«Denken mit den Händen» – das Museum für Gestaltung widmet Willy Guhl eine grosse Werkschau

Evelyn Steiner
19. Dezember 2022
Willy Guhl, Blumenkistchen, 1954, Designsammlung, Museum für Gestaltung Zürich (Foto: Fachklasse für Fotografie © ZHdK)

Rund 40 Jahre nach der letzten Werkschau widmet das Museum für Gestaltung in Zürich dem Schweizer Designpionier Willy Guhl (1915–2004) erneut eine Ausstellung: «Willy Guhl – Denken mit den Händen» fokussiert auf seinen ganzheitlichen und multisensorischen Designansatz, der auf dem direkten Ausprobieren im Material und dem Entwerfen im Machen basierte. Darüber hinaus verdeutlicht die Schau seinen prägenden Einfluss auf Generationen von Schweizer Designer*innen und bietet einen Streifzug durch verschiedene Designepochen: von der Hochblüte der «guten Form» in den 1950er-Jahren über den Nonkonformismus der 1970er- bis hin zur boomenden Designindustrie der 1980er-Jahre.

Luftig wirkt die grosse Halle an der Ausstellungstrasse: Die Kuratorin Renate Menzi verzichtet darauf, Guhls wegweisendes Möbel- und Produktdesign chronologisch und möglichst umfassend zu präsentieren. Stattdessen lässt sie seinem Werk viel Raum, um sich zu entfalten, und konzentriert sich auf zehn wichtige Bereiche seines Schaffens: Die in unterschiedlichen Farbtönen zusammen mit dem Designer Sebastian Marbacher gestalteten Kapitel veranschaulichen anhand von Plänen, Prototypen, Fotografien und Modellen nicht nur Guhls Entwürfe und Inspirationsquellen, sondern insbesondere auch seine Lehre.

Blick in die Ausstellung «Willy Guhl – Denken mit den Händen», die das Museum für Gestaltung noch bis zum 26. März 2023 zeigt. (Foto: Susanne Völlm © ZHdK)
Foto: Susanne Völlm © ZHdK

Die Schau setzt denn auch ein mit seiner Lehrtätigkeit an der Kunstgewerbeschule Zürich. Nach einer Lehre als Möbelschreiner und dem Besuch der Fachklasse für Innenausbau bei Wilhelm Kienzle von 1951 bis 1980 leitete er hier die Fachklasse für Innenausbau, die später unter seiner Ägide zu «Innenarchitektur und Produktgestaltung» erweitert wurde. Er prägte dadurch den ersten Schweizer Ausbildungsgang für Produktdesign und bildete neben seiner eigenen Designpraxis rund 300 Schüler*innen aus. Robert Haussmann und weitere Absolvent*innen der Fachklasse erzählen im ersten Kapitel «Geschichten» in gefilmten Interviews, wie Guhl keine fertigen Lösungen vermittelte, sondern mögliche Wege aufzeigte. Passend dazu vereint «Modelle» Möbel- und Innenraumentwürfe, die seine Schüler*innen in Modellform präsentieren und diskutieren mussten. Besonders eindrücklich ist das Modell eines zweigeschossigen Ateliers für die Zürcher Viaduktbögen von Silvio Schmed (1977). Bereits ab 1960 wurden in Guhls Klasse aber auch Produkte für die Industrie entworfen, von der Zahnbürste bis zum Fahrzeug.

Willy Guhl während des Unterrichts im Jahr 1951 (Foto © Erben von Willy Guhl)
Willy Guhl formt mit Robert Haussmann und Werkstattleiter A. Noser ein Pflanzgefäss. Diese Aufnahme aus der Designsammlung des Museums für Gestaltung Zürich entstand im Jahr 1952. (Foto: Archiv Eternit AG)

Der Einfluss Guhls auf die Schweizer Designkultur der Nachkriegszeit steht auch in «Produkte» im Zentrum. Hier können Besucher*innen die Gebrauchsgegenstände seiner ehemaligen Schüler*innen entdecken, die Eingang in die Massenproduktion gefunden haben – darunter beispielsweise der Rey-Stuhl von Bruno Rey (1971) oder der Wäschekorb «Fixit» von Walter Allemann (1978). In diesen Produkten verdichtet sich eine ganze Reihe von Ansätzen, die das Schaffen von Guhl auszeichnen: Sie sind nicht nur von hoher gestalterischer Qualität, in ihnen erfüllt sich auch sein Anspruch, neben funktionalen auch formalästhetische wie fertigungstechnische Aspekte zu berücksichtigen und neue Materialien intelligent einzusetzen. Dies widerspiegelt auch der Bereich «Materialien», dessen Mittelpunkt sein berühmter Strandstuhl für die Firma Eternit (1954) bildet. Diese Designikone aus Faserzement steht darüber hinaus für die erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Industrie, die Guhl immer wieder einging. Mit der Firma Eternit begann die Kollaboration bereits 1952: Für das Unternehmen entwickelte er mit seiner Klasse neue Pflanzgefässe, die beispielhaft das Potenzial des plastisch verformbaren Materials veranschaulichten.

