Liberale Urbanität?

Manuel Pestalozzi
12. Dezember 2019
Blick vom Zürichberg ins Limmattal (Foto: Manuel Pestalozzi)

«Liberale Antworten auf urbane Fragen» verspricht ein «Denk- und Arbeitsbuch», das vier Mitglieder der Stadtzürcher FDP herausgegeben haben. Darin findet man einen mitunter anregenden Mix von Positionen zur Entwicklung Zürichs. Doch ein Gegenentwurf gelingt nicht. Auch bleibt nebulös, wie eine liberale Stadt aussehen soll.

Dominique Zygmont, Severin Pflüger und Michael Schmid sitzen für die FDP im Gemeinderat der Stadt Zürich, Beat Habegger im Kantonsrat des Standes Zürich. Die vier Parlamentarier gründeten mit weiteren Vertreter*innen der FDP-Ortsparteien der acht grössten Schweizer Städte (Zürich, Bern, Basel, Genf, Lausanne, Winterthur, Luzern, St.Gallen) die Gruppe «FDP urban», um das Profil der Partei in Sachen Städtebau und Planung zu schärfen. Mit ihrem Buch «Liberale Antworten auf urbane Fragen» wollten sie kreative und kontroverse Ideen sammeln, um diese anschliessend in ihre Politik einzubinden. Es soll ihnen und ähnlich Gesinnten die Möglichkeit geben, «über den Tellerrand zu schauen». Diese Initiative ist insofern spannend und begrüssenswert, als politische Anregungen für die Planung, die Ausgleich, Selbstverwirklichung und gesellschaftliche Zukunftsvisionen betreffen, seit längerer Zeit vor allem aus dem linken Lager zu kommen scheinen. Wie könnte sie also aussehen und funktionieren die «Stadt der für sich selbst Verantwortlichen, freiheitlich Gesinnten»? 

Viele Richtungen

Insgesamt zwölf Essays umfasst das Buch. Als Ganzes zeigen sie etwas, was echte Liberale irritieren muss – dass nämlich nicht kuratierte Freiheitlichkeit ins Chaos führt. Die Autor*innen nehmen ganz unterschiedliche Themen in Angriff, ihre Beiträge ergeben eine Sammlung unterschiedlicher Standpunkte. Im besten Falle können sich diese in einer Stadt überlagern, im schlechtesten prallen sie direkt aufeinander, was wohl dringend ein Schiedsgericht erfordern würde. Dennoch bietet das Buch einige attraktive Denkanstösse, die auch für Architekt*innen ihren Wert haben. Betrachten wir einige Beispiele näher:

Matthias Daum, Journalist und Leiter des Schweizer Büros der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit», fordert in seinem Aufsatz provokativ die Auflösung der Stadt Zürich als Verwaltungseinheit. «Nicht in der Innenstadt, an den Rändern und in der Agglomeration glüht Zürich», schreibt er. An der Stelle der aktuellen Ordnung sieht er neu gegründete Stadtgemeinden von jeweils 50'000 bis 100'000 Einwohner*innen, beispielsweise die «Eugen-Huber-Stadt» mit dem Stadtteil Altstetten und den Gemeinden Schlieren, Urdorf und Uitikon. (Eugen Huber? Das war der Verfasser des Schweizerischen Zivilgesetzbuches, seine Eltern stammten aus Altstetten)

Mehrere Autor*innen befassen sich mit der Steuerung der Nachfrage und des Angebots bei Flächen in urbanen Gebieten. Myra Rotermund, Architektin und Beraterin beim Wirtschaftsprüfer KPMG Schweiz, wünscht sich ein Flächenmanagement, welches der individuellen Selbstentfaltung dienlich ist, sie verwendet den vermeintlich antiquierten Begriff der «Zentren» regelmässig. Kurt Fluri, der Stadtpräsident von Solothurn, sieht die herkömmliche Stadt ebenfalls als Zentrum mit Magnetwirkung, die sich von der Umgebung deutlich unterscheidet und Lasten tragen muss, für die sie entschädigt werden soll. «Unsere Stadt braucht keine Mauern, um sich zu schützen», schreibt der Publizist Kacem El Ghazzali. Liberalität und Urbanität sind für ihn an erster Stelle eine Gesinnung, die Offenheit signalisiert und sich über die ganze Landschaft ausbreiten sollte.

