«Es gibt wenig Zielkonflikte zwischen Ökologie, sozialer Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit» – Holzbau-Unternehmerin Katharina Lehmann

Elias Baumgarten
18. November 2021
Foto © Blumer-Lehmann AG

Kann Idealismus wirtschaftlich sinnvoll sein? Ja, sagt Katharina Lehmann. Mit uns sprach sie über Werte, darüber, was es bedeutet, Chefin zu sein, und wieso Zwangsmassnahmen nicht reichen, um den Klimawandel zu stoppen.


Frau Lehmann, Sie waren gerade Anfang 20 und befanden sich noch mitten im Studium, als Sie die Führung der Lehmann Gruppe übernommen haben. Wie kam es dazu?

Das war eine Notlösung. Es war damals nicht mein Plan, die Firma zu übernehmen. Ich studierte gerade Betriebswirtschaft und konnte mir alle möglichen Jobs für mich vorstellen. Doch dann erlitt mein Vater einen Schlaganfall, und ich musste für eine Lösung sorgen. Also habe ich die Geschäftsleitung übernommen. Schnell fand ich an dieser Aufgabe Gefallen. Immer wieder galt es, neue Herausforderungen zu meistern, die mich gereizt und motiviert haben. So bin ich geblieben – bis heute.

Sie sind nicht nur geblieben, sondern haben Blumer Lehmann zu einem weit über die Schweiz hinaus gefragten Unternehmen mit Projekten von Grossbritannien bis Korea gemacht; überall schätzt man heute die Expertise Ihres Teams. Wie haben Sie es geschafft, sich als junge Frau in der männerdominierten Holzindustrie durchzusetzen?

Die Genderfrage war und ist für mich kein grosses Thema. Ich würde auch nicht sagen, dass ich Mühe hatte, mich durchzusetzen. Schwierig hingegen war für mich anfangs, die einzige Frau zu sein – das gab mir immerzu das Gefühl, ich stünde im Schaufenster. Ich dachte anders als viele Kollegen. Die Frauenperspektive ist eben manchmal doch eine andere als die der Männer. Jedenfalls brauchte es seine Zeit, ehe ich mir zutraute, zu meiner Meinung zu stehen und sie entschlossen zu vertreten. Das nötige Selbstbewusstsein aufzubauen, war ein Prozess.

Sie strahlen Autorität aus und wirken sehr bestimmt. Wenn Sie Ihre Meinung kundtun, finden Sie klare Worte. Alles ist verständlich und scheint wohlüberlegt. Hilft Ihnen das, von den Kollegen angehört und ernst genommen zu werden? Und mussten Sie sich diese Eigenschaft erarbeiten?

Kommunikation ist sehr wichtig. Die Botschaft ist dabei eine Sache, doch vor allem kommt es auf den richtigen Ton und das richtige Auftreten an. Ein schüchternes kleines Mädchen war ich nie. Trotzdem musste ich viel lernen. Mir hat sicherlich meine Ausbildung geholfen und auch, dass ich immer viel gereist bin; in jungen Jahren beispielsweise direkt nach der Schule mit dem Rucksack nach Afrika. Diese Zeit hat mich geprägt. Vor allem habe ich begriffen, dass meine Sichtweisen und Massstäbe in einem anderen Kontext nicht unbedingt funktionieren – eine sehr wichtige Lektion. Ich habe eine grosse Toleranz anderen Positionen und Haltungen gegenüber erlernt. Das hat mir immer wieder geholfen. Ich profitiere davon, wenn ich verhandle oder mit anderen etwas ausdiskutiere.

Mit Vorurteilen gegen Sie als Chefin hatten Sie nie zu kämpfen?

Natürlich gab es die. Doch seit den 1990er-Jahren hat sich viel verändert. Zum Beispiel brauchte ich ganz am Anfang einen Kredit. Der Banker hatte Bedenken und meinte, ich persönlich sei das Risiko. Denn wenn ich demnächst schwanger würde, stünde ich nicht mehr als Chefin zur Verfügung, und damit verliere Blumer Lehmann an Kreditwürdigkeit. Ich ging mit solch schwierigen Äusserung stets nachsichtig um, schliesslich war eine Frau in einer Führungsposition damals wirklich noch etwas sehr Ungewöhnliches, an das man sich erst gewöhnen musste.
Heute erlebe ich Sexismus nur noch in Situationen, in denen sich Männer auf Kosten von Frauen besser darstellen wollen. Ich muss nicht mehr darum kämpfen, ernst genommen zu werden. Aber das kommt zu einem Preis: Mir fehlen mittlerweile manchmal die Zwischentöne. Heute fühle ich mich zuweilen wie ein Neutrum behandelt. Das ist schade. Ich bin gerne Frau!