Mit der grossen Werkschau wird auf eine chronologische Darstellung des Schaffens Guhls verzichtet. Stattdessen erhalten seine Arbeiten viel Raum. Die Ausstellung ist in zehn thematische Kapitel gegliedert. (Foto: Susanne Völlm © ZHdK)
Die Besucher*innen können auch selbst Hand anlegen und beispielsweise flechten oder knüpfen. Denn für Willy Guhl war das Taktile von grosser Bedeutung. (Foto: Susanne Völlm © ZHdK)
Willy Guhl, Strandstuhl, 1954, Eternit AG, Designsammlung, Museum für Gestaltung Zürich (Foto: U. Romito und I. Šuta, Museum für Gestaltung Zürich / ZHdK © Erben von Willy Guhl)
Willy Guhl, Gartenstuhl, 1948, Designsammlung, Museum für Gestaltung Zürich (Foto: U. Romito und I. Šuta, Museum für Gestaltung Zürich / ZHdK © Erben von Willy Guhl)

Wie Guhl unter Berücksichtigung anatomischer Bedingungen mit neuen Sitzformen experimentierte, zeigt der grösste Ausstellungsbereich «Sitzstudien»: 1948 reichte er zusammen mit seinem Bruder für den vom Museum of Modern Art ausgeschriebenen Wettbewerb «International Competition for Low-Cost Furniture Design» neuartige Sitzschalen ein, deren Form sie aus menschlichen Körperabdrücken ermittelten. Die aus den Studien resultierenden Sitzmodelle aus Gips dienten als Grundlage für weitere Stuhlentwürfe aus unterschiedlichen Materialien, zu sehen ist beispielsweise ein Prototyp eines Gartenstuhls mit einer Sitzmulde aus konzentrischen Drahtringen (1948). Die ursprüngliche Idee, eine zweifach gewölbte Schale aus Kunststoff seriell herzustellen, konnte jedoch erst 1951 in Zusammenarbeit mit der Firma Scott Bader realisiert werden. So gelang es Guhl – zeitgleich mit Charles Eames in den USA – den ersten Kunststoffschalenstuhl Europas zu produzieren. 

Sitzmöbel stehen auch in «Produktdesign» im Zentrum: Hier ist die ganze Bandbreite seines Schaffens für industrielle Hersteller wie beispielsweise die Dietiker AG präsentiert. Für die Firma entwarf er unter anderem den Esszimmerstuhl «Modell 3100» (1959), ein Zargenstuhl mit eingeleimtem Jonc-Geflecht. Besonders sehenswert sind die von Guhl mit Pinsel und Farbe geschaffenen Darstellungen der Stühle im Massstab 1:1: Sie verdeutlichten, wie Guhl die Erscheinung neben der Zweckerfüllung gleichwertig behandelte. Überraschenderweise ist hier auch ein Mähgerät präsentiert: Für das auf landwirtschaftliche Maschinen spezialisierte Unternehmen Aebi wirkte Guhl als Berater und Designer.

Willy Guhl, Stuhlentwurf für die Dietiker AG, um 1963, Designsammlung, Museum für Gestaltung Zürich © Erben von Willy Guhl
Willy Guhl, Entwurfszeichnung, Aebi Terratrac TT33, um 1978, Designsammlung, Museum für Gestaltung Zürich © Erben von Willy Guhl

Fast zum Schluss führt einen der Bereich «Möbel» zu Guhls Anfängen: Er zeichnete unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges Notmobiliar, entwickelte zerlegbare Paketmöbel und setzte kostengünstige Materialien wie Hartfaserplatten ein. Besonders eindrücklich ist der angrenzende Part «Vorbilder», der Einblick in Guhls umfassende Sammlung von Objekten und Bildern gibt. Er fotografierte kontinuierlich Objekte und Räume wie etwa verschiedene Strandhäuser, Spielplatzelemente oder Stadtmobiliar. Sein umfangreiches Bildarchiv widerspiegelt in besonderem Masse sein Interesse an der Nutzung des öffentlichen Raumes und den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen. 

Guhls Designdenken kann in der Ausstellung ganz in seinem Sinne auch taktil erlebt werden: In «Denken» sind die Besucher*innen aufgefordert, selbst Hand anzulegen und die eigenen Hände beim Flechten, Knüpfen oder Knoten via Videoprojektion beim Denken zu betrachten. In eine ähnliche Richtung geht «Spielen»: Guhls Klasse entwarf für den Basar der Kunstgewerbeschule regelmässig Spielzeug wie Puzzles, Spielfiguren oder Geschicklichkeitsspiele. Auch in der aktuellen Lehre wie beispielsweise im Studiengang Product Design der ECAL steht die Vermittlung der verschiedenen Etappen bei der Produktentwicklung vom Konzept bis zur Verpackung im Zentrum. Entsprechend ergänzen neu entworfene Holzspiele von Lausanner Studierenden die älteren Arbeiten, die vor Ort ausprobiert werden können.

Insbesondere auch dank dieser Hands-on-Bereiche illustriert die Schau überzeugend, wie wichtig für Guhl das «Denken mit den Händen» war. Die Ausstellung zeigt gleichzeitig auf, wie er seinen Werten treu blieb und doch stets offen für die sich wandelnden Herausforderungen seiner Zeit war. Renate Menzi bemerkt in der Einleitung des umfangreichen und lesenswerten Begleitkatalogs der Ausstellung treffend, dass Guhl in der postindustriellen Zeit wieder zum Vorbild werden kann, wenn es darum geht, selbst Hand anzulegen: Guhls Prinzipien der Einfachheit, Sparsamkeit und Nachhaltigkeit entsprechen auch aktuellen Tendenzen wie beispielsweise Design for All, Critical Design oder dem Denken in Kreisläufen.

Willy Guhl – Denken mit den Händen

Willy Guhl – Denken mit den Händen
Museum für Gestaltung Zürich / Renate Menzi (Hrsg.)

225 x 280 Millimeter
304 Seiten
992 Illustrationen
Gebunden
ISBN 9783037787144
Lars Müller Publishers
Dieses Buch kaufen

Andere Artikel in dieser Kategorie