Die Quadratur des Kreises

Ulf Meyer
28. Januar 2021
Blick auf die Isle of Dogs von Südwesten in Richtung der O2-Arena (Visualisierung © Herzog & de Meuron, Canary Wharf Group)

Während Herzog & de Meuron in Basel mit ihren Hochhäusern für F. Hoffmann-La Roche interessante städtebauliche und architektonische Debatten losgetreten haben, entsteht in London ein Wohnhochhaus nach ihren Plänen. Das Projekt ist nicht ohne Schwächen, doch übertrifft die anderen Neubauten im Quartier Wood Wharf hinsichtlich der architektonischen Qualität mühelos.

Ein kolbenförmiges Wohnhochhaus hat London seit dem Bau des Barbican Centre 1982 nicht mehr gesehen. Östlich der Canary Wharf, an der sogenannten Wood Wharf in den Docklands der britischen Hauptstadt, haben Herzog & de Meuron mit ihrem «One Park Drive» genannten Projekt ein riesenhaftes Wohnhochhaus entworfen, das an einen Kolben erinnert und in Dimension und Gestalt wohl europaweit einzigartig ist. Während in Basel die den Stadtmassstab sprengenden Roche-Hochhäuser eine interessante Kontroversen über den Einfluss solcher Bauten auf die Silhouetten gewachsener Kulturstädte auslösten, ist in London der 56-stöckige Zylinder herzlich willkommen. 

Die Kolbenform ist für Wohnhochhäuser bisher eher ungewöhnlich. (Visualisierung © Herzog & de Meuron, Canary Wharf Group)
Der Wohnturm im Bau; gut zu erkennen sind die teils schon fertiggestellten, teils noch im Bau befindlichen Nachbargebäude im neuen Stadtquartier. (Foto © Allies and Morrison)

Das liegt nicht allein daran, dass der in Zusammenarbeit mit dem gewieften Architekturbüro Stanton Williams aus London (es war zuletzt mit der Umgestaltung des Royal Opera House durch die Presse gegangen) entworfene Koloss nur eines von drei Wohngebäuden am ehemaligen Anleger sein wird. Vielmehr ist die historische Skyline der Stadt ohnehin bereits spätestens seit der auch hinsichtlich des Städtebaus neo-liberalen Thatcher-Ära bis zur Unkenntlichkeit von Hochhaus-Ballungen überformt. Der Masterplan für das neue Quartier sieht vor, dass die 3000 neuen Wohnungen, riesigen Büroflächen und rund hundert Einzelhandelsgeschäfte durch ein Netz von öffentlichen Grünflächen miteinander verwoben werden. Entworfen hat diesen Plan das Büro Allies und Morrison im Auftrag der Canary Wharf Group. Allies und Morrison waren es auch, die die beiden ersten, recht gewöhnlichen Bürogebäude des neuen Quartiers gestalteten. Auch international ist das Team übrigens aktiv: Im Jahr 2019 wurde das nach seinen Plänen gebaute Nationalarchiv in Doha eingeweiht.

Eine Grundschule, eine Sporthalle und ein Gesundheitszentrum werden in dem Quartier noch gebaut. Öffentliche Promenaden am Wasser sollen eine Stimmung wie an einer Corniche ermöglichen und die neue Nachbarschaft zu einer «Community» mit einladenden Plätzen, Parks und Wasserflächen zusammenbinden. 

In den benachbarten Bürobauten der Canary Wharf arbeiten 110 000 Menschen. (Visualisierung © Herzog & de Meuron, Canary Wharf Group)

Die Wood Wharf ist eines der letzten grossen unbebauten Gebiete der Docklands. Wenn das neue Quartier in zwei Jahren zur Gänze fertiggestellt ist, wird sich zeigen, ob es wirklich mehr zu bieten hat als eine Ansammlung von dreissig Gebäuden, entworfen von Büros wie Darling Associates, KPF, Pilbrow & Partners, Grid Architects und Patel Taylor. Kritiker wie Edwin Heathcote fragen, ob Neubauten wie der Turm von Herzog & de Meuron die Wood Wharf als «experimentelle private Unternehmensenklave» zu etwas machen, das «einer Stadt ähnelt».