Ich glaube nicht, dass wir alte Rollenbilder und Stereotypen wirklich schon los sind. Nur ein Beispiel: Mir fällt auf, dass Mütter, die im Job erfolgreich sind – egal ob nun die Triathletin Nicola Spirig, die herausragende Fotografin Pia Zanetti [1] oder einfach eine Kollegin aus der Firma –, sich immer noch die Frage gefallen lassen müssen, ob sie denn kein schlechtes Gewissen ihren Kindern gegenüber hätten; und das von Männern wie von Frauen. 

Wir müssen differenzieren: Es gibt Unterschiede zwischen den Generationen. Ich habe heute mit jungen Männern zu tun, die ein anderes Frauenbild haben. Überhaupt gehen viele junge Menschen wie selbstverständlich mit Diversität um, sie haben weitaus weniger Berührungsängste und Vorurteile als meine Generation. So wichtig sie ist, ich halte das ewige Auswalzen der Genderfrage nicht für zielführend. Wir suggerieren der Jugend damit ein Problem, bei dessen Lösung sie schon viel weiter ist als wir. Wir brauchen gegenseitigen Respekt und müssen uns auf Augenhöhe begegnen – doch keinesfalls verkrampft.

In den Schlüsselpositionen der Wirtschaft sind Frauen in der Unterzahl. Darum werden immer wieder Quoten gefordert, und mancherorts sind sie sogar beschlossene Sache. Was halten Sie davon?

Ich bin komplett dagegen. Denn was ist dann mit Menschen, die eine Beeinträchtigung haben? Was ist mit Homosexuellen oder Diversen? Was ist mit People of Color oder allgemein mit Personen aus anderen Kulturkreisen? Ich finde Quoten ungerecht. Ich bekomme heute Angebote für Mandate, die nicht aufgrund meiner Qualifikation an mich gerichtet sind, sondern schlicht darum, weil ich eine Frau bin. Ist das nicht entwertend?

Wie machen wir es besser? 

Die beste Frauenförderung sind Vorbilder. Dass Frauen alle wichtigen Aufgaben in unserer Gesellschaft übernehmen können, steht ausser Frage – aber wollen sie auch? Trauen sie es sich zu? Haben sie das nötige Selbstvertrauen? Hier müssen wir ansetzen. Frauen sollten ermutigt werden, ihr Potenzial zu entfalten. Das geschieht noch zu wenig. Zudem muss nach wie vor an der besseren Vereinbarkeit von Familie und Karriere gearbeitet werden. 

Foto © Blumer-Lehmann AG

Lassen Sie uns thematisch springen und über Verantwortung sprechen: Sie haben eine klare Wertehaltung. Sie werben für einen zukunftsfähigen Holzbau und setzten sich neben Ihrer Arbeit bei Blumer Lehmann für nachhaltige Tropenwaldbewirtschaftung ein. Doch als Unternehmerin müssen sie ökonomisch denken. Inwiefern sind Sie gezwungen, Kompromisse einzugehen?

Das bin ich gar nicht. Klar, man kann kurzfristig den Gewinn optimieren und wegschauen. Doch ich denke lieber langfristig. Es gibt dann wenig Zielkonflikte zwischen Ökologie, sozialer Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit. 

Umweltschutz liegt in Ihrem wirtschaftlichen Interesse?

Natürlich! Ein Beispiel: Wenn die Erwärmung weiter voranschreitet, werden sich unsere Wälder verändern. Dann werden wir in der Schweiz nicht mehr auf Tanne und Fichte setzen können. Der Rohstoff Holz wird sich verändern. Für die Lehmann Gruppe wäre das eine grosse Herausforderung und einschneidend. Wir müssten neue Bauprodukte entwickeln und uns um Zulassungen bemühen. Sollte uns das dann nicht gelingen, stünde die Existenz der Firma auf dem Spiel. 

Und wie sieht Ihr Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels aus?

Ich glaube, dass wir mit Holzbauten oder anderen Produkten viel zu einer besseren, ressourcenschonenderen Welt beitragen können. Neben unseren Produkten achten wir besonders auch auf die Leistungserbringung. Wir produzieren zum Beispiel bereits so viel grünen Strom, wie wir für unsere Infrastruktur und Anlagen brauchen. Ausserdem unterstützen wir Herzensprojekte nach Kräften. Zum Beispiel haben wir ein Bienenhaus für das Schweizer Schutzprojekt Bee-Family in Frasnacht gebaut. Es dürfte ja bekannt sein, wie sehr die Bienenpopulation auch bei uns in der Schweiz unter Druck ist und welch empfindliche Folgen das für das hiesige Ökosystem hat. Übrigens: Wir unterstützen nicht nur Projekte, die dem Umweltschutz zugutekommen, sondern arbeiten beispielsweise auch mit Behindertenorganisationen zusammen. Denn Nachhaltigkeit hat nicht nur eine ökologische Komponente, sondern darüber hinaus eine soziale und auch eine wirtschaftliche.

