Erdiges Potenzial

Elias Baumgarten
14. März 2019
Das Buch setzt sich mit der Geschichte und dem Potenzial des Baustoffs Lehm auseinander. Bild: Elias Baumgarten

Stampflehm hat Zukunft – davon ist Roger Boltshauser fest überzeugt. Gemeinsam mit Cyril Veillon und Nadja Maillard von der EPF Lausanne hat er jetzt ein Buch zum Baustoff herausgegeben. Wir haben es gelesen.

«Die Notwendigkeit eines die Ressourcen schonenden Bauens hat in den letzten Jahren zu einer Renaissance des Lehmbaus geführt», schreibt Roger Boltshauser in der Einführung des Buches «Pisé – Stampflehm. Tradition und Potenzial», das er gemeinsam mit Cyril Veillon und Nadja Maillard herausgegeben hat. Lehm ist in unseren Breiten in den letzten Jahren auf dem Vormarsch. Vielen gilt der Baustoff aber als exotisch. Sie ordnen ihn dem arabischen Kulturraum zu, oder verorten ihn allenfalls in Afrika. Aber diese Vorstellung hinkt: Auch in Europa wird Pisé bereits seit Jahrhunderten verbaut. Allein, bekannt ist darüber wenig; Forschungsarbeiten oder Publikationen liegen kaum vor. Licht ins Dunkel bringt das nun vorliegende Werk. Es ist mit vielen Bildern, Plänen und Grafiken schön gestaltet und gliedert sich in zwei thematische Blöcke. Verfügbar ist es in drei Sprachen: Deutsch, Englisch und Französisch.

Unbekannte Geschichte

Im ersten Teil wird die Historie des europäischen Lehmbaus aufgearbeitet, wobei der Fokus auf der französischen Region Rhone-Alpen und der Schweiz liegt. Diese Auswahl gründet auf der These, dass die Bauweise und der -stoff aus Frankreich in die Schweiz herüber geschwappt sind. Beim Lesen lernt man, dass es im Raum Lyon eine besonders starke Lehmbau-Tradition gibt. Dort stehen noch immer viele teils extrem alte Häuser, obwohl sie mitunter nicht einmal zum Schutz vor der Witterung verputzt wurden. Besonders oft wurden landwirtschaftliche Bauten aus Lehm errichtet, aber auch Schulen, Kirchen, Wohnhäuser und Fabriken. Beispiele sind die Festhalle Salle de la Diana (1295), die Scheune Chez Platon in Arthun (1583) oder die Textilfabrik Saint-Siméon-de-Bressieux aus dem 19. Jahrhundert. Auch erfahren wir, dass der Lehmbau rund um Lyon – historisch betrachtet – eine Reaktion auf den grossen Mangel an Ressourcen und Geldmitteln war. Zudem bot er sich aufgrund der Beschaffenheit der Böden zwischen Zentralmassiv und Alpen besonders an. Denn diese sind reich an Schotter und grösseren Steinen.

In der Schweiz findet sich die grösste Dichte an Häusern aus Stampflehm im Kanton Thurgau. In der Publikation erfahren wir, dass der Hotspot dabei die Gemeinde Hauptwil ist, wo es einen Industrielehrpfad mit zahlreichen Pisébauten gibt. Seine Blütezeit erlebte der Thurgauer Lehmbau um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Doch bauliche Zeugnisse finden sich im Kanton aus allen Epochen. Beispiele sind das Kaufhaus von Hauptwil (1667), das Wohnhaus Gelbbau (1780) am selben Ort oder auch das Schulhaus in Thundorf (1843). 

Für das Buch wurden viele historische Lehmhäuser in Frankreich und der Schweiz aufgenommen, fotografiert und in Plänen dargestellt. Am Ende findet sich überdies eine Auflistung aller Objekte, die in der Schweiz stehen, sowie ausgewählter Bauten aus unserem westlichen Nachbarland.

Blick ins Buch. Bilder: Elias Baumgarten
Möglichkeiten und Chancen

Der zweite Teil befasst sich mit der aktuellen Forschungslage zum Bauen mit Lehm. Er soll die technischen, ökologischen, wirtschaftlichen und auch ästhetischen Potenziale des Materials aufzeigen. Verständliche Texte, Grafiken und Zeichnungen geben in diesem Block Einblick in bauphysikalische und konstruktive Details. Wir erfahren dort, dass die Vorfertigung von Bauteilen aus Stampflehm – wie etwa beim Ricola Kräuterzentrum (2012) – im Kommen ist. Und das obwohl noch über die Ausbildung schubfester Fugen geforscht werden muss. Besonders interessant ist auch, dass inzwischen der Nachweis gelungen ist, dass Konstruktionen aus Pisé wie im Betonbau vorgespannt werden können. Demonstriert wurde dies mit einem Prototyp, der im Sitterwerk von St. Gallen gebaut wurde. Der Lasteintrag erfolgt dabei mittels Verteilerplatten aus Beton und Stahl. Die Spannglieder liegen frei und können im Bedarfsfall nachgespannt werden, um auf das ausgeprägte Schwinden und Kriechen des Lehms zu reagieren.

Welche Gestaltungsmöglichkeiten bietet dieser aber? Auch darauf liefert das Werk vielfältige Antworten. Etliche Projekte, Entwürfe und auch Fotomontagen werden gezeigt. Ein Beispiel ist das Projekt Ozeanium von Boltshauser Architekten im Basler Zoo; ein anderes das Stampflehmgewölbe, welches Student*innen der ETH Zürich an Annette Spiros Lehrstuhl für Architektur und Konstruktion 2012 bis 2014 entworfen und am Marie-Baum Weg in der Limmatstadt umgesetzt haben.

Schliesslich gibt das Buch Hinweise auf die wirtschaftlichen und ökologischen Potenziale des Baustoffs. Denn das überall verfügbare Material bedarf wenig Energie bei seiner Gewinnung und Verarbeitung. Ausserdem wird dabei eine geringere Menge an Kohlenstoffdioxid freigesetzt als dies bei anderen Baustoffen der Fall ist. Doch ist noch viel Forschungs- und Überzeugungsarbeit zu leisten, ehe Lehm sich als nachhaltiges Baumaterial wird wirklich durchsetzen können. Auch politische Massnahmen müssen ergriffen werden, wie Martin Tschanz in einer im Buch abgedruckten Debatte sagt. Denn momentan ist die Errichtung von Piséhäusern mit einem hohen Arbeitsaufwand verbunden und darum teuer. Gewiss ist, dass «Pisé – Stampflehm. Tradition und Potenzial» einen wichtigen Beitrag dazu leisten wird, die Bauweise populärer zu machen.

Pisé – Stampflehm. Tradition und Potenzial

Pisé – Stampflehm. Tradition und Potenzial
Roger Boltshauser, Cyril Veillon, Nadja Maillard (Hrsg.)

220 x 300 mm
304 Seiten
400 Illustrationen
Fadenheftung mit lose umlegtem Klappumschlag
ISBN 9783038630272
Triest Verlag
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