Eine Hassliebe

Manuel Pestalozzi
10. September 2020
Cover: Triest

Hart kritisiert, ist das Einfamilienhaus hierzulande noch immer die beliebteste private Wohnform. Stefan Hartmann arbeitet in seinem neuen Buch «(K)ein Idyll – Das Einfamilienhaus» die Geschichte des Gebäudetyps auf und fragt nach dem künftigen Umgang mit Einfamilienhausquartieren.

Gibt es gänzlich unbefangene Texte zum Thema Einfamilienhaus? Vermutlich nicht. Die Debatte um die weiterhin beliebteste private Wohnform der Schweiz wird emotional geführt. Weil es um etwas ganz Essenzielles und sehr Persönliches geht, das Wohnen nämlich, kommen Autor*innen selten umhin, Bezüge zur eigenen Biographie herzustellen. In nahezu jeder tauchen Einfamilienhäuser auf: als Heim der eigenen Familie, von Verwandten oder Bekannten – und als unübersehbare Erscheinung am Wegesrand. Stefan Hartmann, der Autor des Buches «(K)ein Idyll – Das Einfamilienhaus», legt sein Verhältnis in einem «persönlichen Nachwort» offen: Er erstand in den 1990er-Jahren mit seiner Frau eine Doppelhaushälfte. Dort leben die beiden heute, nachdem die Kinder ausgeflogen sind, als Empty Nesters. Mit seinem Buch, das im Triest Verlag erschienen ist, setzt er sich mit der Typologie nun eingehen auseinander und fragt nach ihrer Zukunft. 

Geschichtliche Aufarbeitung

Das Buch gliedert sich in zwei Teile. Im ersten möchte Stefan Hartmann die erste chronologische Aufarbeitung des Wissens zur Entwicklung des Einfamilienhauses leisten. Was zunächst sehr ambitioniert klingt, gelingt dem erfahrene Journalisten sehr gut und mit angenehmer Leichtigkeit. Seine Erkenntnisse hat er in gut verdauliche Portionen gegliedert und er versteht es, für ein allgemeines Publikum zu schreiben. Die Kapiteln lesen sich nicht wie wissenschaftliche Abhandlungen, Fussnoten neben dem Text verweisen aber auf die umfangreiche Recherche, die ihnen zugrunde liegt. Die sehr gelungene Gestaltung des Buches von Nadine Rinderer macht die Lektüre angenehm und geht klug auf den Stil des Inhalts ein. Zahlreiche neue und historische Illustrationen sind jeweils am Ende der einzelnen Kapitel in Blöcken zusammengefasst – quasi als Echo der vorangegangenen Texte.

Mit der Gretchenfrage – was ist das Einfamlienhaus überhaupt? – tut sich Hartmann allerdings recht schwer. Dies ist insofern nicht verwunderlich, als dieser Gebäudetyp auch schon als «Bastard» bezeichnet wurde und in allen erdenklichen Formen in Erscheinung tritt. Als Haus kann er Arbeiteranwesen, Minivilla, Siedlungszeile, Burg, Gartenpavillon und vieles mehr sein. Auch die Eigentumsfrage hilft bei der Suche nach einer klaren Definition nicht weiter. Der gemeinsame Nenner ist eindeutig der beabsichtigte Inhalt: eine Familie. 

Der Autor stellt das Einfamiliendomizil der «Mietsksaserne» gegenüber. Die Polarität dieser beiden Wohnbautypen durchdringt seine Suche nach dem Wesen des Einfamilienhauses. Beide Typen entstanden etwa gleichzeitig und stehen im Zusammenhang mit der industriellen Revolution und dem schnellen Wachstum der Städte. Die einzelnen Kapitel des Buches gehen in beinahe gleicher Tiefe auf beide Pole ein. Die Erläuterung der Bautypen wird begleitet von jener der Persönlichkeiten und Organisationen, welche jeweils ihre Verbreitung und Weiterentwicklung vorantrieben: Unternehmer*innen und Kräfte des sozialen Wohnbaus. Ein eigenes Kapitel ist der «Vision Gartenstadt» gewidmet, ein weiteres befasst sich unter dem Titel «Grosssiedlungen als alternative Wohnform» mit Ernst Göhner. Denn dem Autor ist es wichtig hervorzuheben, dass es seit langer Zeit eine Alternative zum Einfamilienhaus im Grünen gibt: die Mietskaserne im Grünen.