Foto © Blumer-Lehmann AG

Sprechen wir doch noch über Ihre Produkte: Sie sagen gerne, Holz sei der Inbegriff der Nachhaltigkeit. Doch bloss, weil wir mit Holz bauen, ist das längst nicht automatisch zukunftsfähig und ökologisch unbedenklich. Wie nutzen wir die Vorteile des Baustoffs am besten aus?

Zuerst einmal, indem wir nicht unnötig neu bauen. Aktuell wird in der Schweiz noch zu wenig um- und weitergebaut, zu oft brechen wir Objekte ab, die man noch gut für eine neue Nutzung anpassen könnte.
Holz bietet tolle Voraussetzungen, um klimaneutral zu bauen. Es kommt darauf an, die Transportwege kurz zu halten. Holz ist dann besonders umweltfreundlich, wenn es nahe am Herkunftsort verarbeitet und verbaut wird. Diese lokale Wertschöpfung ist auch ökonomisch und sozial am nachhaltigsten. Für die Zukunft müssen wir ausserdem Wege finden, intelligenter mit Holz zu bauen, entmaterialisierter. Denn ich bin überzeugt, die Nachfrage wird weiter steigen; die Begeisterung für den Holzbau ist kein Modetrend! Wir werden lernen müssen, sparsamer mit dem Rohstoff Holz umzugehen. Auch werden die Aufbauten im Holzbau fortwährend komplizierter und umfassen immer mehr Schichten. Das ist oft unnötig und schadet der Kreislauffähigkeit. Das Bauen mit Holz muss also einfacher werden. Weiter ist wichtig, bei Verbundwerkstoffen künftig genauer hinzusehen. Welche Stoffe ausser Holz kommen zum Einsatz? Sind sie ökologisch unbedenklich? Können sie rezykliert werden? 
Von Architektinnen und Architekten wünsche ich mir ausserdem qualitätsvolle, robuste und flexible Gestaltungen, die eine lange Nutzungsdauer zulassen. Wichtig ist zudem, unsere Ansprüche kritisch zu hinterfragen: Wie viel Komfort ist nötig? Welche Innenraumtemperatur streben wir an? Und wie viel Platz müssen wir haben? Braucht es denn wirklich in jeder Wohnung ein Gästezimmer oder reicht eines pro Mehrfamilienhaus?

Sie sprechen unsere Anspruchsmentalität an. Um den Klimawandel zu stoppen, müssten wir uns bescheiden und unser (Konsum)Verhalten überdenken. Doch bisher gelingt das kaum. Brauchen wir Zwangsmassnahmen?

Ich bin zwar prinzipiell gegen Zwang, doch in dieser Frage geht es nicht ohne. Mir ist aber wichtig, dass wir gleichzeitig neue Technologien fördern. Der erhobene Zeigefinger allein wird es nicht richten. Verschärfte Regeln und erzwungene Verhaltensänderungen helfen uns nur kurzfristig. Stellen Sie sich dagegen vor, wir könnten weiter Auto fahren – doch ohne die Luft zu verpesten, sondern sie dabei vielleicht sogar reinigen. Das wäre eine echte Lösung.
Die Schweiz hätte riesige Möglichkeiten, sich hier zu profilieren und mit technologischen Innovationen einen Beitrag zur Dekarbonisierung zu leisten. Das wäre auch wirtschaftlich sehr interessant. Ich würde mir wünschen, dass hierzu grössere Anstrengungen unternommen werden und die Politik sich diesem Thema stärker annimmt, statt allein über das Für und Wider von Zwangsmassnahmen zu diskutieren. Fähige Forscherinnen und Forscher sowie die passenden Industriepartner stünden schon bereit. 



[1] Michael Solomicky, «‹Ich spreche durch meine Bilder›», in: Schweizer Familie, 3.2021, S. 25

Katharina Lehmann hat an der Universität St. Gallen Betriebswirtschaft studiert. Seit 1996 führt sie als CEO und Delegierte des Verwaltungsrates die unter der Lehmann Gruppe zusammengefassten Firmen Lehmann Holzwerke AG, Blumer-Lehmann AG und BL Silobau AG in Gossau. Zur Gruppe gehören auch zwei Tochtergesellschaften in Deutschland und Luxemburg. Katharina Lehmann ist bekannt für ihr grosses Engagement für den Schweizer Holzbau und die Holzindustrie. Ausserdem setzt sie sich für die nachhaltige Bewirtschaftung von tropischen Wäldern ein.

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