Katalysator für das Miteinander

Martina Metzner
29. Oktober 2020
Ein Bild von trauriger Kraft: Ariel Schlesingers Skulptur «Untitled» (2019) erinnert an die Ver- und Entwurzelung der Juden in Europa. Sie steht im Schutzgraben, den das Jüdische Museum Frankfurt noch immer braucht. (Foto: Norbert Miguletz © Jüdisches Museum Frankfurt)

Die behutsame Erweiterung und Sanierung des Jüdischen Museums Frankfurt durch Staab Architekten ist ein raumgewordener Dialog – nicht nur zwischen Alt und Neu, sondern auch zwischen Kulturbauten und der Stadt. Die Anlage hat das Potenzial, ein wertvoller Ort des Austauschs und des Voneinander-Lernens zu werden.

Am 21. Oktober 2020 wurde in Frankfurt am Main der Erweiterungsbau des Jüdischen Museums samt des frisch sanierten Altbaus eröffnet. Es war dies vor allem auch ein politisches Ereignis: Gerade jetzt, da viele in Deutschland, gemahnt durch den Terroranschlag von Halle vor einem guten Jahr, einen wiedererstarkten Antisemitismus fürchten, ist die Hoffnung gross, dass solche Häuser zu Orten des Austauschs, des Voneinander-Lernens und schliesslich der Vertrauensbildung werden. Obwohl die grossen Feierlichkeiten zur Eröffnung, die eigentlich schon für Mitte 2019 anberaumt war, durch die Corona-Pandemie ausgebremst wurden, dürfte dem neuen Ensemble in vielerlei Hinsicht grosse Aufmerksamkeit zuteil werden: Einerseits soll ein neues, sehr gegenwartsbezogenes, zeitkritisches und interaktives Ausstellungs- und Vermittlungskonzept den gesellschaftlichen Diskurse stimulieren. Andererseits ist durch die Verknüpfung von Alt- und Neubau ein Kulturensemble mitten in Frankfurt entstanden, das der Stadt und ihrer Architektur eine neue Prägung geben wird.

Über den neuen Bertha-Pappenheim-Platz gelangt man in den Erweiterungsbau, der nun den Eingang ins Jüdische Museum Frankfurt bildet. (Foto: Norbert Miguletz © Jüdisches Museum Frankfurt)
Blick vom zentralen Lichthof im Erweiterungsbau himmelwärts (Foto: Norbert Miguletz © Jüdisches Museum Frankfurt)
Neue Adresse

Doch drehen wir die Zeit zurück: Das Jüdische Museum Frankfurt wurde 1988 im historischen Rothschild-Palais eröffnet und ist das erste seiner Art in Deutschland. Im Laufe der Jahre benötigte man immer mehr Platz für die teils aufsehenerregenden Wechselausstellungen, sodass die Stadt 2012 einen Wettbewerb für eine Erweiterung ausschrieb, bei dem sich Volker Staab im zweiten Durchlauf gegen starke Konkurrenz durchsetzen konnte. Den Ausschlag gab damals, dass er vorschlug, den Erweiterungsbau zur sichtbaren Adresse des Museums zu machen und zugleich das klassizistische Palais von 1820 als Solitär daneben zu erhalten. 

Diese Idee ist grösstenteils aufgegangen: Es ist ein ausgesprochen ausgewogener Dialog von Alt- und Neubau entstanden. Die beiden Gebäude bilden ein starkes Duo aus Geschichte und Gegenwart, ohne dass der niedrigere Erweiterungsbau das historische Palais zu sehr dominiert. Mit dem Neubau kommen 2400 Quadratmeter Nutzfläche hinzu. Durch die abgekanteten Linien wird das Auge auf die sich verjüngende Flucht gelenkt, wo sich Alt und Neu eng gegenüberstehen. Das alte Rothschild-Palais, seinerseits ein Konglomerat aus zwei Gebäuden, bleibt ein wichtiger Teil der Anlage, wie Volker Staab beim gemeinsamen Rundgang betont: Hier befinden sich nun die Dauerausstellungen, darunter eine Schau über Anne Franks Familie. Entscheidend für das Zusammenspiel der beiden Gebäude ist die Erschliessung: Sie erfolgt nicht länger über den stark befahrenen Untermainkai, sondern über den neuen Bertha-Pappenheim-Platz. Zum alten Palais gelangt man mittels eines neu installierten Aufzugs, der – wie auch der historische Treppenturm – die beiden Häuser verbindet.

Eine zentrale Ebene verbindet die unterirdische Wechselausstellung und das historische Rothschild-Palais. (Foto: Norbert Miguletz © Jüdisches Museum Frankfurt) 
Von innen nach aussen

In Deutschland gehören Staab Architekten zu den wohl arriviertesten und anerkanntesten Experten in Sachen Museumsbau. Und trotzdem war die hochsensible Bauaufgabe eine enorme Herausforderung für das Team. Gewiss kam ihm zugute, dass es sich gleich mit zwei jüdischen Bauten auf deutschem Boden parallel befasste: Neben der Museumserweiterung arbeiteten Staab Architekten auch an der neuen Synagoge in Regensburg. Bei beiden Gebäude wollten sie, so erklärt Volker Staab, explizit keine jüdische Symbolarchitektur schaffen.

