Die Strasse ist eine Bühne – manchmal auch ein Zirkus

Nadia Bendinelli
17. September 2020
Philip-Lorca diCorcia, «Marilyn, 28 Years Old, Las Vegas, Nevada, 30$», 1990–1992 (© Philip-Lorca diCorcia, mit freundlicher Genehmigung von Sprüth Magers und der 303 Gallery)

Wo fängt man am besten an, will man über Street Photography sprechen? Diese Strömung der Fotografie hat visuell und inhaltlich wahrlich viel zu bieten – und hinzu kommt eine Debatte um Legitimität und Ethik. Die Ausstellung «Street. Life. Photography.» ist jetzt im Fotomuseum Winterthur zu sehen.

220 Arbeiten von 36 Fotograf_innen begleiten uns durch sieben Jahrzehnte Street Photography. Die von Kuratorin Sabine Schnakenberg gesetzten Spots teilen die Räumlichkeiten in die Themen Street Life, Public Transfer, Alienation, Crashes und Anonymity auf. Die einzelnen Bereiche präsentieren sich sehr heterogen: Ikonen der Fotografie neben neuster Kunst, Farbe neben Schwarz-Weiss, Gewalt neben lustigen Begebenheiten. Gegensätze und Verwandtschaften bestehen auch in den verschiedenen Aufnahmetechniken und den Beweggründen der Künstler_innen. Die konzeptionell gewollte Heterogenität wird bereits beim Betreten des ersten Raums, Street Life, deutlich.

5 Räume, 5 Themen

Street Life: die Strasse als Bühne – und die Menschen dem zufolge als Akteure. Die Fotograf_innen nähern sich den Darstellern mal als stille Beobachter, mal gegen den Strom von Passanten kämpfend. «Da draussen auf der Strasse gibt es nicht so viele hochästhetische Momente», sagt die Kuratorin. Deswegen sind an dieser Ausstellung Meister der Ästhetik wie Henri Cartier-Bresson bewusst nicht dabei. Und wir bestaunen schon im ersten Raum eher das Unschöne: sezierende Blicke auf extravagante Charaktere, groteske oder witzige Momentaufnahmen. Die frühen Morgenstunden scheinen für solche Bilder besonders geeignet zu sein: Der Glanz bröckelt und manche Partygänger_innen sind nicht mehr ganz Herr ihrer selbst. Die Fotografien sind scharfe sozialkritische Beobachtungen bis zur Bösartigkeit.

Maciej Dakowicz, Arbeit ohne Titel aus der Serie «Cardiff After Dark», 2005–2011 (© Maciej Dakowicz)

Für Public Transfer hat nicht nur «da draussen» Relevanz: Hier verschwimmen die Grenzen zwischen innen und aussen, zwischen privat und öffentlich. Ein gutes Beispiel dafür sind öffentliche Verkehrsmittel, Menschen sprechen etwa im Zug von «meinem Platz». Von den wartenden Gesichtern auf den Fotografien lassen sich Gefühle ablesen – Körperhaltung, Mimik und Erscheinung erzählen Geschichten. 

Eindringliche Nahaufnahmen, beispielsweise aus der Serie «Tokyo Compression» von Michael Wolf, erzählen von den Alltagsschwierigkeiten in der Metropole. Die Auseinandersetzung mit diesen Bildern wirft auch Fragen zu ihrer Legitimität auf: In Japan ist die Veröffentlichung von Fotografien Fremder verboten. Wiegt die Absicht, ein Bewusstsein für die Lebensumstände der Menschen zu schaffen, dies auf? Loredana Nemes, die im selben Raum ausstellt, erzählt, man entwickle über die Zeit ein Gespür dafür, ob die Menschen ihre Zustimmung geben, fotografiert zu werden. Manchmal würden sie auch deutlich sagen, dass sie keine Aufnahmen wünschen – das respektiere sie natürlich immer. 

«Fotografieren bedeutet teilnehmen an der Sterblichkeit, an der Verletzlichkeit und Wandelbarkeit anderer Menschen. Eben dadurch, dass sie diesen einen Moment herausgreifen und erstarren lassen, bezeugen alle Fotografien das unerbittliche Verfliessen der Zeit.»

Loredana Nemes 

Loredana Nemes, «S009, Paris, April 2005», aus der Serie «Under Ground», 2005–2006 (© Loredana Nemes)
Natan Dvir, «Union Square – 14th St., 11:12 pm, 2016», aus der Serie «Platforms», 2014–2016 (© Natan Dvir)

Im Raum Public Transfer wurden intime Gefühle und erzwungene Nähe behandelt, in Alienation geht es anschliessend um Distanzierung und Verfremdung. Im Vordergrund steht die Abweichung von Normen und Erwartungen: Wieso fühlen sich Menschen in wenig einladender Umgebung offensichtlich wohl? Welchen Eindruck hinterlassen Sozialkritik und das Forcieren von Stereotypen beim Betrachter? Die Fotografien in diesem Teil der Schau bedienen jede Art von Vorurteilen über unsere Konsumgesellschaft und zeigen eine gewisse Degeneration auf. Sie bestätigen und verstärken Klischees. Alienation thematisiert ausserdem das Leben gesellschaftlicher Randgruppen.

Nachdem Alienation mit unseren subjektiven Empfindungen spielte, rückt Crashes Unfälle, Zerstörung, aber auch inhaltliche und thematische Brüche in den Fokus. Gewalt, Irritation, Spannung und zeitliche Diskrepanzen sind die tragenden Themen. Einige Arbeiten haben auch hier eine provokative Funktion. Es stellen sich ethische Fragen, denn schmal ist der Grat zwischen Sensationslust und seriöser Reportage. Wann ist eine Grenze überschritten, und wie kann man rechtfertigen, zu weit zu gehen?

Dieselben Fragen begleiten uns auch beim Betreten des Anonymity-Raums. Dass Anonymität ein Bestandteil des Lebens gerade in der Stadt ist, muss man nicht erklären, auch dass sie positiv wie negativ gelebt werden kann, ist klar. Was aber bedeutet Anonymität im Kontext der Street Photography? Zwei Dinge: Einerseits werden Individuen fast gewaltsam in den Fokus gezerrt und trotzdem bleiben sie anonym: Durch Fenster sieht man auf den Bildern beispielsweise Personen, die sich prostituieren oder Drogen konsumieren. Doch Sujet wie Fotografin bleiben gänzlich unbekannt. Werden die Fotografien dadurch ethisch vertretbar? 

Und dennoch …

Die Ausstellung ist grossartig. Sie kann viel und alles gleichzeitig: Dem Besucher sind Augenblicke der Überraschung, des Ekels, des Staunens, der Empörung und auch zum Lachen geboten. Wichtiger aber, man kommt nicht unberührt davon, denn die Auseinandersetzung mit Grundsatzfragen drängt sich auf: Wo ist die Grenze zwischen öffentlich und privat? Was darf die Kunst? Welche Bilder können wir als legitim betrachten, was geht zu weit? Darf man Menschen auslachen und lächerlich machen? Stehen Personen «einfach so» zur Verfügung, bloss weil sie im öffentlichen Raum unterwegs sind? Einige mögen hier sofort klare Antworten haben, vielleicht aber gibt es nicht bloss richtig oder falsch, sondern eine Grauzone dazwischen.

William Klein, «Xmas, Macy‘s, December 1954», aus dem Portfolio «William Klein. New York. 54/55», Paris 1978 (© William Klein)
Fotomuseum Winterthur
Grüzenstrasse 44 + 45
8400 Winterthur
 
Ausstellung: 12. September 2020 bis 10. Januar 2021

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