegenschaften sowie die Genossenschaft wohnen & mehr für die Umnutzung des Felix-Platter-Areals in Basel. 

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