Der Museumsneubau ist reich an Atmosphären, Bezügen zwischen Innen- und Aussenraum und Wegbeziehungen. Während man das Gebäude von aussen als kompakten, kraftvollen Monolith wahrnimmt, wird man im Inneren von der Grosszügigkeit, dem vielen Licht und den hellen Materialien angenehm überrascht. Vom zentralen Lichthof, in dem man unweigerlich den Blick durch eine polygonale Öffnung gen Himmel richtet, lassen sich alle Funktionseinheiten wie der Veranstaltungssaal, die Bibliothek, der Gastronomiebereich, die Buchhandlung, die Wechselausstellung und die Werkstätten erreichen. Sie sind auf insgesamt drei Ebenen angeordnet, die im Split-Level-System organisiert sind. Die Bibliothek und der Wechselausstellungsraum wirken selbst monolithisch: Während erstere – das Herz des Hauses, wie Volker Staab sagt – komplett in Esche vertäfelt ist, zeigt sich der 600 Quadratmeter grosse, unter dem neu geschaffenen Bertha-Pappenheim-Platz gelegene Ausstellungsraum nüchtern – und ohne Tageslicht. Aber in Frankfurt ist man seit dem unterirdischen Erweiterungsbau des Städel Museums durch schneider+schumacher gewohnt, für Kunst und Kultur hinabzusteigen.  

Weil die Grundrisse ohne rechte Winkel auskommen und aufgrund der geschickten Wegführung, gleitet man unversehens durch die Räume. Und obwohl diese stark durch den speziellen, mit einer grobkörnigen Mischung angereicherten Rohbeton geprägt sind, wirken sie nicht kalt, sondern freundlich – wohl auch, weil die Orte des Kontaktes und der Aktivität wie behagliche Alkoven mit Eschenholz ausgekleidet sind. Als eleganten Akzent haben Staab Architekten einen Messington gewählt, der an allen beschichteten Elementen zu finden ist. Unweigerlich hält man inne, wenn der Blick durch die grosszügigen Panoramafenster nach draussen gelenkt wird. Das Innen verbindet sich dann überzeugend mit dem Aussen – ganz gemäss dem Leitmotiv des Hauses: «Ein Museum ohne Mauern». Besonders beeindruckend ist das sechs mal vier Meter grosse, nach Westen gerichtete Fenster in der Bibliothek im 1. Obergeschoss, das als Schaukasten fungiert und nachts beleuchtet wird.

Behutsam haben Staab Architekten die Ausstellungsräume im Rothschild-Palais saniert, die in den 1980er-Jahren bereits durch Ante Josip von Kostelac ertüchtigt worden waren. (Foto: Norbert Miguletz © Jüdisches Museum Frankfurt)
Auch das Palais ist jetzt heller: Der historische Treppenturm wurde saniert. (Foto: Norbert Miguletz © Jüdisches Museum Frankfurt)
Ein Museum als Begegnungsort und Geschenk für die Stadt

Nicht nur das gelungene Zusammenspiel beider Gebäude, das die Bezeichnung Ensemble wahrlich verdient, sondern auch der neu geschaffene Bertha-Pappenheim-Platz ist ein Geschenk an die Stadt und ihre Bewohnerinnen und Besucher. Der Platz öffnet sich zu den Wallanlagen. Er belebt diesen einstigen «Nicht-Ort», an dem sich früher, eingeklemmt zwischen zwei Hausrückseiten und einer stark befahrenen Strasse, der Garten des Rothschild-Palais befand. 

Leider bedürfen jüdische Einrichtungen in Deutschland besonderem Schutz: Die Sicherheit der Anlage wird nicht nur durch spezielle Türen und Technik gewährleistet, sondern auch über einen Schutzgraben, der dem Freibereich des nahen Restaurants vorgelagert ist. Weil dort eine Skulptur der Künstlerin Ariel Schlesinger sehr geschickt platziert wurde, bemerkt man diesen kaum. Die Arbeit «Untitled» besteht aus zwei in Aluminium gegossenen Bäumen, deren Kronen ineinander verschlungen sind, wobei die Wurzel des oberen Baumes gen Himmel ragt – ein Symbol gleichermassen für die Ver- und Entwurzelung der Juden in Europa. 

Der Erweiterungsbau mitsamt der Sanierung des historischen Palais ist in vielerlei Hinsicht als ein raumgewordener Dialog zu verstehen: mit seiner Umgebung, mit den Besucherinnen und Passanten und von Geschichte und Gegenwart des jüdischen Glaubens. Das Jüdischen Museum Frankfurt zeigt beispielhaft, wie Kulturbauten sich durch ihr Raumprogramm öffnen und einen leichten, barrierefreien Zugang schaffen können. Die Anlage verknüpft viel, was Volker Staab und sein Team in den vergangenen Jahren im Museumsbau gelernt haben. Herausgekommen ist ein Bau, der sich nicht abgrenzt, sondern der verbindet und vermittelt.

Grundriss Erdgeschoss
Grundriss 1. Obergeschoss
Grundriss 2. Obergeschoss
Dieser Schnitt zeigt den Übergang zwischen Alt- und Neubau.
Schnitt Neubau
Bauherr
Stadt Frankfurt am Main

Architektur 
Staab Architekten, Berlin
 
Bauleitung 
schneider+schumacher Bau- und Projektmanagement GmbH, Frankfurt am Main
Veranstaltungshinweis

Am 10. Dezember 2020 um 19 Uhr findet im Jüdischen Museum der Anlass «Mit Räumen erzählen: Zum architektonischen Ensemble des neuen Jüdischen Museums» statt. Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums, wird mit Volker Staab diskutieren.

Der Eintritt kostet EUR 5 Euro. Ermässigte Tickets gibt es für EUR 2,50.
Eine Anmeldung ist notwendig.

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