Franz Füeg – ein zu wenig bekannter Meister der Schweizer Architektur

Manuel Pestalozzi
21. April 2022
Die Innenseite des Umschlags des Buches, das ansonsten fast ohne Farben auskommt, ist mit den Strukturen der Marmorplatten der Piuskirche in Meggen geschmückt. (Foto: Manuel Pestalozzi)

Franz Füeg ist vor allem für die Piuskirche in Meggen bekannt. Doch im Werk des Architekten, Autors und Lehrers gibt es viel mehr zu entdecken. Ein Buch, das noch unter Beteiligung Füegs entstand, gibt Einblick in sein Schaffen.

 

Es wäre wohl völlig verkehrt, Franz Füeg (1921–2019) einen Stararchitekten zu nennen. Er war zwar zu verschiedenen Zeitpunkten seines Lebens auch als Publizist und Redaktor in Sachen Architektur aktiv, lehrte als Professor an der EPF Lausanne und pflegte internationale Freundschaften, dennoch wirkte er aber als stiller «Handwerker», der seine Persönlichkeit nicht in den Vordergrund stellte. Ich erinnere mich noch lebhaft an einen Vortrag von ihm an der ETH Zürich in den 1990er-Jahren. Geduldig berichtete er vom Entwurf und Bau der Piuskirche in Meggen, einer fensterlosen kubischen Stahlstruktur, die mit transluzenten Marmorplatten verkleidet ist. Der Diskussion über die Details des Bauwerks machte er ein rasches Ende: «Wir machten halt einfach», sagte er.

Das Buch «Franz Füeg. Entwerfen. Bauen. Schreiben. Lehren» des Architekturpublizisten Christoph Allenspach entspricht dem Charakter Franz Füegs ausgezeichnet; es gibt einen präzisen Einblick in sein Schaffen, ohne sich in philosophischen Höhenflügen zu versteigen. Die wohldurchdachte und ästhetisch ansprechende Gestaltung des Buches macht das Studium des Inhalts angenehm. Dabei spielt sie sich nie in den Vordergrund, auf gestalterische Kapriolen wurde verzichtet. Franz Füeg war an der Erarbeitung des Buches wesentlich beteiligt, nachdem er sich zuvor viele Jahre gegen eine umfassende Publikation seines architektonischen Werkes gesträubt hatte. Er übte Einfluss auf die Auswahl der näher erläuterten Projekte aus und beteiligte sich sogar an der grafischen Gestaltung. Doch er verstarb vor der Fertigstellung im hohen Alter von 98 Jahren, der letzte Schliff erfolgte nach seinem Tod. Trotzdem hat die Publikation eine persönliche Note. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die ausschliessliche Verwendung von Archivmaterial für die Illustrationen.

 

Sieben Projekte werden in «Franz Füeg. Entwerfen. Bauen. Schreiben. Lehren» ausführlich vorgestellt. (Foto: Manuel Pestalozzi)
Sieben Entwürfe

Franz Füegs Arbeit wird anhand von sieben ausgewählten Projekten näher vorgestellt. Die Präsentationen mit Fotos und Plänen befinden sich zwischen Texten zu grösseren Themen. So gleicht die Lektüre einem stetigen Pendeln zwischen dem gebauten Werk Füegs und dessen Hintergrund. Die Projektauswahl umfasst das Geschäfts- und Wohngebäude Dornacherhof in Solothurn (1952–1954), das Schulhaus Kleinlützel (1956–1960), ein Institutsgebäude der Universität Fribourg (1956–1968), die Piuskirche und das Pfarreizentrum in Meggen (1961–1966), das Museum für Archäologie in Aleppo (1956), das Wohnhaus Portmann in Hessigkofen (1959–1963) und die Doppelkirche mit paritätischem kirchlichen Zentrum in Langendorf (1967). Bis auf eines sind alle Projekte öffentliche Bauten. Das mag auch daran liegen, dass viele von Füegs Wohnbauprojekten nicht realisiert wurden. Überhaupt besteht bei Franz Füeg eine grosse Diskrepanz zwischen einer enormen Zahl an Entwürfen und vergleichsweise wenigen realisierten Bauten. Rund 120 Projekte hat Christoph Allenspach im Vermächtnis des Architekten ausfindig gemacht, darunter 60 Wettbewerbsbeiträge. «Sein gebautes Werk umfasst lediglich ein Dutzend Gebäude und zwei Dutzend Renovationen und Umbauten sowie Mobiliar, das in kleiner Stückzahl produziert wurde. Das ist eine bescheidene Ausbeute», resümiert der Autor.

Es ist schwierig, die einzelnen Projekte der genannten Auswahl spezifischen Themen oder Anliegen zuzuordnen. Gemein aber ist ihnen ein Formwille, der klar in der Tradition der Moderne verhaftet ist und deren Glaubenssätzen folgt. Bilder und Pläne machen es deutlich: Franz Füeg wollte eine neue Welt erschaffen. Er wollte die Menschen von technischen oder ökonomischen Schranken, aber auch von gesellschaftlichen Zwängen befreien. In den historischen Aufnahmen, welche seine Bauten jeweils kurz nach der Fertigstellung zeigen, kommt dieser Bruch mit vergangenen Konventionen sehr gut zum Ausdruck. Verschiedene Entwürfe wirken minimalistisch, so als wollten sie der Fantasie der Nutzer*innen möglichst grossen Raum lassen. Bei Schulhäusern hat dies eine grosse Bedeutung, bei Sakralbauten ebenfalls. Im Zentrum der Projektpräsentationen steht die Piuskirche, unumstritten das Hauptwerk von Franz Füeg – und auch ein Gesamtkunstwerk: Der Architekt entwarf Stühle und Sitzbänke für den Aussenraum, zudem ein umfangreiches liturgisches Mobiliar, bei dem auch Materialien wie Chromstahl und Plexiglas zum Einsatz kamen. Dieses radikale und einzigartige Werk scheint die Hoffnung des Architekten zu verkörpern, Botschaften und Glaubensinhalte in die Moderne zu überführen. Das Bauwerk drückt die Hoffnung aus, die vermeintlichen Gegenpole Rationalität und Spiritualität zusammenführen zu können.

