Design für den Untergrund

Susanna Koeberle
9. Dezember 2021
Visualisierung der neuen Identität der Linie M3 in Lausanne (Foto Modellbild: la-clique)

Der Plan einer dritten Metrolinie in Lausanne nimmt Gestalt an. Im Oktober wurde das Design der sieben Stationen vorgestellt. Für die Identität der neuen Linie M3 zeichnet das Westschweizer Kollektiv la-clique verantwortlich. 

Lausanne besitzt als einzige Schweizer Stadt eine Metrolinie, was der mittelgrossen Ortschaft beinahe etwas Grossstädtisches verleiht. Die Westschweizer Stadt hat eine ganz besondere Topographie, die durch die Hanglage und den See charakterisiert ist. Durch den Bau von Brücken Ende des 19. Jahrhunderts erfuhrt Lausanne einen wichtigen Entwicklungsschub. Die Brückenbauten verbanden bisher disparate Stadtteile und trugen zur Bildung einer zusammenhängenden Stadt bei. Die geplante dritte Metrolinie, die gänzlich unterirdisch verlaufen soll, verbindet das Museumszentrum Plateforme 10 mit dem neuen Stadion La Tuilière. Dort soll in den nächsten Jahren ein neuer Stadtteil entstehen. Um der neuen Linie eine einheitliche Identität zu verleihen und sie in der Stadt zu verankern, greift das Kollektiv la-clique auf einfache und stabile Materialien zurück, die vertraut sind. Dennoch wirkt der Entwurf durchaus unkonventionell und eigenständig. Einen roten Faden bildet das Thema Kacheln. Im Kontext von Untergrundbahnen durchaus bekannt, verwenden die Gestalter*innen das Material und seine Textur auf ungewöhnliche Weise und schaffen damit Orte, die Erkennbarkeit und Originalität vereinen. 

Das Projekt umfasst neben den architektonischen Komponenten auch die gesamte Signaletik, das Mobiliar, die Beleuchtung sowie akustische Interventionen. Diese unterschiedlichen Bereiche erfordern eine ganze Toolbox an Kompetenzen, was das Kollektiv zu stets wechselnden Formen der Kollaboration veranlasst. Nicht nur die Zusammensetzung des interdisziplinären Kollektivs ändert sich fortwährend, auch die Lokalität ist nicht fix. Während der Pandemie hätten sie nochmals gelernt, anders zu arbeiten, erzählen zwei Mitglieder des mehrköpfigen Teams bei unserem Besuch in der Werkerei in Schwamendingen. Intensive gemeinsame Workshops vor Ort wechselten sich mit virtuellen Konferenzformen ab. Das allein ist allerdings kein unbekanntes Prozedere.

Das Kernteam des M3-Projekts besteht aus Axel Chevroulet, Julien Mercier, Jonas Meylan, Marie Page, Gabrielle Rossier und Johanne Roten. (Foto: Jean-Bernard Sieber)