Etwas zu kurz kommt die Frage den Gründen für die ungebrochen grosse Attraktivität des Wohnens im Einfamilienhaus. Stärker thematisiert wünscht man sich dessen Rolle als Statussymbol, das Prestige welches es verkörpert, die moralische Integrität und die Rechtschaffenheit, welches es – natürlich gemeinsam mit dem Garten! – häufig offen zur Schau stellen will. Das ökonomische und soziologische Fundament des Typs ist für die Schweiz und Westeuropa, inklusive das Bausparen in Deutschland, gut dargelegt. Trotzdem hat man das Gefühl, dass zum umfassenden Verständnis noch etwas fehlt. Beispielsweise die explizite Hinwendung zum «Leben auf dem Land» als Gegensatz zum «Leben in der Stadt». Oder der kulturelle Einfluss der USA in Sachen Wohnkultur auf die fernsehgesättigte Öffentlichkeit in unseren Breiten: von den Case Study Houses über das «Learning from Levittown» bis hin zu den McMansions.

Blick in die Zukunft

In der Mitte des Buches findet sich ein Fotoessay von Reto Schlatter. Die Farbaufnahmen aus Winter oder Frühling wirken wie ein Manifest der Ratlosigkeit. Sie leiten daher gut zum zweiten Teil des Buches über. Dieser beginnt mit einem Schwanengesang: Das Einfamilienhaus habe seine Blütezeit im späteren 20. Jahrhundert gehabt, nun drohe ihm eine Zukunft als «Klotz am Bein». Diese Feststellung und die Prognose belegt Stefan Hartmann mit Zahlen. Seit 2016 sei beim Bau von Einfamilienhäusern ein markanter Rückgang zu beobachten. Ausserdem stelle sich immer stärker die Frage, was mit den Bauten bei Generationenwechseln geschehen solle. Dies gelte besonders bei freistehenden Objekten, die sich auf einer relativ kleinen Parzelle befinden: Nach dem Auszug der Kinder bleiben die Eltern, welche das Gebäude oft erbaut haben, zurück als die eingangs erwähnten Empty Nesters, die Übergabe an die Folgegeneration misslingt. «Einfamilie» gilt neben dem räumlichen vielfach auch im zeitlichen Sinne.

Wie soll es also mit den Schweizer Einfamilienhausquartieren weitergehen? Die Betrachtung des Typs müsse sich ändern, schreibt Hartmann. Die Einfamilienhaus-Qualitäten sollten durch eine Verdichtung und parzellenübergreifende Planungsansätze in die Zukunft hinübergerettet werden, schlägt er vor. Das Buch erläutert dazu verschiedene geplante oder realisierte Beispiele aus der Schweiz, beispielsweise die Siedlung «Harossen» in Brütten (ZH) von BDE Architekten oder einen Ergänzungsbau in Fläsch (GR) von atelier-f. Hartmann wünscht sich eine grössere Homogenität und eine bessere Nutzung des Bodens und der Infrastruktur. Doch er anerkennt die grossen Schwierigkeiten, welche die Umsetzung solcher Ziele behindern. In einem gewissen Sinn sind die Einfamilienhäuser bildlich gesprochen kleine Staaten, die zwar alle «am gleichen Tropf» hängen, sich aber auch neidisch voneinander abgrenzen und auf ihre Autonomie bedacht sind. Wer wie der Autor hofft, dass die Besitzer*innen «über den eigenen Schatten springen», braucht viel Zuversicht.

(K)ein Idyll – Das Einfamilienhaus. Eine Wohnform in der Sackgasse

(K)ein Idyll – Das Einfamilienhaus. Eine Wohnform in der Sackgasse
Stefan Hartmann

20 × 27 cm
176 Seiten
Klappenbroschur
ISBN 9783038630265
Triest
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