 

Für die Piuskirche in Meggen entwarf Franz Füeg auch das liturgische Mobiliar. (Foto: Manuel Pestalozzi)

Die realisierten Projekte werden im Buch in relativ kurzen Texten erläutert, wobei der Schwerpunkt auf gestalterischen und konstruktiven Details liegt. Die Entstehungsgeschichten der Bauten werden teilweise sehr summarisch abgehandelt, es geht um das, was konkret an Architektur vorliegt. Offenbar erzählt dies nämlich am meisten über den Schöpfer der Entwürfe. Sehr persönlich wirken diesbezüglich die beiden nicht realisierten Projekte in der Auswahl. Das auf einem streng geometrischen Muster aufgebaute Museum für Archäologie in Aleppo, mit dem Füeg bei einem internationalen Wettbewerb den siebten Preis erreichte, mutet wie ein Plädoyer für die globale Gültigkeit der Prinzipien der Moderne an, – was damals anscheinend von den auslobenden Instanzen auch explizit gewünscht wurde. Bei der Doppelkirche in Langendorf verzichtete Füeg zugunsten von zwei abgehängten Membranen auf die ansonsten von ihm so konsequent angestrebte Orthogonalität. Auch dieses Projekt bringt den Wunsch nach der Überwindung vermeintlicher Gegensätze zum Ausdruck – diesmal mit kreisförmigen Grundrissen für die beiden gleich grossen Kirchenräume und sanft geschwungenen Seillinien. Mit diesem Wettbewerbsentwurf errang Franz Füeg den zweiten Preis, realisiert wurde unterdessen das Projekt seines Mitbewerbers Manuel Pauli (1930–2002).

 

Der Entwurf für eine Doppelkirche in Langendorf sah zwei gespiegelte Sakralräume mit Membrandächern vor. (Foto: Manuel Pestalozzi)
Der Wert des Wortes

Wie bereits erwähnt, hat Franz Füeg auch viel geschrieben, – beginnend in der unmittelbaren Nachkriegszeit mit Beiträgen für die Zeitschrift Propyläen, Kulturelle Monatsschrift, deren Mitherausgeber er war. Sie führten zu Einladungen zu Vortragsreisen nach Bruchsal und Frankfurt am Main. Von 1958 bis 1961 war er Chefredaktor der Zeitschrift Bauen + Wohnen. «Kein Architekt seiner Generation hat sich so stark öffentlich geäussert», behauptet Christoph Allenspach. Eine grössere Anzahl seiner Texte wurde in den 1980er-Jahren auf Deutsch und Französisch veröffentlicht (auf Deutsch unter dem Titel «Wohltaten der Zeit und andere Essays über Architektur und die Arbeit des Architekten»). Auch an den Texten im Buch hat Franz Füeg mitgearbeitet, allerdings handelt es sich schlussendlich um Gemeinschaftswerke. Das Wort «ich» kommt darin kaum vor, der Architekt wird stattdessen in der dritten Person genannt.

Die Texte im Buch befassen sich mit wichtigen Karrierestationen und generellen Entwurfs- und Konstruktionsthematiken, beispielsweise mit der «Struktur des Tragwerks, ihrer Sichtbarkeit und der Symbiose mit der Form»; oder mit dem Raumfluss, laut Christoph Allenspach dem für Franz Füeg vielleicht grundlegendsten Thema der Architektur, das anhand diverser Projekte konkretisiert wird. Kaum Thema ist indes die im Buchtitel hervorgehobene Lehrtätigkeit Füegs. Im abschliessenden Lebenslauf wird erwähnt, dass Franz Füeg nur ungern über sie sprach. Dabei war er nicht nur Entwurfsprofessur in Lausanne, sondern hatte auch Gastprofessuren in Istanbul, Paris und Wien inne. Möglicherweise waren der gezeichnete Plan und das geschriebene Wort für ihn, dem Präzision so wichtig war, die bevorzugten Mittel der Kommunikation. Der Projekt- und Textteil wird abgeschlossen durch einen Werkkatalog, der nicht auf Vollständigkeit, sondern vielmehr auf Relevanz abzielt, ein biografisches Fragment des Architekten und eine Kurzbiografie. 

Das Buch lädt ein zu einer Zeitreise in eine Ära des Aufbruchs, in der vieles möglich schien, so manche innovative Idee jedoch in den Planschubladen verschwand. Für die Gegenwart hält es eine ernüchternde, aber trotzdem auch aufmunternde Botschaft bereit.

 

Franz Füeg. Entwerfen. Bauen. Schreiben. Lehren

Franz Füeg. Entwerfen. Bauen. Schreiben. Lehren
Christoph Allenspach

216 x 279 Millimeter
220 Seiten
180 Illustrationen
Paperback
ISBN 9783035615302
Birkhäuser
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