Nichtsdestotrotz ist die Arbeitsweise des Kollektivs bemerkenswert und verdient eine separate Bemerkung. Die Arbeitsgemeinschaft besteht aus verschiedenen Berufsgruppen und ist an neuen Formen der Kollaboration interessiert. Die Mitglieder bilden eine unabhängige und unkommerzielle Plattform, die gemeinsam an Projekten unterschiedlicher Massstäblichkeit arbeitet. Für das Konzept der Metrolinie M3 etwa zeichnet ein sechsköpfiges Team bestehend aus Axel Chevroulet, Julien Mercier, Jonas Meylan, Marie Page, Gabrielle Rossier und Johanne Roten verantwortlich, doch die Zusammenarbeit mit Spezialist*innen aus unterschiedlichen Bereichen ist zentral. Ein prägendes Element des M3-Projekts etwa ist Keramik. Diese kam ins Spiel, weil ein Teil des Teams das Atelier mit zwei Keramiker*innen teilt. Gemeinsam mit Valérie Alonso und Michèle Rochat entstand so die Idee, handwerklich Gefertigtes in den Entwurf zu integrieren. Die Spannung zwischen Industrie und Handwerk findet sich etwa in den gepressten Keramikkacheln, die eine Art Modul bilden. Dieses lässt sich auf verschiedenen Ebenen durchdeklinieren. Mit dem einfachen, abgerundeten Linienmuster lassen sich beim Verlegen unterschiedliche Bilder schaffen – darunter auch Schriftbilder. Die Farben der Kacheln (sowohl beim Ton als auch bei der Glasur) variieren je nach Station und tragen damit zur Erkennbarkeit und Identität der unterschiedlichen Haltestellen bei. Der gezielte Einsatz der Farbe bildet für die Nutzer*innen eine zusätzliche Form der Orientierung. Die etwas kleineren emaillierten Kacheln formen ikonische Wandfresken oder kommen beim Mobiliar zum Einsatz. Die schillernde Farbigkeit schafft eine lebendige Atmosphäre. Geplant sind diesbezüglich auch weitere Kollaborationen mit lokalen Künstler*innen.

Die gepressten farbigen Keramikkacheln haben etwas Rohes und Haptisches. (Visualisierung: la-clique)

Die Stärke des Vorschlags von la-clique liegt in der Kombination von ornamentalen und gradlinigen gestalterischen Komponenten. Das Design wirkt helvetisch in seiner Reduktion und besitzt dennoch eine fast mediterrane Ausstrahlung. Das liegt auch an der Diversität des Materialkanons sowie an der spielerischen und sinnlichen Interpretation einzelner Elemente. Neben der Keramik verwendet das Kollektiv auch die beiden Werkstoffe Metall und Glas. Ein runder Handlauf aus Stahl durchzieht die Stationen; daran werden gebogene Blechteile befestigt. Sie bilden eine Familie von schlichtem Mobiliar, das zugleich robust ist. Auch die Beleuchtung wird an diesem Rohr angebracht. Nicht zuletzt sei an dieser Stelle auch die Signaletik erwähnt, der besonders in Metrostationen eine wichtige Rolle zukommt. Die signaletischen Elemente, die zur direkten Orientierung dienen, werden in Schwarz-Weiss gehalten. Die Materialisierung der Träger variiert je nach Typ der Signaletik: Es gibt eher funktionelle Schrifttypen, aber auch ornamentale Elemente. Das Gesamtkonzept kann für die Schweiz durchaus als Pionierleistung gelten, denn es schafft hierzulande eine ganz neue Typologie von Design und Architektur für den öffentlichen Raum.

Das Konzept ist bestens dokumentiert. Die Publikation lässt sich herunterladen. (Foto: Calypso Mahieu)

Eine Metrostation ist kein Museum, sondern sollte in erster Linie eine einfache Handhabung garantieren. Dennoch zeigen internationale Beispiele (wie etwa der geniale Entwurf der Mailänder Metrolinien 1 und 2 von Franco Albini und Franca Helg aus den 1960er-Jahren), wie viel gutes Design im öffentlichen Raum bewirken kann. Insbesondere die Gestaltung von «Unorten» wie Untergrundbahnen ist fundamental. Prägnante Entwürfe wirken nicht nur präventiv gegen Vandalismus, sie begünstigen auch den Bewegungsfluss der Passant*innen und schaffen Orientierung; sie tragen auf subtile Weise zum Wohlbefinden der Nutzer*innen bei. Das Reisen im Untergrund kann durchaus zu einer besonderen Erfahrung werden; dafür braucht es nicht zwingend megalomanische und futuristische Entwürfe. Schon in diesem Stadium zeigt das Konzept von la-clique sein gestalterisches Potenzial, das gekonnt Handwerk mit Technologie sowie Sachlichkeit mit künstlerischem Anspruch kombiniert. Wir sind schon sehr gespannt auf die Umsetzung.

Helvetische Reduktion kombiniert mit mediterraner Anmutung (Foto Modellbild: la-clique)

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