Partikularinteressen zuerst

Bestimmte Menschen haben bestimmte Erwartungen an die Stadt. Diese müssen moderiert und im Sinne des Gemeinwohls abgewogen werden, was im Buch nicht geschieht. Dass sich Andreas von Euw als Mitglied der Geschäftsleitung von Burri Public Elements AG für eine Aufwertung der öffentlichen Freiräume stark macht, ist augenblicklich nachvollziehbar. Bettina Fahrni, Präsidentin der Jungfreisinnigen, präsentiert sich als Vertreterin ihrer Generation. Die will in der Stadt länger und mehr Party machen. Dafür wünscht sie sich den passenden gesetzlichen Rahmen und Sammeltaxis. Auch die Wirtschaft ist im Buch vertreten: Dr. Thomas Wellauer, Mitglied der Gruppen-Geschäftsleitung der Swiss Re AG, zählt die idealen Bedingungen auf, unter denen Zentralen von Grossunternehmen im städtischen Umfeld gedeihen können. Niels Rot, Mitbegründer des Impact Hub Zürich, tut Gleiches für das von staatlichen und privaten Institutionen bespielte Bildungsumfeld – bezeichnenderweise in englischer Sprache. Dr. Fabian Schnell, Forschungsleiter Smart Government beim Think-Tank Avenir Suisse, wünscht in der Stadt mehr Wettbewerb und illustriert das am Beispiel Kinderbetreuung.

Eine Stadt braucht Nischen, Freiräume, die von rigider Planung ausgenommen sind. (Foto: Manuel Pestalozzi)
Und die Planung?

Das eigentliche Bauen und der Planungsbetrieb kommen im «Denk- und Arbeitsbuch» fast gar nicht zur Sprache – dabei ziert ein Baugespann den Buchumschlag. Dass sich keine Immobilienentwickler*innen für einen Beitrag gewinnen liessen, ist bedauerlich. Gerade sie hätten sicher Interessantes zur Regeldichte und zu den Realisierungschancen von Projekten in Städten sagen können. Von Persönlichkeiten wie etwa Balz Halter wären interessante Stellungnahmen zu den politischen Gegensätzen zwischen Stadt und Agglomeration zu erwarten gewesen.

In Zürich befindet sich die FDP seit längerer Zeit in der Opposition. Und ihr Buch zur Urbanität bekräftigt den Eindruck, dass die links-grüne Mehrheit hinsichtlicher der Zürcher Stadtentwicklung vieles richtig macht, auch von einer liberalen Warte besehen. Die tatsächliche Entwicklung der Stadt steht in ihrer Gesamtheit jedenfalls nicht im Widerspruch zu den in den Essays geäusserten Meinungen und Visionen. In der Publikation entsteht kein Gegenentwurf zum Zürich von heute, auch konkrete Alternativen zu den realen Planungen für morgen finden sich nicht. Es bleibt zudem diffus, wie «anders» das Idealbild einer liberalen urbanisierten Landschaft aussehen könnte.

Will man nach der Lektüre ein Fazit ziehen, dann wohl dieses: Eine Stadt ist ihrem Wesen nach nicht liberal. Denn schon immer ist sie das Resultat einer hohen Dichte an Regeln, gerade auch in baulicher Hinsicht. Was eine Stadt aber immer bieten muss, sind Nischen, die von Urbanität profitieren, aber von rigider Planung ausgespart bleiben. Die Möglichkeit zur Entscheidungsvielfalt und offenen Resultaten muss eingeplant sein.

Foto: FDP Stadt Zürich

Das Buch kann für 30 Franken bei der FDP der Stadt Zürich bestellt werden ([email protected], 043 343 99 69).

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