Die lange Vorgeschichte des Neubauviertels begann mit dem Verkauf des Areals durch British Waterways im Jahr 2008. Die Canary Wharf Group unterzeichnete einen auf 250 Jahre angelegte Erbbauvertrag. Dem ersten Masterplan von 2003 folgte 2007 ein zweiter aus der Feder des Büros Rogers Stirk Harbour, der eine höhere Dichte durch mehr und höhere Gebäude vorsah. Der Developer wollte je mindestens ein ikonisches Wohn- und Bürohaus. Im Jahr 2012 übernahm die Canary Wharf Group das Gelände ganz und liess Terry Farrell wiederum einen neuen Masterplan ausarbeiten, der mehr Wohnraum vorsah. 2013 wurden Herzog & de MeuronAllies and Morrison und Stanton Williams als Architekten ausgewählt. Boris Johnson, damals Bürgermeister der britischen Hauptstadt, stimmte dem Plan zu – unter der Massgabe, dass ein Viertel der Wohnungen «bezahlbar» sein muss. Das neue Quartier wird einen Fahrradverleih, eine neue Buslinie und eine gut ausgestaltete Fussgängeranbindung an die Londoner U-Bahn, die DLR und Crossrail bekommen. Täuschen lassen sollte man sich aber nicht: Geplant sind dennoch auch zwei grosse Car-Sharing-Clubs und 1100 Autostellplätze. Trotz der zentralen Lage und guten ÖV-Anbindung setzt man weiterhin unbeirrt aufs Auto. Das Wohnhochhaus von Herzog & de Meuron scheint mit seinem amerikanisch tönenden Namen «One Park Drive» diesen Punkt sogar stolz zu betonen.

Wird das neue Quartier dereinst mehr seine als eine Ansammlung von dreissig Gebäuden? (Visualisierung © Herzog & de Meuron, Canary Wharf Group)

Auch wenn die Basler in Grossbritannien bereits sehr erfolgreich waren – zu ihren beiden Tate-Gebäuden in London kam zuletzt die Blavatnik School of Government an der Universität Oxford – ist es ihr erster Wohnbau dort. Tatsächlich erinnert der Fuss ihres Turms an den scheibenartigen Entwurf von Oxford. Das Hochhaus ist in drei Segmente unterteilt, die entfernt an eine Nockenwelle erinnern. Es sind drei Wohnungstypen geplant, sie heissen «Loft», «Bay» und «Cluster». In den unteren Etagen sind Loft-Apartments vorgesehen, die in Form von zwei Scheiben auf den Boden treffen, dazu diverse Geschäfte, ein Fitnessstudio und ein grosszügiges Foyer. Auch eine Bibliothek, ein Kino und ein zwanzig Meter langer Pool werden im Haus vorhanden sein. Dieser Nutzungsmix sollen dazu beitragen, die benachbarte Uferpromenade ein wenig zu «aktivieren». 

Die Promenade neben dem Wohnhochhaus von Herzog & de Meuron soll einer Corniche ähneln. (Visualisierung © Herzog & de Meuron, Canary Wharf Group)

Darüber befindet sich eine dickere und dichter gedrängte Gruppe von Luxuswohnungen. Im obersten Abschnitt des Turms schliesslich, der einer schlanken Röhre gleicht, liegen Penthäuser, deren Dichte und geometrische Komplexität geringer ist. Die BIG-hafte Idee der Architekten, einen hohen Turm derart zu fragmentieren, um die Wohnungen architektonisch stärker zu artikulieren, erinnert an ihren Entwurf für das Gebäude an der 56 Leonard Street in New York, das vor vier Jahren eingeweiht wurde. Der Londoner «Bienenstock», wie Jacques Herzog den Bau nennt, ist allerdings komplexer und animierter in seiner Form. Die meisten der 483 Wohnungen sind luxuriös in Grösse und Ausstattung – sie verfügen über bis zu vier Schlafzimmer. Bei den kleineren Studios sollen Balkone, Terrassen und Erkerfenster eine hohe Wohnqualität bringen. Jede Wohnung besitzt einen eigenen Aussenbereich. Allerdings: Kreisförmige Grundrisse sind schwierig zu möblieren und oft voller kruder Restflächen, was bei kleinen Wohnungen besonders schmerzlich wäre. Herzog & de Meuron haben den Kreis deshalb orthogonal aufgeteilt und nicht in «Tortenstücke» wie einst Bertrand Goldberg (1913–1997) bei seinem Projekt «Marina City» am Chicago River, das ansonsten in mancherlei Hinsicht das architekturgeschichtliche Vorbild des Londoner Turms gewesen sein könnte. 

Die drei Schichten des Hochhauses sind in der Ansicht klar artikuliert. (Visualisierung © Herzog & de Meuron, Canary Wharf Group)
Das komplexe Zusammenspiel aus Balkonen, Erkern und keramischen Fassaden macht das Bauwerk unverkennbar und stiftet Identität. (Visualisierung © Herzog & de Meuron, Canary Wharf Group)

Die Wohngrundrisse werden also nicht in eine vorher festgelegte Form gepresst, sondern bilden eine Textur. Das Gebäude hebt sich so architektonisch mühelos von den schnöden Büroblöcken rundherum ab. Das komplexe Zusammenspiel aus Balkonen, Erkern und keramischen Fassaden ist einzigartig und sicher hilfreich, geht es darum, dem Neubauviertel, in dem die üblichen glatten Vorhangfassaden dominieren, eine eigene Identität zu verleihen. Es mag widersprüchlich klingen, aber die pixelartige Auflösung gibt selbst dem enormen Massstab ein wenig menschliche Grösse. 

Situation (© Allies and Morrison)

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